Interview mit Get The Shot

Interview mit Get The Shot

Die Wurzel allen Übels hat einen Namen – Get The Shot! Wütend, angepisst, verdammt ehrlich und weltkritisch. Wir haben uns mit Sänger J-P. über Hardcore, die God Free Einstellung und über ihr neues Album „No Peace In Hell“ unterhalten.

Stageload: Kommen wir als erstes auf euer neues Album zu sprechen. Nach “Perdition” (2012) erschien am 09.05.2014 “No Peace In Hell”. Eins vorab; ein absolutes Brett! Erzählt kurz über euer neues Album. Was ist der Schwerpunkt in “No Peace In Hell”?

J-P.: “No Peace In Hell” fängt da an, wo “Perdition” aufhört. Es ist die Antwort eines verzweifelten, erbämlichen und hoffnungslosen Mannes, der sich in einem endlosen Leid befindet, von dem die ganze Welt befallen ist. Wenn das Geheimnis der Existenz der Menschheit nicht nur darin liegt, am Leben zu bleiben, sondern für etwas zu leben, dann verkörpert “No Peace In Hell” die miserable Resignation derer, die zugeben das wir alle vergeblich leben – ohne die Möglichkeit Frieden an diesem kalten, herzlosen Ort zu finden. Literarisch geht es vom Erträglichen zum Unterträglichen. Und genau das macht das Album für mich persönlich zu mehr als nur einer gewöhnlichen Hardcore-Scheibe. Ich habe während den ganzen Aufnahmen auf den Höhen der Verzweiflung gesessen und traf einen “Allzeittiefpunkt” in meinem persönlichen Leben. Ich erreichte einen Punkt an dem ich Hass, Schmerz und Zerstörung spürte. Und wenn du dann anfängst dies zu realiesieren, denke ich, dass es das Beste ist, diese Gefühle zu verarbeiten anstatt immer weiter in seine dunkeln Ecken der Seele zu schlüpfen oder gar an Selbstmord zu denken. Das ist es, worum es in “No Peace in Hell” geht.

Stageload: “No Peace In Hell” ist vom Stil her genauso aggressiv und angepisst wie “Perdition”. Seid ihr eine Band, die keine großen Experimente wagt und ihrem Stil treu bleibt?

J-P.: Natürlich! Diese Band wird immer wütend und aggressiv sein und wenn wir uns irgendwann mal beruhigt haben, werden wir einfach aufhören Hardcore zu spielen. Aber das wird definitiv erstmal nicht der Fall sein. Optisch und musikalisch wollten wir nie mehr als eine Hardcoreband sein, jedoch wollten wir unserer “Metal-Wurzel” mehr Platz auf der neuen Scheibe geben. Einige von uns hören z.B. Trash Metal und sind mit Bands wie Slayer, Anthrax, Testament oder Sepultura aufgewachsen. So war es ein natürlicher Schritt von uns, genau das in unsere Songs zu bringen, was uns an der aggressiven Musik so fasziniert. Aber am Ende sind auch wir nur angepisste Kids, die es lieben, schnelle und laute Musik zu machen. Und ich denke, dass es letztendlich das ist, worum es im Hardcore/Punk geht.

Stageload: Mit “Cold Hearted” habt ihr ein neues offizielles Video herausgebracht. Wie waren die Resonanzen?

J.P: Ich glaube die Reaktionen die wir so mitbekommen waren ganz gut. Kreact Productions haben einen wahnsinnig guten Job gemacht und wir hatten einen Höllenspaß das Video mit der Crowd aufzunehmen. Ganz nach dem Motto “For the kids; by the kids!”; das ist es, worum es in unserer Musik gehen soll und ich bin echt froh, dass es in dem Video so gut umgesetzt wurde. Wir sind sehr stolz darauf, die komplette Quebec City Hardcore-Szene sowie unseren guten Freund Bine Robusto von Harriers in unserem Video zu haben. Ich hoffe, dass die Leute genauso viel Spaß beim Angucken hatten wie wir beim Aufnehmen. Und wer es noch nicht kennt kann es im Hardcore Worldwide-Channel auschecken.

Stageload: In vielen euren Texten geht um die “God Free” Einstellung. Was bewegt euch, hieran festzuhalten und wie kam es dazu?

J-P: Ich glaube fest an das, was die Hardcore-Szene zusammenhält: eine bewusste, vorsätzliche und dauerhafte Ablehnung jeglicher Form von Unterdrückung und menschenverachtender Autorität. Der kritische Wert dieser Gegenkultur erinnert daran, dass die Basis von Macht und Ausbeutung anderer unerwünscht und unnötig bleibt. Daher denke ich, dass Religionen, wie jedes andere hierachische System vom Hardcore kritisiert werden sollte, denn es wird immer Abwertungen des menschlichen Lebens geben.

Darüber hinaus kam ich zu meinem persönlichen Entschluss, dass das Leben völlig absurd ist und die Welt irgendwie auch keinen bestimmten Zweck hat. Zu leben heißt zu kämpfen, jedoch immer mit dem Hintergedanken eine Niederlage einstecken zu müssen. Es ist üblich davon auszugehen, dass alles einen Zweck haben muss, einen größeren Grund des Daseins. Aber wie Albert Camus sagte: “Leben ist nichts anderes als die Konfrontation zwischen dem menschlichen Bedürfnis und dem unangemessenen Schweigen der Welt”. Die Menschheit schafft Geschichten und Götter, die die Realität transzendieren, um die Lücke durch das unangemessene Schweigen der Welt zu füllen. Aber das ist nichts weiter als eine Flucht vor der Realität. Deswegen denke ich, dass die God Free Einstellung wahrscheinlich einer der besten Wege ist, die Welt mit dem richtigen Blick zu sehen. Das God Free Leben ist jedoch bestimmt nicht das einfachste. Dieser ständige Kampf, obwohl du weißt das du für nichts stirbst, ist extrem hart. Aber egal was kommt, es ist besser auf Füßen zu sterben, als auf Knien zu leben!

Stageload: Ihr wart erst kürzlich in Europa und unter anderem auch in Deutschland auf Tour. Wie hat es euch gefallen?

J-P.: Europa war absolut unglaublich! Die Leute haben uns wie ihre eigene Familie behandelt und wir konnten ihnen gar nicht genug dafür danken. Verrückte Shows und ziemlich abgefahrene Crowds. Es war das zweite mal das wir in Europa waren und es war mit Abstand einer der besten Touren die wir je gemacht haben. Ich weiß nicht genau warum, aber Deutschland hat einen besonderes Platz in unseren Herzen. Wir trafen einige der nettesten und ehrlichsten Menschen in Berlin und Hamburg. Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als wir im Gängeviertel in Hamburg gespielt haben; wir waren nicht nur von der Location sondern auch von den Leuten und derer politschen Solidarität in der Szene begeistert. Das ist es, was Hardcore immer für uns war; ein Zufluchtsort für “Ausgestoßene”, ein Raum für Freiheit und radikale Denker, Künstler und sozial benachteiligter Jugendlicher, die sich gegen die dominante soziale Ideologie wehren. Und wir haben das Gefühl, dass es in Deutschland eben genau so ist.

Stageload: Wie kamen die neuen Songs auf eurer Tour an?

J-P.: Die Reaktion der Leute war ziemlich gut. Wir hatten das Gefühl das “No Peace In Hell” ein etwas größeres Publikum ansprach. Ich kann nicht so genau sagen ob unsere neue LP in irgendeiner Form geschätzt wird, aber ich hoffe es. Aber ich denke, dass wir einige Leute zum Nachdenken gebracht haben.

Eine Sache ist sicher: es ist immer eine Ehre und ein Privileg, zu wissen, dass sich mehr und mehr Menschen der Szene und dem was wir alle gemeinsam tun anschließen.

Stageload: Wie würdet ihr die Hardcore-Szene in Kanada beschreiben? Gibt es hier große Unterschiede zur deutschen Szene?

J-P.: Was mich wirklich immer wieder erstaunt ist die Tatsache, dass du immer Leute triffst die genauso sind wie du, die selbe Meinung wie du vertreten und die genauso wütend sind wie du, egal wo du dich gerade auf der Welt befindest. Für mich persönlich war Hardcore schon immer eine Art Community, wo Menschen ihre Wut zusammenfügen um etwas Konstruktives daraus zu machen. Und auch wenn man 10.000 Meilen von Zuhause entfernt ist, fühlt es sich trotzdem irgendwie wie Zuhause an.

Der größte Unterschied der Szene zwischen Kanada und Deutschland betrifft das politische Bewusstsein oder die Beteiligung an diesem. Hardcore und Politik reichen sich in Nordamerika nicht unbedingt die Hände. Leider erreichen Reden über Rassismus, Sexismus, Homophobie und Speziesismus nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich bekommen sollten. In Deutschland, wo Shows z.B. von Anarchisten oder Feministen veranstaltet werden, wirkt es wirklich so, dass Hardcore eine aktive Rolle in der globalen Bewegung der gesellschaftlichen Transformation spielt und dies verkörpert eine wirklich radikale Art zu leben, radikal zu denken und so auch die Welt zu entdecken. Generell habe ich das Gefühl, dass sich Deutsche wesentlich aktiver mit Faschismus, Sexismus, Rassismus und der wirtschaftlichen Ausbeutung beschäftigen als hier in Kanada.

Aber egal ob meine Interpretation richtig oder falsch ist, ich denke dass das Hauptproblem auf der gesamten Welt dasselbe ist. Die Herausforderung ist es, die Wichtigkeit des Hardcores nicht nur in der Musik zu sehen, sondern auch auf eine gewisse “radikale” Lebensweise.

Stageload: Wie seid ihr in die Hardcore-Szene gekommen und wie alt wart ihr? Was gibt euch diese Szene und ist es euer persönlicher way of life?

J-P.: Ich war elf als ich das erste Mal “extreme” Musik und Bands wie Slayer, Testament und Sepultura hörte. Mich interessierte die Punk-Kultur am Anfang gar nicht so richtig, bis ich die schwedische Band “Randy” 1999 in meiner Stadt spielen sah. Ab diesem Zeitpunkt wurde Punk zu sowas wie einer Lebenseinstellung für mich und ich entdeckte Bands wie The Misfits, Good Riddance, Black Flag, Pennywise oder Minor Thread. Streng genommen habe ich meine erste Erfahrung mit Hardcore im Jahr 2000 gemacht als ich bei einer Death For Every Sins Show in Montreal war. Wenn ich durch die Augen als damals 13 jähriger Junge zurückblicke, war das eine der unglaublichsten Nächte meines Lebens. Wenn dein Herz so schnell pumpt, dass du kaum noch Luft bekommst und du Angst hast, weil du denkst, dass du hier nicht lebend wieder rauskommst, dann ist das einer deiner außergewöhnlichsten Momente, in denen du anfängst anders über die Welt zu denken. Dieser eine besondere Moment, wo die Band spielte und die Crowd total wild war und ich eine Todesangst ausstehen musste, war ich zugleich völlig positiv von der Energie und Kraft dieser Musik überrascht. Und genau das war es, was mich fortan an der Hardcore-Szene festhalten ließ. Ich war sofort davon angetan, dass Hardcore den Stimmlosen eine Stimme gibt und einen sicheren Raum für Ausgestoßene gab, um sich selbst auszudrücken und um sich gegen die ständige Unterdrückung der Außenwelt zu wehren. Ich kann für mich sagen, dass Hardcore mich dazu gebracht hat, kritischer über Dinge nachzudenken oder auch “radikale” antifaschistische Politik zu unterstützen.

Auf der existenziellen Seite habe ich in der Hardcore-Szene eine Gemeinschaft gefunden, wo ich z.B. meine Gefühle oder mein Denken mit anderen Menschen teilen kann. Und genauso sitze ich noch heute hier, weil ich nirgendwo anders hin möchte. Ich sehe diese Gegenkultur als eine Art Abwehr. Hardcore ist für mich z.B. auch ein Mittel um meine existenzielle Qual in eine kreative Kraft umzuwandeln. Meine Feindseligkeit gegenüber Ungerechtigkeit, die durch den Hardcore veredelt wurde, ist immer noch die, die meinem Leben wenigstens einen kleinen Anschein von Bedeutung gibt.

Stageload: Was macht ihr gerne in eurer Freizeit? Macht ihr auch Unternehmungen als Band oder geht jeder seinen eigenen Weg wenn ihr nicht gerade auf Tour seid?

J-P.: Wenn ich nicht gerade Gift auf Tour versprühe, lehre ich Philosophie in Quebec City. Ich mache das jetzt schon seit fünf Jahren und ich denke, dass Bildung die logische “Erweiterung” des Hardcores ist. Hardcore stellt uns eine Reihe von interessanten und wichtigen Fragen über das Leben und die Welt. Eine gewisse Bildung ermöglicht uns eine strukturierte Überlegung, um diese Fragen vielleicht irgendwann beantworten zu können. In meinem Leben geht es in erster Linie darum Musik zu machen, zu lesen, zu lehren und Kampfkunst zu praktizieren. Alle Bandmitglieder sind enge Freunde, seitdem wir das Projekt Get The Shot gestartet haben. Wir verbringen auch außerhalb der Band sehr viel Zeit zusammen. Wir waren schon immer wie eine große Familie und die Jungs aus der Band sind eigentlich noch die einzige Familie, die ich habe.

Stageload: Vielen Dank für eure Zeit! Weiterhin viel Erfolg mit “No Peace In Hell” und hoffentlich bis bald!

J-P.: Es war mir eine wahre Freude, wir sehen uns im Oktober!