Interview mit Hinds

Interview mit Hinds

Sonntagabends kommt selbst die Zeil zur Ruhe. Nur ein leidlich begnadeter Trompeter sitzt einsam auf der Pulsader des Molochs Frankfurt. Als Kulisse dient ihm ein von der Sale-Schlacht vereinsamtes Schaufenster. So viel Tiefe in einer simplen Straßenszene. Hätte Kosky kaum besser inszenieren können. Übertönt wird das zufällige (und im Falle der Trompeterei, ziemlich schiefe) Gassenschauspiel nur vom Soundcheck aus der Seitengasse. Die Hinds sind hörbar angekommen. Backstage steht derweil der Bassist der Vorband völlig verloren in einem Wulst aus Klamotten und wundert sich darüber keine Schuhe mehr zu haben. Ein Problem, das er freilich schnell gelöst hat. Plastiktüten an den Füßen tun es ja auch ganz vorzüglich. Einen halbwegs komfortablen und ungestörten Platz für ein Gespräch zu finden ist da schon komplizierter. Am Ende sitzen Sängerin, Gitarristin und Co-Gründerin Carlotta Cosials (Mitte links), Bassistin Ade Martín (Mitte rechts) mitsamt dem Interviewer am Schminktisch der Damen, eingeschlossen von einem roten Samtvorhang. Hinds sind mit ihrem frechen Garage-Rock derzeit in aller Munde. Ob Privat-Blog oder Feuilleton. Überall grüßen die herrlich unprätentiösen Damen aus der spanischen Hauptstadt als die viel zu lang ersehnte Frischzellenkultur für die erlahmte Musik-Landschaft. In Momenten wie die der kindischen Freude über den Interviewort wirken die beiden aber einfach nur wie zwei junge Frauen, die in jeder Sekunde einen Heidenspaß daran haben, was sie gerade erleben. Der Eindruck täuscht nicht. Doch greift er zu kurz. Hinds haben es nicht bloß mit bierseliger Sorglosigkeit aufs Glastonbury geschafft. Ihr Weg gründet sich vielmehr in dem Arbeits-Ethos einer angeblich verlorenen Generation.

Das werdet ihr vermutlich schon oft gehört haben, aber ihr habt euer Album nun mal „Leave Me Alone“ genannt. Also, wer soll euch gefälligst in Ruhe lassen?
Cosials: Eine Menge Leute! Uns geht es aber nicht um Irgendjemand im Einzelnen. Hinter dem Titel steht ein Gesamtkonzept nach dem Motto: Lasst uns doch alle bitte machen, was wir wollen. In einer gibt es so viele unterschiedliche Meinungen. Und plötzlich meint jeder, er müsse dir Ratschläge geben. Meistens sind die ja auch gut gemeint, aber irgendwann reicht es und wir sagen dann eben: Keine Ahnung, ob es dir gefällt, ist uns im Moment aber auch herzlich egal, denn uns gefällt es und deshalb werden wir das genau so machen.

Damit fahrt ihr ja gerade recht ordentlich. Aber bei den Aufnahmen zu „Leave Me Alone“ habt ihr einen Teil neu eingespielt heißt es.
Martín: Wir haben es neu abgemischt.

Cosials: Genau. Wir saßen damals im Zug und fuhren gerade von den Aufnahmen nach Hause, als wir uns das Album zum Ersten mal angehört haben und wir waren uns alle einig: Da müssen wir unbedingt noch mal ran und einige Parts bearbeiten.

Was hat euch nicht gepasst?
Martín: Die Songs klangen alle top. Aber eben so, als stammten sie alle von verschiedenen Alben. Wir wollten aber, dass es sich anhört wie eine große Geschichte.

Cosials: Das Problem war: Wir wussten nicht, dass wir die Aufnahmen auch gleich mischen müssen, als wir damals im Studio waren. Das war ein permanenter Lernprozess, da haben wir erstmal gar nicht auf solche Sachen geachtet. An dem einen Tag klang dann alles wunderbar nach Garage, ordentlich verzerrt und alles was dazugehört. Am anderen war dagegen alles glatt poliert und auf einmal hatten wir ein total verrücktes Chaos-Album geschaffen. Das konnten wir so einfach nicht stehen lassen.

Aber jetzt seid ihr vollauf zufrieden?
Cosials: Ich würde ja immer noch an ein paar Stellen rumwerkeln, aber dafür ist es wohl jetzt definitiv zu spät (lacht).

Es gibt da diese Story, dass ihr keinen Song zweimal am Stück komplett gleich spielen könnt. Könnt ihr nicht oder wollt ihr nicht?
Cosials: Wir wollen keine Musik-Maschinen sein! Das hat glaube ich eine gute und eine schlechte Seite. Es kann dir ziemlich im Weg stehen, aber oft auch helfen. Wenn wir eine Show spielen, benutzen wir alles was sich uns an dem Abend bietet für unseren Auftritt. Die Stadt, das Publikum, wie wir uns fühlen, ausgelaugt oder euphorisch, einfach alles. Ich mag das so und ich ziehe es definitiv der Alternative vor. Jede Nacht ist ein wahres Mysterium! Wir sind vor jeder Show richtig nervös, weil wir einfach nie wissen, was uns erwartet.

Martín: Immer anders zu spielen hat wirklich nichts mit technischen Details zu tun. Es geht nur darum wie wir gerade drauf sind, wo wir sind und was wir trinken.

Wieso ist Madrid eigentlich die Garage Rock-Stadt, während in Barcelona die Elektro-Szene zuhause ist?
Costials: Auch in Barcelona gibt’s Garage-Rock-Bands. Aber in Madrid funktioniert es besser.

Martín: Madrid ist einfach perfekt für Garage/Lo-Fi-Musik. Alle meine Freunde wohnen um die Ecke, der Proberaum ist nur 20 Minuten entfernt – mehr braucht es nicht. Du kannst permanent Musik machen. In kleineren Städten funktioniert das viel besser als in großen.

Elektronische Musik ist intellektueller. Du brauchst dich mit niemandem zu treffen. Dein Computer in deiner Wohnung reicht völlig. Die Madrider sind da anders als Barceloner. Nicht besser oder schlechter, einfach anders. In Madrid ist es jedenfalls so gut wie unmöglich ein Projekt alleine zu starten. Warum soll ich auch alleine zuhause sitzen und Musik machen? Da treffe ich mich lieber mit Freunden. Die Leute in Barcelona brauchen das nicht so sehr. Das ist eine Mentalitätssache.

Eine Bekannte meiner Mutter ist aus Madrid nach Barcelona gezogen und sie erzählt immer: Wenn ich in Madrid ins Kino gegangen bin, war es schier unmöglich nachher nicht noch ein Bier trinken zu gehen und mit den anderen über den Film zu diskutieren. In Barcelona dagegen gehst du ins Kino und dann eben wieder nach Hause. Wozu noch ein Bier nachher? (beide lachen)

In eurer Heimat habt ihr permanent einen Satz zu hören bekommen – „Spanish bands stay in Spain“. Wo kommt diese Denke her?
Cosial: Es ist weniger die Tatsache, dass uns die Leute das immer wieder ins Gedächtnis rufen wollten: Das ist einfach die Realität. Die größten spanischen Bands sind nur in Spanien wirklich bekannt.

Martín: Und in Südamerika. Nur hier kannst du als spanische Band außerhalb Spaniens noch groß rauskommen, weil dort eben auch spanisch gesprochen wird.

Cosials: Du träumst nicht einmal davon, irgendwann mal in Frankfurt zu spielen, wenn du eine Band gründest. Das gehört einfach nicht zu deinen Optionen. Du freust dich auf diesem einen Festival im Süden spielen zu können und vielleicht noch in diesem super Laden in Madrid. Alles spielt sich nur in Spanien ab.

Wie seid ihr raus gekommen aus diesem Teufelskreis?
Cosials: Indem wir einfach mutig waren und mehr wollten. Wir sind eine große Wette eingegangen – und haben auf dem Weg eine Menge Geld verloren.

Ihr werdet allenthalben für euren rohen, frischen Sound und euer selbstbewusstes, unbefangenes Auftreten gefeiert. Oft schwingt in den Kommentaren mit, gerade dieser Spirit sei dem Musik-Geschäft in letzter Zeit abhanden gekommen. Ist die Rock-Szene wirklich so langweilig geworden?
Cosials: Oh nein! Aber ich glaube schon, dass wir auf eine gewisse Weise eine Lücke gefüllt haben. Wir haben etwas ganz Anderes geschaffen. Etwas, das absolut nichts mit Labels oder einem Produkt zu tun hat. Wir machen Fehler und lassen sie jeden sehen. Wir zeigen alles von uns und gaukeln niemandem was vor.

Wir haben als super kleine Band angefangen und alle um uns herum, sahen uns beim Aufwachsen zu. Da konnten wir keinem etwas vormachen. Diese Art, sich in keinster Weise dafür zu schämen, wie man ist, das machst du als Künstler normalerweise nicht. Du willst in der Regel nur einen ganz bestimmten Teil von dir selbst präsentieren. Wir dagegen zeigen in Hinds jede Facette von uns und das ist uns überhaupt nicht peinlich.

Es kümmert uns zum Beispiel nicht, dass wir keine professionellen Designer sind. Wir machen trotzdem alles selbst, ganz egal ob’s jetzt um Albumcover oder Merch geht. Wir wissen auch nur zu gut, dass wir keine Social-Media-Experten sind. Aber das juckt uns nicht, wir posten einfach was uns in den Sinn kommt. Alles was sich um unsere Band dreht, machen wir soweit es geht selbst. Und ich glaube das kommt an bei den Leuten.

Ihr wart letztes Jahr ja auch gut unterwegs. Thailand, Australien, aber auch auf dem legendären Glastonbury. Wie habt ihr das Festival der Festivals erlebt?
Cosials: Wir waren die vollen drei Tage da und haben auch gecampt, wobei das an sich auch gar nicht anders geht da.

Martín: Wir lieben diesen See! Du kannst Radiohead sein, aber wenn du beim Glastonbury dabei sein willst, musst du campen. Das Festivalgelände ist mitten im Nirgendwo gelegen. Wenn du da in einem Fünf-Sterne-Hotel übernachten willst, brauchst du eineinhalb Stunden, bis du da bist. Wer also wirklich das Festival erleben will, der campt. Du bekommst von den Organisatoren ein Zelt gestellt oder einen Platz zugewiesen, wo du dich ausbreiten kannst. Und du duschst dann, wo alle anderen auch duschen. Du gehst auf dieselbe Toilette. Radiohead mögen ihren Tourbus haben, aber auch damit bist du mittendrin.

Also selbst ein Kanye West läuft da auf dem Camping-Platz rum?
Cosials: Aber sicher! Der wird wohl auch in seinem Tourbus übernachten, aber er benutzt trotzdem dieselben Toiletten wie alle anderen.

Martín: Die haben übrigens keine Spülung. Du schaufelst einfach etwas Sand rein, wenn du fertig bist und dann kommt danach vielleicht Kanye West und pinkelt obendrauf (lacht). Das ist einfach wunderbar, egal ob du Kanye West oder meine Mutter bist, auf de, Glastonbury sind alle gleich.

Wie kamt ihr eigentlich an den Festival-Slot? Ihr hattet zu der Zeit ja nur eure Demos und EPs.
Cosials: Ich glaube, das ist das ist das Tolle an Großbritannien und Europa überhaupt. Ihr kümmert euch nicht drum, ob eine Band schon viel vorzuweisen hat, wenn euch die Band gefällt, gefällt sie euch. Wir wurden vom Glastonbury gefragt, ob wir spielen wollen und haben es getan.

Martín: Wir standen auch relativ früh auf der Bühne, um 12 Uhr, aber es trotzdem unglaublich voll. Da waren etwa 6000 Leute.

Und nach Thailand hat’s euch wie verschlagen?
Cosials: Das ist eine lustige Geschichte! Da gibt es eine Frau in Thailand, die jedes Jahr eine Show auf die Beine stellt, mit einer Band aus Europa oder den USA. Vor zwei Jahren war es Adam Green, vor drei The Black Lips und letzten Jahr haben wir da gespielt. Verdient haben wir damit nichts, aber sie hat die Flüge übernommen, die Promo, unser Hotel bezahlt, alles Mögliche einfach. Das war wirklich außergewöhnlich, aber das Verrückteste war: Die Leute dort kannten uns tatsächlich!

Martín: Es war einfach genial und praktisch obendrein. Denn unser Promoter in Australien konnte damals den Flug von Europa aus nicht zahlen. Aber da wir dann ja in Bangkok waren, war das kein Problem mehr und wir konnten auch in Australien touren.

Ein anderes Thema: Ende letzten Jahres wurde in Spanien gewählt. Das haben hierzulande die Leute größtenteils wohl mitbekommen. Aber wie es sich in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage lebt, fast die Hälfte der Jugend ist arbeitslos (47,5 Prozent der 15-24-jährigen, Stand November 2015), ist für uns von hier aus schwer vorstellbar. Könnt ihr uns einen Einblick geben?
Cosials: Ich glaube die finanzielle Situation bessert sich allmählich, wenn auch langsam. Es entstehen wieder mehr Jobs. Die Lage ist nicht mehr so desaströs wie noch vor drei Jahren, als wir wirklich im Arsch waren. Aber das wisst ihr, ihr habt uns schließlich gerettet. Wir lagen am Boden und wenn du einmal dort angekommen bist, kann es nur noch nach oben gehen.

Natürlich gibt es noch viele Arbeitslose, aber auf der anderen Seite gibt es viele, die sich aufgerafft haben und sich selbstständig gemacht oder etwas gefunden haben. Wir sind ein Teil dieser Generation. Einer Generation, der Jobs nicht mehr einfach angeboten werden. Du musst selbst aktiv werden. Mit dieser Situation sind wir aufgewachsen. Ich erwarte nicht, dass mich irgendjemand aus dem Nichts einstellt. Du musst dafür kämpfen.

Martín: Da ist noch ein weiteres Problem und zwar wenn du in Spanien studierst, musst du Praktika machen, um fertig zu werden. Und in Spanien wirst du bei Praktika ausgebeutet. Du bist für alles Mögliche zuständig, wirst miserabel bezahlt und am Ende hast du vier Jahre Praktikum gemacht. Die meisten jungen Leute machen also die von der Uni vorgeschriebenen drei Monate lang und hauen dann ab, um möglichst etwas Besseres zu finden. Alle meine Freunde verdienen allen Ernstes rund 200 Euro im Monat!

Cosials: Die, die überhaupt bezahlt werden.

Martín: Du bekommst Angebote, wo du neun Stunden am Tag arbeiten sollst, ohne bezahlt zu werden. Da kann ich nur antworten: Vielen Dank für das Angebot, aber von irgendwas muss ich ja leben. Ich will weiterkommen in meinem Leben und raus von zuhause. Das ist ein riesiges Problem!

Eure Musik klingt aber trotzdem alles andere als depressiv. Ist das eure Botschaft, dass man es auch in der momentanen Lage schaffen kann, wenn man sich nur voll reinhängt und für sein Ziel kämpft?
Cosials: Das trifft es wohl im Kern, ja. Schau dir an was wir getan haben: Wir haben uns gesagt, hey, das wollen wir schaffen. Also stecke ich hier all meine Energie rein, bin super organisiert und kümmere mich um jedes kleinste Detail, da ich die volle Kontrolle über mein Projekt haben will. Hinds war von Beginn an ein Job – zu einhundert Prozent! Wir haben das hier nie bloß als nettes Hobby gesehen, aus dem vielleicht mal mehr werden könnte. Wir arbeiten wirklich verdammt viel.

Wenn ihr auf euer turbulentes letztes Jahr zurückblickt, gab es da mal die Möglichkeit, das Ganze kurz einmal in Ruhe zu betrachten oder geht es für euch einfach immer weiter?
Cosials: Wir liegen nicht jeden Abend im Bett und fragen uns was um Gottes Willen gerade passiert. Aber es gibt teilweise schon Momente, wo du dir sagst: Fuck, was ist eigentlich los, wo stand ich in meinem Leben vor zwei Jahren und wo bin ich jetzt auf einmal? Wir haben schon so vielen Länder gesehen. Erst vor drei Wochen waren wir in Hong Kong und da redest du dann über deinen Geburtstag, den du in Austin, Texas gefeiert hast. Es gibt solche Tage, aber du fällst nicht jedes Mal aufs Neue aus allen Wolken.

Martín: Es ist einfach sehr schwer, das Alles einzuordnen. Wir reden immer über ein Jahr, aber so fühlt es sich nicht an. Als wir noch an der Uni waren, gab es da fixe Klausuren-Termine und Semesterferien. Da konntest du alles in großen, immer gleichen Zeiträumen planen. Aber jetzt denken wir auf einmal nur noch in Touren und Stunden. Jedes Mal, wenn ich versuche zurückdenken, kann ich mich kaum erinnern, was alles war. Das ist bizarr und fantastisch zugleich. Am einfachsten ist es wirklich immer weiterzumachen – fuck the past (lacht).

Ihr seid also weit davon entfernt, mal eine Pause zu brauchen?
Costials: Die würden wir liebend gern machen, gleichzeitig können wir aber auch kaum still halten. Zu Weihnachten waren wir zum Beispiel zuhause in Madrid und drei von uns haben sich dann irgendwann gefragt: Was machen wir hier eigentlich? Also haben wir unsere Sachen gepackt und sind zu Freunden nach New York geflogen.

Auf Tour vermissen wir Madrid, gerade wenn du plötzlich den Geburtstags deines besten Freundes verpasst. Aber bist du dann in Madrid, juckt es dir wieder in den Fingern und du willst raus.

Madrid fühlt sich immer kleiner an oder?
Costials: Ja! Aber das ist wunderbar. Je mehr wir rumreisen, je mehr wir London erkunden und all die großen Städte Europas, desto mehr lieben wir Madrid.

Unser Review zu „Leave Me Alone“ findet ihr hier: www.stageload.org/reviews/hinds-leave-me-alone

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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