Interview mit Deafheaven

Interview mit Deafheaven

Von den belächelten Hipstern zu Fast-Grammy-Gewinnern: Deafheaven sind einen erstaunlichen, langen Weg gegangen. Andere Bands haben den hauseigenen Cocktail aus Black Metal und Shoegaze vielleicht schon früher gemixt. Dennoch: Deafheaven haben ihre Sparte der extremen Musik salonfähig gemacht. Im Rahmen der Tour mit den umtriebigen Touché Amoré sowie der Screamo-Dampfwalze Portrayal of Guilt haben wir uns in Wiesbaden mit Sänger George Clarke zusammengesetzt.

Auch wenn es durchaus Überschneidungen gibt, kommt doch jede Band auf dieser Tour aus unterschiedlichen Genres. Wie kam das Paket zustande?

Touché Amoré sind schon sehr lange Freunde von uns. Wir haben vor sieben, acht Jahren schon Konzerte zusammen gespielt, hatten seit dem aber kaum mehr die Möglichkeit dazu. Jetzt hatten wir endlich beide freie Stellen im Kalender. Zu organisieren war es dann recht simpel, das sind Leute die wir fast jeden Tag sehen und mit denen wir abhängen. Wir wollten eine Band finden, die sich so ein wenig in der Mitte zwischen unseren jeweiligen Sounds bewegt. Portrayal Of Guilt waren die ersten, die uns da in den Sinn kamen. Die hatten auch direkt Lust, das hat das ganze ziemlich einfach gemacht. Die Tour stand also ziemlich schnell.

Wie gut funktionieren Portrayal Of Guilt auf den größeren Bühnen?

Ziemlich gut, finde ich. Sie sind klanglich eine sehr interessante Band und haben in ihrem Sound viel mehr Texturen als man vielleicht in einem Keller oder einem kleinen Club heraushören würde. Ich weiß zwar nicht, wie viel Erfahrung sie schon auf größeren Bühnen sammeln konnten, dafür weiß ich, dass solch große Bühnen beim ersten mal komisch, entfremdend und einschüchternd wirken können. Bisher haben sie das wirklich gut gemeistert!

Man hat das Gefühl, ihr tourt fast immer mit Bands oder Acts, die andere Musik machen als eure Band. Schaut ihr da einfach gerne über den Tellerrand oder ist es schwierig, Black-Metal-Bands zu finden die nicht komplett idiotisch sind?

(lacht) Es gibt viele großartige Black-Metal-Bands! Hin und wieder spielen wir auch mit welchen. Für mich als Zuhörer und Konzertgeher allerdings ist eine gewisse Vielfalt einfach viel interessanter. Ich habe da an einem Abend lieber unterschiedlich klingende Bands, die sich teilweise überschneiden, als den ganzen Abend immer wieder das gleiche zu hören. Das ist da eher unsere Motivation. Als Musik-Fans finden wir einfach sehr viel unterschiedliches gut. Ich denke, es ist wichtig, dem nachzugehen und die Sache so auch interessanter zu machen.

Auch wenn es vorher schon Bands gab, die diesen „Blackgaze“ gespielt haben, so scheint es doch, dass vor allem ihr diesen Bereich des Metals in den letzten Jahren einem breiteren Publikum zugänglich gemacht habt. Wie habt ihr euch für den Sound entschieden, als ihr die Band gegründet habt?

Das weiß ich gar nicht so genau. Es war einfach Kram, den wir gut fanden. Wir haben ziemlich viel von der Musik gehört, die dir nahezu jede „Blackgaze-Band“ als Einflüsse nennen würde, viel My Bloody Valentine, Slowdive, Low und ähnliche Bands, dazu beispielsweise auch Elliott Smith. Als wir die Demo schrieben, haben wir also all diese Einflüsse einspielen lassen um einen noch atmosphärerischen Black-Metal-Sound zu kreieren. Bands wie Lantlôs und Alcest haben das schon ein paar Jahre vorher so gemacht. Wir stehen da total drauf. Ansonsten war das aber nicht wirklich eine bewusste Entscheidung. Wenn du anfängst, für ein neues Projekt Musik zu schreiben, denkst du nicht genauer darüber nach.

Gerade zu Anfang wurdet ihr von großen Teilen der Black-Metal-Szene ziemlich belächelt, als „Hipster“ verunglimpft und als nicht „true“ genug angesehen, vor allem auch durch das pinke Cover von „Sunbather“. Wie hat sich das angefühlt und hat sich das über die letzten Jahre verbessert?

Die Leute haben zu der Zeit schon eine ziemlich große Nummer daraus gemacht. Das ist okay, es ist mir nicht gerade besonders wichtig. Ich konnte verstehen, wie es dazu kam und wir waren jetzt auch nicht über alle Maßen überrascht davon. Was uns überrascht hat, war wie weit das ganze teilweise ging. Heute stellt es sich mehr so dar, dass wir mittlerweile schon lange genug dabei sind, dass es keine Diskussion mehr wert ist. Wir haben jetzt vier Alben herausgebracht, wir sind eine etablierte Band. In meinen Augen ging es damals vor allem darum, dass diese Leute dachten, wir wären eine Eintagsfliege, heute hier und morgen wieder fort. Ich denke man kann da heute, da das eben nicht der Fall war und wir unseren Sound und unsere Visuals weiterentwickelt haben, so ein wenig von einer aufgezwungenen Akzeptanz reden kann. (lacht) Damit bin ich zufrieden.

Da du eure Entwicklung schon ansprichst: Ihr wart letztes Jahr für einen Grammy nominiert. Wie hat sich das angefühlt?

Super komisch! Es ist schon cool, Anerkennung von einer Institution zu bekommen, die so weit von allem entfernt ist, was wir hier machen. So war es dann natürlich auch ziemlich überraschend. Aber wie alles andere auch nimmst du das an und machst einfach weiter. Es war allerdings ein großer Spaß unsere Eltern mit dort hin zu nehmen. Die Veranstaltung war letztlich also mehr etwas besonderes für meine Mum, als für mich. Das ist super, genau dafür sind diese Dinge da! Damit andere ein besseres Verständnis dafür bekommen können, was wir hier machen. Für eine Menge normale Musikhörer, sowie Familie und Freunde ist das schon etwas, was dich aufwertet. Das ist cool.

Deine Mum war bestimmt ziemlich stolz.

Sehr stolz, ja. Ich hab‘ sie zu den Grammys mitgenommen! Sie war total begeistert. Kerry (McCoy, Guitarrist, Anm. d. Red.) hat auch seine Mum mitgenommen.

Wie enttäuschend war es denn, den Preis am Ende nicht zu gewinnen?

Weißt du, das ist schon witzig. Du wirst nominiert und denkst dir „Das ist verrückt!“, gleichzeitig ist es aber auch total lustig. Es fühlt sich nicht wirklich real an. Im Hinterkopf weißt du, dass Metal nicht wirklich viel Aufmerksamkeit zu teil wird bei solchen Events, also machst du dir auch nicht zu viele Hoffnungen. Du findest es halt cool. Aber wenn du dann dort bist, kommt dir schon der Gedanke „Oh shit, was wenn wir diesen Preis wirklich gewinnen?“ Auf einmal bist du total angespannt.

Nicht gewonnen zu haben ist völlig in Ordnung, wir hatten auch so eine super Zeit. Vor allem bin ich aber froh, dass am Ende High On Fire gewonnen haben. Chris, unser Bassist, steht denen sehr nahe. Wir kennen sie seit Jahren und haben auch schon Shows zusammen gespielt. Dass am Ende eine Band gewonnen hat, die noch repräsentativer für unsere Ecke der Musikgemeinschaft ist, ist ein Gewinn für uns alle.

Nach „Sunbather“ wurde euer Sound auf „New Bermuda“ um einiges düsterer und heavier, auf „Ordinary Corrupt Human Love“ habt ihr dann quasi einen U-Turn hingelegt und seid wieder mehr in Richtung der Bands gegangen, die du eben schon genannt hast. Kannst du den Prozess zwischen den Platten beschreiben?

In meinen Augen ist jedes Album auch ein Spiegelbild dessen, was wir zu der Zeit selbst so gehört haben. In der Zeit um New Bermuda habe ich einfach sehr viel brachiale Musik gehört. Ich war auf mehr Metal-Shows, Kerry war auf noch mehr Metal-Shows. Das war zu der Zeit so und das hat sich dann auch in unserer Musik niedergeschlagen. Außerdem tendieren wir dazu, jedes Album auch als Reaktion auf das vorhergehende zu schreiben. Nehmen wir beispielsweise New Bermuda, das heavier wurde als sein Vorgänger. Dann touren wir für etwa drei Jahre mit dem Material. An diesem Punkt haben wir die Songs also vier, fünf Jahre lang immer wieder gespielt. Wenn du dann anfängst, neues Material zu schreiben, dann willst du vielleicht auch etwas davon wegkommen. Auf dem neuen Album also, auch wenn es durchaus seine Passagen hat, die heavier oder schneller sind, haben wir uns wieder mehr unserer melodischen Seite zugewandt. Das war in meinen Augen auch ein wenig die Reaktion auf den Tour-Zyklus der hinter uns lag.

Du nutzt eine recht poetische Sprache für deine Lyrics, befasst dich dabei thematisch jedoch entgegen alter Black-Metal-Traditionen mit eher alltäglichen Themen. Wie lässt du dich inspirieren?

Ich versuche einfach mir irgendwo treu zu bleiben. Ich schreibe schon auf eine etwas obskure Art und Weise. Dabei mag ich die Idee, dass Leute die Lyrics lesen und dabei ihre eigene Vorstellung davon haben, was es mit ihnen auf sich hat. Die Leute sollen und dürfen da ihre eigenen Schlüsse ziehen. Inhaltlich sind die Lyrics schlicht vom Leben beeinflusst, meinem Leben. Es reizt mich nicht wirklich, über fantastisches zu schreiben, auch klassisches Storytelling kommt eher selten vor. Mir geht es mehr um die kreative Interpretation ganz alltäglicher Themen. Daraus entstehen meine Texte.

In deinen Texten lassen sich zum Teil inhaltliche, manchmal sogar lyrische Bezüge auf andere Songs von euch finden. Darf man Deafheaven-Alben als Konzept-Alben verstehen?

Tatsächlich habe ich mir da auch schon häufiger Gedanken drüber gemacht, weil sie irgendwie dazwischen liegen. Wir haben schon ziemlich deutlich rahmende Grundthemen auf jedem Album, aber ich würde glaube ich nicht so weit gehen, das ganze als konzeptuell zu bezeichnen. Ich mag Wortspiele, das stimmt. Oft kommt es vor, dass Lyrics aus einem Song dann zum Titel eines anderen werden. Ich denke, es macht jemandem, der sich wirklich mit dem Album auseinandersetzt, dann auch Spaß, diese kleinen Hinweise ausfindig zu machen. Außerdem macht es das Ganze auch für mich interessanter, wenn ich es als Gesamtpaket betrachten kann.

Auf eurem aktuellen Album gab es eine Kollaboration mit Chelsea Wolfe, auf einem doch für euch sehr untypischen Song. Wie kam das zu Stande und wie war der Song anfangs gedacht?

Auf „Sunbather“ hatten wir ja diese Art Interludes, die die längeren Songs miteinander verbunden haben. Das wollten wir wieder so machen, dafür waren „Near“ und „Night People“ angedacht. „Night People“, der Song mit Chelsea Wolfe, war anfangs eher ein klassiches Interlude, beide eigentlich. Dann wurde nach und nach mehr daraus. Ich nenne die beiden gerne „Mini-Songs“. Es sind schon ganze Lieder, aber die Kriterien eines vollen Deafheaven-Songs erfüllen sie ja nicht gerade unbedingt. Diese Mini-Songs oder Interludes geben uns die Möglichkeit, etwas experimenteller vorzugehen. Wir wollten einfach etwas anderes ausprobieren. Chelsea und Ben Chisholm, der bei der Produktion des Songs assistiert hat, sind seit etwa einem Jahrzehnt unsere Freunde. Wie also auch bei der Touché-Sache: Das sind einfach Freunde, die einen ziemlich vollen Kalender haben und wir freuen uns riesig, wenn man mal Zeit füreinander findet. So hat sich das dann ergeben. So konnten wir uns ein wenig strecken und schauen, zu was wir in der Lage sind, das alles aber in einem sicheren, freundschaftlichen Rahmen.

Können wir denn dann jetzt auf dem nächsten Album eine Kollaboration mit Jeremy Bolm erwarten?

Es wäre großartig, sowas mit Jeremy zu machen! Er ist wahnsinnig inspirierend. Ich glaube, sollten wir nach dieser Tour nichts zusammen machen, dann klaue ich ihm einfach seine Moves. (lacht) Ich habe das Gefühl, dass seine Präsenz und die der ganzen Band noch einige Zeit bei uns nachhallen wird.

Wie geht es jetzt weiter mit Deafheaven? Ihr wart für einen Grammy nominiert…

Was cool war.

… habt vier Alben herausgebracht…

Haben wir.

… wart viel unterwegs.

Wir waren sehr viel unterwegs! Ich denke, damit machen wir auch einfach weiter. Da sind auch schon Touren geplant. Nächsten Monat geht es nach Asien. Im Frühling geht es dann weiter, so wie es aussieht. (lacht) Danach können wir uns dann hoffentlich an das nächste Album setzen. Ich denke, innerhalb der nächsten zwei Jahre sollten wir definitiv eine neue Platte fertig haben.

Ist die Band Vollzeitjob?

Ja, wir haben alle schon so etwa 2013 aufgehört zu arbeiten. Wir leben schon eine ganze Weile im Van und es ist super. Allerdings muss man da natürlich auch kontinuierlich Arbeit reinstecken. Wir hatten unterschiedliche Besetzungen (nur Clarke und McCoy sind vom Original-Lineup übrig geblieben, Anm. d. Red.), diese hält sich aber jetzt schon eine ganze Weile. Vollzeit zu Touren, vor allem auf dem Level auf dem wir gerade sind, als mittelgroße Band, ist schon schwierig. Das kostet extrem viel Zeit. Das wird dann auch mal zum Problem, mehr als die Arbeit an sich. Es ist schon ein toller Job und es macht uns viel Spaß. Aber es ist eben auch eine große Verpflichtung. Auch wenn du Spaß hast, du hast den Spaß eben sehr weit weg von den Menschen denen du nahe stehst, von deinem eigentlichen Leben.

Foto: Nils Hölscher

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben American Football - American Football, Have A Nice Life - Deathconsciousness, Deafheaven - Sunbather, Duster - Stratosphere, Julien Baker - Turn Out The Lights
Die besten Konzerterlebnisse Iron Chic, Comadre, Julien Baker

Hinterlasse einen Kommentar