Interview mit Beach Slang

Interview mit Beach Slang

Osnabrück ist grau. Zumindest auf dem ersten Blick. Doch die Betreiber der Kleinen Freiheit versuchen tapfer, mit ihrem künstlichen Strand und den auf dm Sand dicht aneinander gedrängten Sesseln, Sofas und Strandkörben dagegen zu halten. In diesem Bild scheint sich zumindest auch James Alex (Mitte), seines Zeichens Sänger und Gitarrist von Beach Slang wie Zuhause zu fühlen und kommt aus dem Schwärmen von den nun doch so selten gewordenen Clubshows gar nicht mehr heraus – bis das Thema auf dem von ihm doch so verehrten Morrissey fällt. Er habe einmal auf demselben Festival wie er gespielt, erzählt er. Und er habe sich dann doch sehr zusammenreißen müssen, nicht während seines Sets auf die Bühne zu gehen und ihn zu umarmen oder ihm gar seine eigene Musik zu zeigen. Immerhin hatte er noch nicht selber gespielt und es wäre fatal gewesen, wenn sie deswegen von dem Gelände verwiesen wären. Wahrscheinlich musste er auch noch wenige Stunden später auf der Bühne, als er einen Song von Morrissey anstimmte, an diesen Tag denken. Denn selten hat man den Musiker so konzentriert gesehen.

Du lebst so gesehen zwei Leben. Zum einen das eines fast durchgehend tourenden Musikers und zum anderen das eines Vaters. Wie schaffst du es, beidem wirklich gerecht zu werden?

Ja, das klingt schon kompliziert, was? Ich habe es aber mittlerweile geschafft, streng zwischen Dad-Modus und Tour-Modus zu trennen, obwohl es gerade auf langen Touren manchmal schon schwierig ist. Dass man in einer Rock’n’Roll-Band spielt und von vielen wie ein Rockstar behandelt wird, macht es auch nicht einfacher. Aber wenn ich dann ab und zu mit Oliver skype, bringt mich das wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Ist das auch der Grund, warum du deine Songs auf Tour schreibst? Dass du, wenn du dann mal Zuhause bist, dann auch eben ein Vollzeit-Dad sein kannst?

Ganz genau. Wir sind einfach so viel unterwegs und wenn ich daheim bin, dann will ich es auch wirklich sein. Dann will ich präsent sein und nicht in einem anderen Raum sitzen und dort an Songs oder sonst was arbeiten. Wenn ich Zuhause bin, will ich mit meinem Sohn spielen! (lacht)

Ihr bringt bald eurer zweites Album raus, „A Loud Bash Of Teenage Feelings“ heißt das und handelt ja eben auch genau davon. Also von Menschen, von Fans, die dir auf Shows am Merchstand Geschichten über sich erzählt haben. Welche hat dich am meisten beeindruckt?

Das ist die, die mich zu „Warpaint“, dem letzten Song auf dem Album inspiriert hat. Es geht darum, sich wertlos zu fühlen – generell und für andere Personen. Die Frau, die mir das erzählt hat, ist inzwischen auch eine gute Freundin und ich habe den Song in der Hoffnung geschrieben, dass sie sich für immer daran erinnern wird. „Warpaint“ ist für mich definitiv der Song mit der stärksten Aussagekraft. Wahrscheinlich ist er obendrein der persönlichste Song, den ich jemals geschrieben habe.

Echt? Nicht einer, der eine deiner Geschichten behandelt?

Bei meinen eigenen Geschichten wusste ich immer, dass ich sie erzählen kann. Aber die Geschichte von einer anderen Person so intim weiterzugeben, ist etwas komplett Anderes. Ich würde es fast schon als riskant bezeichnen und deswegen wollte ich auch absolut sichergehen, dass ich damit alles richtig mache. Selten habe ich so sorgfältig an einem Song gearbeitet. Aber ich will ihn eben auch in Ehren halten, weil er schlicht und einfach nicht weniger als das verdient.

Schreibst du die Songs deswegen auch immer ganz alleine? Ohne dass irgendjemand Anderes im Raum ist?

Ich glaube das liegt daran, dass ich Angst habe, mich mit meiner Musik lächerlich zu machen. Ich arbeite extrem lange an etwas und höre es wirklich mehrere hundert Male, bevor ich es jemandem zeige. Ich will davon überzeugt sein, bevor ich damit auch nur meinen Bandkollegen gehe.

Dieses Mal war es so, dass ich verhältnismäßig lange an den Songs gearbeitet habe, wir sie zweimal geprobt haben und sie dann innerhalb von nur neun Tagen aufgenommen haben. Das ist zwar schon fast typisch für Beach Slang, aber trotzdem echt anstrengend. Ich habe in der Zeit kaum geschlafen und den letzten Song vom Album sogar noch in der ersten Nacht im Studio geschrieben. Diese Geschwindigkeit war echt anstrengend und das werde ich wahrscheinlich auch nicht noch einmal so machen (lacht), aber eben weil alles so schnell gehen musste, hatte das Album gar nicht die Zeit, etwas anderes als absolut ehrlich zu werden.

Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich, als ich das erste Mal von dem Release eures neuen Albums erfahren habe, eigentlich nur eine Art Sammlung von übrigen B-Seiten vom ersten Album erwartet, weil die Releases ja nur ein paar Monate trennen.

Ich habe das gesamte Album auf unserer Europatour im letzten Winter geschrieben. Ich weiß, dass es heutzutage ungewöhnlich ist, so schnell hintereinander Alben zu veröffentlichen, aber für uns macht das total Sinn. Und außerdem bleibt durch die Abwechslung, durch das Hin- und Herwechseln von Songwriting und Live-Show, das Ganze auch interessant. Es hat gar nicht die Zeit, alt zu werden.

Euer Debütalbum heißt ja „The Things We Do To Find The People Who Feel Like Us“. Habt ihr diese Leute in den Fans gefunden, die euch am Merchstand ihre Geschichten erzählt haben? Sind es die Teenager, die jetzt in eurem neuen Album zu Wort kommen?

Auf jeden Fall! Ich habe gemerkt, dass Beach Slang ein Magnet für Sonderlinge ist. Man kann so etwas keinesfalls planen, das ist unmöglich, aber es ist einfach wunderschön, wenn sich jeden Abend auf’s Neue „solche“ Leute treffen und es jedes Mal einfach großartig ist. Wir können uns sehr glücklich damit schätzen, dass wir das mit Beach Slang haben. Weißt du, ich bin zum Rock’n’Roll gekommen, weil ich den Gedanken von gestoppter Entwicklung nicht mochte. Ich will eine Stimme haben, ich will Freiheit haben. Ich wurde mal als ein erwachsener Teenager beschrieben, was mich meiner Meinung nach perfekt beschreibt. (lacht)

Euer Debütalbum hat davon gehandelt, wie man gleichgesinnte Menschen findet und das zweite Album handelt nun von den Geschichten dieser Menschen. Plant ihr eine konzeptionierte Album-Trilogie? Der dritte Teil könnte schließlich sehr gut davon handeln, wie es ist, wieder nach Hause und in die Realität zurückzukommen.

(zögert) Ich habe nie über so etwas nachgedacht, aber das ist super interessant! Ich weiß es echt nicht, es kann schon gut sein, dass das tatsächlich so ist und es bisher nur noch niemand wusste. Ich selbst habe unsere Alben bisher auch noch nicht so durchdacht, ich verehre die Smiths nur einfach so sehr, dass ich die Alben auch mit so langen Titeln versehen habe. Quasi als eine Hommage an die Band. Thematisch macht das, was du sagst, aber auf jeden Fall absolut Sinn. Würde es dir was ausmachen, wenn ich die Idee stehle? (lacht)

(Lacht) Das darfst du gerne tun, wenn du das möchtest. Aber lass uns auch noch über ein anderes Thema sprechen. Vor ein paar Monaten habt ihr JP darum gebeten, die Band zu verlassen. Warum genau?

Da ging es um etwas Langwierigeres, das ist keinesfalls aus dem Affekt passiert. Manchmal passt es einfach alles nicht mehr so ganz, weißt du. Die verschiedenen Persönlichkeiten, die Chemie. Man versucht es aber immer wieder, weil man zusammen etwas aufgebaut hat, das einem sehr wichtig geworden ist. Das ist bei Beziehungen ja nicht anders. Selbst wenn wir wissen, dass es eigentlich keinen Sinn mehr macht, versuchen wir dennoch, sie am Leben zu halten. Wir haben immer wieder mit JP gesprochen, immer wieder versucht, alles zu reparieren, aber irgendwann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es nichts mehr bringt – für Beach Slang, ansonsten sind wir alle noch Freunde. Aber es gab auch eben nur zwei Möglichkeiten: Entweder er geht oder Beach Slang wird aufgelöst und letzteres war für uns keine Option.

Die Shows in Europa spielt ihr momentan mit eurem Freund Cully Symington als Drummer. Wird er JP auch generell ersetzen? Ist er schon ein offizielles Bandmitglied?

Da sind wir immer noch am Überlegen. Letzten Monat waren wir mit unserem Freund Arik Dayan als Drummer in Australien auf Tour und das war großartig. Wir haben echt sehr viel Glück damit, dass wir gleich zwei Leute haben, die Mitglied werden können, weil die Chemie einfach stimmt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen, wir sind uns aber absolut sicher, dass wir ein Quartett sein wollen, eine richtige Band. Offiziell sind wir aber jetzt ein erst mal noch ein Trio.

Es wird aber definitiv einer der beiden! Wir müssen nur noch schauen, wie es unterwegs funktioniert. Verstehen wir uns auch noch, wenn wir wochenlang unterwegs sind? Haben wir auch noch nach Monaten Spaß zusammen? Und das gilt natürlich für beide Seiten. Wir müssen auch danach schauen, ob sich Arik oder Cully wohlfühlen und nicht kurze Zeit später wieder aussteigen wollen. Dieses Mal soll es halten, ich habe echt keine Lust darauf, dass sich das ständig wechselt, ich will eine stetige Band (lacht).

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