Interview mit Death Is Not Glamorous

Interview mit Death Is Not Glamorous

Die Norweger von Death Is Not Glamorous sind aus der europäischen Hardcoreszene längst nicht mehr wegzudenken. Eine Band mit Message. Im Rahmen des Antifascistic Ballroom im AZ Köln, wo sie auf ihrer Tour mit La Dispute und Touché Amoré halt machten, standen Sänger Christian und Gitarrist Espen Stageload Rede und Antwort.

Stageload: Die erste Frage die wir stellen müssen, da ihr aus Norwegen seid: Ihr wart auf Tour, als die Explosion und der Amoklauf vor kurzem stattfanden. Die meisten von euch sind aus Oslo, inwiefern hat euch das Ganze getroffen?

Espen: Wir waren beim Fluff Fest in Tschechien als wir davon hörten. Unser Drummer bekam eine SMS von seiner Freundin kurz nachdem sich die Explosion ereignete. Wir mussten dann auf die Bühne, checkten danach das Internet mit unseren Handys. Das erste was wir herausfanden war das unsere Familien und Freunde alle wohl auf waren. Während den ersten beiden Folgetagen war uns gar nicht bewusst, was da auf der Insel passiert ist, wir wussten nur von der Explosion. Dann hörten wir aber dass es auch noch einen Amoklauf gab und die Todesrate bei einundneunzig lag. Da begannen wir erst das ganze Ausmaß der Ereignisse zu realisieren.

Christian: Das waren Kinder, verdammte Scheiße. Klar, keiner in der Band kannte jemanden, der betroffen war, aber jeder der dort gestorben ist hatte eine Familie. Oslo ist nicht grade die größte Stadt und Norwegen ein recht kleines Land. Diese Sachen passieren zwar jeden Tag überall auf der Welt, doch Norwegen ist lange von diesem Ausmaß an Brutalität verschont geblieben. Das hat viele Leute schwer getroffen und war ein einschneidendes Ereignis im Leben vieler Leute, unseren eingeschlossen.

Espen: Alleine die Stadt wegen so etwas in den Nachrichten zu sehen, in der ich zum Beispiel mein ganzes Leben verbracht habe, das war völlig neu. Es klingt zwar schrecklich, aber irgendwie hat man sich ja an solch schlechte Nachrichten gewöhnt. Doch wenn es dann sozusagen vor der Haustür passiert… Fühlt sich das schon ganz anders an, aber eines muss man realisieren: Das ist etwas das in vielen Orten auf der Welt zum täglichen Leben dazu gehört. Es ist wie eine Warnung, auch wenn es schrecklich ist was dort abgelaufen ist, so können wir froh sein nicht täglich mit so etwas umgehen zu müssen. Manche Leute müssen das.

Stageload: Etwas das damit einher geht: Der Täter hatte einen rechten Hintergrund. Man hört öfter von einer präsenten Neo-Naziszene in Skandinavien. In wie weit bewahrheitet sich das und was habt ihr selbst in dem Zusammenhang erlebt?

Christian: Nicht wirklich in Norwegen. Es ist lange her, dass rechtsmotivierte Gruppen ein großes Problem in unserem Heimatland dargestellt haben. In Schweden oder Dänemark ist die Gefahr präsenter. Klar, wir waren schon auf Gegendemonstrationen in Norwegen, weil Leute dort generell gegen den Islam sind, aber da geht es meist um eine Gruppe von zehn sechzigjährigen und einen Idioten mit ‘nem Hund. Das war’s. Und dazu gibt es dann immer eine Menge Leute die ihre Stimme dagegen erheben. Es erscheint also als kein so großes Problem bei uns. Nicht, wenn man es mit dem vergleicht, was andere Leute auf der Welt in dem Bereich tagtäglich durchmachen müssen.

Stageload: Dann lasst uns mal über etwas weniger negatives reden: Ihr habt vor kurzem mit “Spring Forward” eine neue Platte rausgebracht. Wie denkt ihr darüber? Mit knapp 23 Minuten erscheint sie ja zunächst einmal recht kurz.

Christian: Das liegt daran dass es eigentlich als EP gedacht war, aber nicht auf eine 7” paste. Wir hätten die Scheibe dann zwar auch auf eine 10” pressen können, wollten sie aber über 12” rausbringen. Die Platte war nie als wirkliches Album gedacht, sie ist nur auf dem Format. Es sind sieben Songs, unser langsamster und längster Song ist darauf genauso wie unser schnellster und am meisten angepisster. Ich denke die Diskrepanz zu dem was wir vorher gemacht haben ist minimal. Wir hatten eine gute Zeit während der Aufnahmen und ich denke wir alle mögen die meisten der Songs ganz gerne.

Espen: Wir sind halt schon recht lange eine Band, gerade wenn man uns mit anderen Punkbands vergleicht (seit 2004, Anm. D. Red.). Es gab eine recht lange Zeit wo wir nicht wirklich als Band zusammen geprobt haben. Dann haben wir langsam wieder angefangen, auch mit dem Schreiben neuer Songs. Und dann kam die Anfrage für diese Tour und wir dachten es wäre ganz cool ein bisschen neues Material im Gepäck zu haben.

Stageload: Skandinavien ist so etwas wie eine Talentschmiede in Sachen Hardcore-Bands und über die Jahre gab es immer wieder umwerfende Releases. Welche Bands aus Norwegen würdet ihr besonders empfehlen, auf die man auf jeden Fall ein Auge werfen sollte?

Christian: Da gibt es diese wirklich gute Band mit dem Namen Problems. (lacht) Nein, ich mache nur Spaß, das ist eine Band in der Espen und ich nebenher spielen. In der Band hören alle unterschiedliche Musik. Wir hören nicht wirklich die ganze Zeit Melodic Hardcore und Pop Punk und da haben Espen und ich uns gedacht wir machen eine Band die schnelleren Hardcore spielt, was wir wohl so die meiste Zeit hören. Der Rest spielt auch in anderen Bands und die sollten hier genannt warden. Die eine heißt Evolve und ist glaube ich Norwegens einzige Straight Edge Band momentan. Eine wirklich gute Band die bald eine EP über Crucial Response herausbringen wird. Die andere heißt Okkultokrati. Die sind zwar definitiv in der Hardcore Szene verankert, spielen aber einen ziemlich kranken Mix aus Hardcore, Metal und Doom. Lohnt sich wirklich die mal auszuchecken. Die machen sehr viel und sind wirklich produktiv.

Espen: Und da gibt es noch ein paar mehr denke ich, zum Beispiel Match oder Giant.

Stageload: Ihr spielt also alle auch in anderen Bands. Ist das etwas essentielles, dass ihr auch mal etwas anderes habt auf das ihr euch konzentrieren könnt, um dann mit neuen Erfahrungen zu Death Is Not Glamorous zurückzukommen?

Espen: Ich denke nicht dass das so wichtig ist. Das klingt jetzt so als wäre die Band eine Art Job, dabei macht es einfach nur Spaß zusammen rumzuhängen und Musik zu machen, vor allem auch mit unterschiedlichen Menschen. Das klingt jetzt komisch, aber wir proben höchstens einmal die Woche und gehen vielleicht zwei mal im Jahr auf Tour. Tatsächlich ist das hier unsere erste Tour seit 2009. Man sieht sich zwischendurch, wir proben mit anderen Bands. Das ist alles ziemlich locker bei uns. Wir sind nicht so ambitioniert, möglichst viele Leute zu erreichen oder standing auf Tour zu sein, wir haben einfach nur Spaß bei dem was wir machen. Und das ist meiner Meinung nach eine der schönsten Seiten daran in einer Band zu sein. Rumhängen, versuchen zusammen Musik zu machen, aber vielleicht auch einfach zu gar nichts zu kommen und stattdessen ’ne Riesenmenge Süßigkeiten fressen (lacht). Das ist unsere Einstellung als Band und so war es auch schon immer. Wir können froh sein, dass wir zwei Leute in der Band haben die Connections haben und die auch immer motiviert für Shows sind, so dass wir rauskommen. Insgesamt sind wir mit der Situation super zufrieden.

Stageload: Ein paar Worte zu Touché Amoré und La Dispute: Wie ist es so, mit den Jungs auf Tour zu sein?

Christian: Die Jungs sind wirklich super. Keiner von uns hat die Bands vorher wirklich gehört, sie sind eigentlich musikalisch auch nicht so wirklich mein Ding. Aber ich habe eine Menge Spaß daran sie live zu sehen und kennen zu lernen. Die haben ungefähr hundertmillionen Fans (lacht). Jede Show mit ihnen ist ganz anders als das was wir so gewöhnt sind, da kreuzen immer eine Riesenmenge ganz junger Leute auf. Und es ist ziemlich cool vor denen zu spielen, wo sie uns vielleicht noch nie gehört haben und uns nie live sehen würden, wenn wir nicht mit den Bands auf Tour wären. Es ist wirklich ein super Gefühl, wenn diese Leute dir dann sagen, dass deine Show einfach super war, obwohl sie dich vorher gar nicht kannten. Wir haben auch ein paar Shows gespielt die wir wohl nie gespielt hätten wenn wir alleine auf Tour gewesen wären; dabei gab es auch ein paar Festivals mit “Was zum Teufel tue ich hier?”- Momenten, aber im Endeffekt sehen wir das Positive: Wir kommen dazu, neue Leute zu erreichen, was schon ganz cool ist, wenn man als Band eine gewisse Aussage hat.

Stageload: Zum Abschluss: Ihr sagtet, dass Death Is Not Glamorous nie eine Art Job für euch war oder sein soll. Was macht ihr zuhause in Norwegen?

Espen: Wir alle haben Jobs…

Christian: (lacht) Außer mir. Ich wurde kurz vor der Tour gefeuert.

Espen: Christian hat einen Laden für Reiseführer betrieben, ich fange jetzt als Betreuer für Menschen mit psychischen Problemen an. Even arbeitet in so einer industriellen Einrichtung mit Umschlägen und Briefen und Rechnungen und so ‘nem Kram…

Christian: (lacht) Kennst du Charlie und die Schokoladenfabrik? Er ist wie so ein Oompa Loompa, er tanzt die ganze Zeit nur rum und so.

Espen:  … und Terje arbeitet in einer Art Entzugsklinik. Wir alle arbeiten also und die Band ist pures Hobby. Das ist irgendwie lustig wo wir jetzt mit zwei Bands touren, die wirklich groß bzw gerade auf dem Weg dahin sind. Touché Amoré sind jetzt seit zweieinhalb Monaten durchgehend auf Tour und machen das insgesamt um die neun Monate im Jahr. Das ist alles was die machen. Das ist ein Unterschied zwischen uns und anderen Bands. Die Band ist für uns keine Einnahmequelle, also können wir beschissenen Festivals getrost absagen und uns aussuchen mit wem wir auf Tour gehen wollen. Wir machen alles genau so wie wir das wollen. Das hier gerade sind sozusagen unsere Sommerferien.

Christian: Niemand von uns wird heimgehen und die ganze Zeit nur denken: „Verdammt, ich wünschte wir wären noch auf Tour“. Klar hat man solche Momente, aber wir alle gehen normalerweise arbeiten oder zur Schule und haben etwas wohin wir zurückkehren können, was wirklich gut ist zu wissen. Es ist cool keine Kompromisse machen zu müssen und alles so zu tun wie du es willst.

Stageload: Vielen Dank für das Interview Jungs.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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Kommentare

  1 kommentar

  1. Chris

    Super Interview! Macht weiter so, dass mit TA war auch schon echt gut!

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