Interview mit Captain Planet

Interview mit Captain Planet

Vier Jahre hört man quasi nichts von der Band. Dann machen sich Captain Planet mit einer Albumankündigung bemerkbar und schon entsteht ein kleiner Hype in jeglichen Musik-Magazinen. Gitarrist Benjamin Sturm (zweiter von rechts) nennt es „einen schönen Nebeneffekt“ und bezeichnet die Fans als „wahnsinnig treue Seelen“, die auch nach langer Zeit immer noch da sind. Auf einmal erleben die Hamburger wieder die geballte Aufmerksamkeit – so sehr, dass sich ihr Gitarrist auch mal für einige Stunden im Grand Hotel van Cleef-„Vereinsheim“ einquartieren muss, um via Skype allem und jedem gerecht zu werden.

Heute stehen dann ja wahrscheinlich noch unglaublich viele Interviews an. Macht ihr das in Schichten oder machst nur du das?

Ja, wir machen das den ganzen Tag, 24 Stunden lang, in Schichten (lacht). Nein, das ist in gute Häppchen aufgeteilt. Ich glaube, manchmal wird man von Bands, die man mag, mit allem Möglichen so zugeballert und da steige ich persönlich dann auch irgendwann aus, weil es mich nervt. Wir versuchen das in dem Rahmen zu machen, dass die Fans, wenn wir etwas machen, das auch mitkriegen. Und die Resonanz ist natürlich überragend. Nicht nur, was die Rückmeldungen angeht, sondern auch dass die Deluxe-Editionen alle schon innerhalb von ein paar Tagen ausverkauft sind.

Ich möchte keine Namen nennen, aber manche Bands bringen ja ein, zwei Sachen pro Jahr raus, die auf Dauer aber alle gleich klingen oder sogar immer schlechter werden. Euer letztes Album, „Treibeis“, kam inzwischen vor etwa vier Jahren raus, wie lange hat das Songwriting dieses Mal bei euch gedauert?

Tatsächlich vier Jahre. Wir fangen relativ schnell nach einer Platte wieder an, neue Songs zu schreiben. Aber bis wir so einen Song immer wieder auseinander- und wieder zusammengebastelt haben, vergehen nun einmal auch gerne ein paar Monate. Und auch wenn es zum Schluss auf Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Zwischenteil hinausläuft, ist es trotzdem immer wieder was Neues. Manches lassen wir dann auch gerne mal ein paar Monate liegen. Oder manches geht, weil es beim Spielen, weswegen auch immer, einfach nervt, verschollen.

Böse Zungen würden behaupten, dass ihr euch musikalisch nicht weiterentwickelt, weil man euch auch nach einigen Jahren immer sofort wiedererkennt. Muss man sich, wenn man interessant bleiben möchte, verändern?

Also zum einen haben die bösen Zungen ja Recht. Klar machen wir irgendwie immer wieder den gleichen Quatsch, weil es das ist, was wir gerne machen, und auch in dem Bereich sind, wo wir das ganz gut machen. Würden wir jetzt auf einmal eine Hardcore-Platte machen, dann wäre das Quatsch und das würde ich mir auch nicht anhören wollen. Es muss uns gefallen, aber natürlich sind wir in dem Rahmen, was wir überhaupt machen können, limitiert – und das kommt dann dabei raus.

Ob ich glaube, dass sich Bands immer weiter verändern müssen? Ja, aber das muss gar nicht auf die Musik bezogen sein, es kann ja auch eine veränderte Konstellation innerhalb der Band sein. Wie entwickeln sich die Freundschaften dabei? Mit wem hat man dann mal mehr zu tun, mit wem weniger? Dieses Gefüge verändert sich ständig, bei der Musik muss das nicht passieren. Ich persönlich bin jemand, der total darauf steht, wenn Bands immer dasselbe machen. Wenn ich die einmal gut finde, dann finde ich es auch weiterhin gut – obwohl es dann natürlich auch den Punkt gibt, an dem es dann für manche Leute langweilig wird. Dann muss ich sagen: „Sorry, kann ich verstehen, dass es irgendwann langweilig wird, aber wir können nichts Anderes!“ (lacht).

Dann lass uns endlich mal über das neue Album sprechen, „Ein Ende“. Warum hat der Titel nichts Maritimes mehr als Thema?

Tatsächlich gab es bei uns nie den Plan, darauf so herumzureiten, zu sagen, wir sind eine norddeutsche Band und Hamburg hat ja auch einen Hafen und deswegen muss man maritime Bilder zurechtzaubern. Es gab eigentlich nie diese Festlegung. Ich glaube, wenn man sich so darauf annähert, wie man eine Platte nennen kann und wie sich die Songs zu einem Bild zusammenfügen, dann entsteht keines, was auch nur mit einer handbreit Wasser unter’m Kiel zu tun hätte. Ich persönlich hätte es auch ein bisschen platt gefunden.

Deutet der Albumtitel vielleicht darauf hin, dass ihr bald nicht mehr ihr selbst seid? Dass es vielleicht mit euch zu Ende geht?

(zögert) Naja, jede Platte ist irgendwie ein Ende. Da steckt ja ganz viel von jedem von uns drin und das ist natürlich ein Kraftakt. Und wir sind auch eine Band – und das schätze ich an uns sehr –, die versucht, alles rauszuholen, was möglich ist, um so eine Platte zu machen. Wie schon gesagt, wenn dann jemand hinterher meint, das sei immer das Gleiche und langweilig, dann kann ich sagen „ja, das stimmt, aber das ist Captain Planet Ende 2015“. Und damit ist das auch erst einmal abgehakt. Ob wir es wieder schaffen, diese Kreativität, Leidenschaft, Zeit, Energie und Liebe aufzubringen, um so eine Platte zu machen, kann ich dir nicht sagen, das werden wir wahrscheinlich in vier Jahren sehen (lacht).

War es eigentlich von vornherein Absicht, dass euer Video zu „Pyro“ die Vorgeschichte zu dem ersten Video von dem neuen Album sein sollte? Also zu dem von „Vom Ende an“?

Ja, das liegt ja auch schon im Titel. Also „Vom Ende an“ bedeutet ja „wo haben wir eigentlich aufgehört und wo sind wir jetzt?“. Das ist genau der Anknüpfungspunkt. Und wenn es aufgefallen ist, hat es auf jeden Fall schon mal geklappt (lacht). Der Plan war einfach zu zeigen, dass vor vier Jahren alles eine Katastrophe war und in Trümmern liegt und wie man damit umgeht – oder eben auch nicht umgeht – und zu welchen Eskalationen es führt. Und jetzt ist es eben vier Jahre danach (lacht).

Kommen da denn noch ein paar Teile hinterher, dass es nachher zu einem kleinen Film wird?

Es geht tatsächlich weiter, da passiert was!

Hat das denn eventuell etwas mit einer anstehenden Tour zu tun?

Das auch, die steht ja natürlich auch noch an, das Touren ist ja eines der besten Sachen an diesem ganzen Bandquatsch. Du bist doch gerade in Münster, oder? Münster ist für uns eine der wahnsinnigsten Städte, weil dort auch schon vor sehr vielen Jahren viele Leute gekommen sind, die richtig Bock drauf hatten. Und das hat sich bisher auch nicht geändert und ich hoffe, dass es auch weiterhin so bleibt.

Arne hatte ja mal vor Jahren in einem Interview gesagt, dass er sehr gerne mal mit den zu der Zeit nicht aktiven At The Drive-In touren möchte. Jetzt gibt’s die ja wieder, habt ihr eure Booker schon drauf angesetzt?

(lacht) Wir booken ja tatsächlich unsere Konzerte zum größten Teil immer noch selber, aber bisher sind wir nicht drauf angesetzt, nein. Also klar, At The Drive-In sind eine der wahnsinnig besten Bands, die ich kenne, und auch eine der besten Live-Bands – ob sie das jetzt immer noch sind, kann ich nicht sagen, ich habe keine der Shows gesehen, die sie jetzt gespielt haben. Aber wir haben die Konzerte immer irgendwie alleine oder mit Freunden gemacht, wir haben nie versucht, uns irgendwo dranzuhängen, um damit andere Leute oder mehr Publikum zu erreichen. Wenn wir jemals mit At The Drive-In spielen sollten, fände ich es bestimmt sau spannend und wäre die ganze Zeit super aufgeregt. Aber vielleicht ist es auch desillusionierend, ich weiß es nicht.

Damals wart ihr euch mit dem Text von „Nest“ nicht so ganz einig. Du hattest anstatt von „wie der Baum im Winter seine Nester“ „wie der warme Winter seine Nester“ eingesungen. Ist euch das bei „Ein Ende“ auch passiert?

(lacht) Das werden wir wahrscheinlich erst in ein paar Monaten feststellen, wenn wir live spielen, den anderen angucken und uns fragen, was der da überhaupt singt (lacht). Also bisher ist es noch nicht aufgefallen, aber das Witzige ist ja auch, dass das Publikum auch genau solche Sachen macht. Irgendjemand ist zum Beispiel mal zu uns gekommen und meinte „ich finde diesen einen Song so super, aber eine Sache, die ich nicht verstanden habe, ist, wieso der Westfale in diesem ganzen Durcheinander auftaucht“ (lacht). Dann mussten wir jedenfalls feststellen, dass er den Text wirklich nicht so ganz verstanden hat, weil es da „ein Rest Farbe in diesem ganzen Durcheinander“ heißt. So macht jeder seine eigenen Texte, das ist ja auch okay. Wenn ich Songs von NOFX und Lagwagon und so höre, dann singe ich auch jedes einzelne Wort auf Fantasie-Englisch mit – und das ist auch in Ordnung so.

Ist das für euch besser als wenn alle immer direkt nach Songrelease die Lyrics verlangen würden?

Bei Arnes Texten ist es ganz oft so, dass Bilder geschaffen werden, in denen ich entweder was von mir selber finde oder eben nicht. Und selbst wenn man einen Text, von dem man jedes einzelne Wort hört, kennt, dann liest, bedeutet das immer noch für jeden einzelnen irgendwas Anderes. In diesem Fall hat wahrscheinlich ein Westfale in diesem ganzen Durcheinander irgendwas Gutes für diese Person ausgelöst (lacht). Texte haben ja Interpretationsspielräume. Wenn sie keine Parolen und ganz klar sind, dann lassen sie immer Räume offen, die man selber mit Inhalt füllen muss. Insofern ist es eigentlich egal, ob jemand das gleiche oder etwas Anderes singt. Und bei Konzerten ist es ja auch eher das Gefühl, dass man etwas gemeinsam macht. Was ich an Konzerten toll finde, ist das Gefühl, dass wir alle zusammen sind und das zusammen durchziehen.

Schön, dass du schon auf die Interpretationssache eingegangen bist, ich habe mir nämlich mal ein paar Textzeilen rausgeschrieben. Bei „Ole und Pia“ war das für nämlich auch so, dass ich dachte, Captain Planet würden sich auflösen. Dort heißt es ja „der Fluss, eine Naht, die uns zusammen hält, dort, wo du auf Inseln stehst; zwischen neuen Zeiten und frischen Wänden, letzte Spur vom alten Leben“. Ich verstehe das so, dass dieses „wo du auf Inseln stehst“ ein Hinweis auf das Album „Inselleben“ ist, was zum alten Leben gehört, das nun vorbei ist. Ist das absolut überinterpretiert?

Ja, total! Aber das ist doch das Geile dabei. Guck mal, du hast aus diesem Text für dich Inhalte zusammengefügt, mit denen du für dich selber arbeitest. Aber es hat tatsächlich überhaupt gar nichts damit zu tun, worum es um den Text geht. Ich könnte dir jetzt natürlich erzählen, worum es in dem Text geht, dann würdest du für dich den Text neu entschlüsseln. In dem Fall ist es für dich wahrscheinlich nicht so schlimm, aber in andere Fällen könnte das auch alles kaputt machen, was ein Text so für einen bedeutet. Willst du es wissen oder willst du es nicht wissen?

Doch erzähl ruhig, ich bin neugierig.

Man merkt, dass du nicht aus Hamburg kommst. Also der Fluss ist, wenn du es ganz konkret nimmst, eine Naht. „Dort, wo du auf Inseln stehst“ – was steht da jetzt auf dieser Insel? – die Elbphilharmonie. Und Hamburg versucht ja, sich als Marktstadt zu etablieren, also nach dem Motto: Wie machen wir Hamburg attraktiv für Großveranstaltungen? Wie räumen wir den ganzen Dreck aus den Straßen?, Wie streichen wir alle Wände neu? Wie machen wir uns so glatt wie möglich? Und eigentlich ist das mehr eine Liebeserklärung an den ganzen Dreck in der Stadt, alles eben im Gegensatz zu „Ole und Pia“ – O-lym-pia – und diese Werbung für die Olympiade. Die war ja von Anfang an eine Scheißidee. Also wenn du den Text jetzt wieder neu liest, wird er für dich etwas ganz Anderes bedeutet, wird sich ganz anders entschlüsseln und wird für dich einen anderen Sinn machen.

Bei „Tulpenfarm“ sagt ihr auch einmal „wir sind alle gescheitert“. Bezieht ihr euch da auf euch selber oder ist das auch wieder ein Hamburg-Ding, was man als Münsteraner nicht versteht?

(lacht) Nö, das kann man auch in Münster verstehen. Klar sind wir alle gescheitert. Wer von sich nicht sagen kann, mal gescheitert zu sein, der hat auch nie irgendwas gewagt.. Der Song ist eine kleine Liebeserklärung an das Scheitern. Es gibt ja diese deutsche Biederkeit, dass alles glatt sein muss, jeder muss immer alles schaffen und sich bloß nicht mit dem, was man macht, zu weit aus dem Fenster lehnen. Dieses „was hast du denn schon wieder für Sachen an?“ und „such dir mal einen Job“ und „willst du wirklich Kunst studieren?“ – diese ganze Scheiße führt ja dazu, dass Menschen vor dem Scheitern Angst haben. Aber was bedeutet Scheitern denn eigentlich? Scheitern bedeutet, dass ich mir etwas ausgesucht habe, das nicht funktioniert hat. Und jetzt? Macht mich das weniger wertvoll oder macht mich das eigentlich reicher an Erfahrung, reicher an Möglichkeiten? Aus dem Scheitern lernt man. Und vielleicht bedeutet dieses „wir alle sind gescheitert“ auch, dass es weiter geht.

Woran bist du gescheitert?

Willst du jetzt nur eine Sache haben? (lacht und überlegt lange) Ich habe immer diese Vision gehabt, dass ich gerne gemeinsam mit vielen Leuten irgendwo leben und arbeiten will und selbst ganz viel Freiraum habe. Mit dieser Vorstellung bin ich bisher gescheitert und lebe in einer Drei-Zimmer-Wohnung auf Sankt Pauli.

Man scheitert immer mit den eigenen und nicht mit den Vorstellungen der Anderen. Scheitern bedeutet ja auch nicht, dass ich alles schlimm finden muss. Oder anders formuliert: Ich bin auch daran gescheitert, Profi-Skateboarder zu werden. Aber ich kann damit gut leben. Das werde ich vielleicht auch in meinem Leben nicht mehr schaffen. Ja gut, das „vielleicht“ kann man streichen (lacht).

Ich glaube ein Phänomen an dem Älterwerden – und wir sind ja alle schon wahnsinnig alt – ist, dass sich tatsächlich Möglichkeiten schließen. Ich werde bestimmte Sachen eben nicht mehr machen. Auch wenn man in den Urlaub fährt und man darüber nachdenkt, ob man da überhaupt nochmal hinfährt. Das ist komisch, das gab es früher nicht, aber damit muss man dann einfach irgendwie leben.

Unser Review zu „Ein Ende“ findet ihr hier: www.stageload.org/reviews/captain-planet-ein-ende

Kommentare

  1 kommentar

  1. poki

    Der Interpretationsfreiraum der Texte ist auch einer der Punkte, weswegen ich diese Band so liebe! Manche Songs bedeuten etwas ganz persönliches für mich, wobei meine Interpretation vermutlich komplett an dem eigentlichen Sinn vorbeigeht- aber die Texte lassen das eben zu und das ist genial.

    Und so lange bis gleich bis gleich bedeutet, werde ich mich auf die nächste Platte freuen 🙂

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