Interview mit Lasting Traces

Interview mit Lasting Traces

Lasting Traces kann man inzwischen getrost als alte Hasen in der deutschen Hardcore-Szene bezeichnen. Seit 2008 gibt es die Band nun schon, die ursprünglich ganz aus dem Süden von Baden-Württemberg kommt, inzwischen aber größtenteils in Mainz residiert. Mit „You+Me“ erscheint Anfang September das zweite Album von Lasting Traces über Demons Run Amok und Redfield Records. Passend dazu haben wir uns etwas mit Sänger Thomas (links außen) über die neue Platte und deren Entstehungsprozess, die bisherige Bandgeschichte, eine glücklicherweise abgewendete Auflösung und die Zukunft unterhalten.

Hey! Alles gut? Wie fühlt es sich an, ein neues Album in den Startlöchern zuhaben?

Es fühlt sich super aufregend für uns alle an. Die Arbeiten am Album haben sich bis zum tatsächlichen Release im September knapp zwei Jahre hingezogen. Von daher sind wir einfach nur gespannt, wie das Album angenommen wird, welche Reaktionen kommen werden und was so alles damit passiert.

Wie ist die Resonanz auf den ersten Song, „Golden Cage“, den ihr ja vor gut zwei Wochen veröffentlicht habt, ausgefallen?

Die Resonanz war wirklich wahnsinnig gut. Sowohl über Facebook als auch von den Labels haben wir tolles Feedback erhalten. Kritische Töne gehören natürlich auch dazu und sind auch legitim. Prinzipiell habe ich aber das Gefühl, dass uns die Leute unsere musikalische Entwicklung zugestehen und es auch als authentisch ansehen.

Bei euch hat sich viel getan in den letzten paar Jahren. In 2014 und der ersten Hälfte 2015 zum Beispiel hat man ja so gut wie gar nichts von euch mitbekommen. Was war da los?

Ja, da hast du recht. Die letzten paar Jahre (vorallem ab Ende 2012) hat sich bei uns wahnsinnig viel bzw. gar nichts getan. Das Ganze fing an als Andreas, unser ehemaliger Schlagzeuger, die Band im Herbst 2012 aus privaten Gründen verlassen hat. Es ist uns wahnsinnig schwer gefallen, adäquaten Ersatz für ihn zu finden, weshalb wir auch kurz davor waren die Band aufzulösen. Als dann aber Felix plötzlich auf der Bildfläche erschienen ist, und sich als mehr als passender Ersatz herausgestellt hat, war der Gedanke das Ganze sein zu lassen schnell wieder weg. Einen zweiten Gitarristen gab‘s wohl auch noch irgendwo im Angebot und plötzlich waren wir auf einmal fünf Jungs die Bock hatten, neue Songs zu schreiben. Das hat sich alles im ersten Quartal 2013 abgespielt. Ein Jahr später (im Frühjahr 2014) standen wir dann plötzlich mit 10 neuen Songs im Studio und haben unser zweites Album aufgenommen. Klar haben wir zwischendurch einige Konzerte gespielt, aber die Prioritäten lagen ganz klar beim Recording. Bis das Album dann gemixed und gemastered war und wir mit den Labels alles geklärt hatten, ging auch nochmal etwas Zeit ins Land. Dazu kam noch, dass Fabian die Band direkt nach den Aufnahmen aus privaten Gründen verlassen hat. Glücklicherweise war Julian, Felix` Mitbewohner, schon während den Aufnahmen öfter mal mit im Studio und als er dann mitbekommen hat, dass wir jemand für den Bass suchen, meinte er sofort: „Ich könnte doch Bass spielen?“. Eigentlich spielt er Gitarre, macht sich aber auch am Bass sehr gut. Er hat dann innerhalb kürzester Zeit die Songs gelernt, sodass wir fast übergangslos weitermachen konnten. Als sich dann auch noch langsam anbahnte, dass Lorenz die Band auch verlassen wird, haben wir erst mal kurz geschluckt. Mit Yannick haben wir dann aber relativ flott jemanden gefunden, der die Band wunderbar ergänzt. Schlussendlich wären wir nicht böse gewesen, wenn alles etwas schneller und einfacher gegangen wäre, aber wir wollten uns eben Zeit lassen, bis tatsächlich alles für uns passte und stimmig war. So können wir nun unsere ganze Energie in Shows und das Vorstellen der Platte stecken.

Euer Stil hat sich in den letzten Jahren auch sehr gewandelt. Auf „Old Hearts Break In Isolation“ wart ihr ja eine Melodic Hardcore-Band, wie sie im Buche stand. Auf „Elements“ hingegen kam alles etwas zurückhaltender und rockiger rüber und der ersten Song, den ihr jetzt von „You+Me“ veröffentlicht habt, ist eher so das Zwischending. Wie kam der Wandel? Hattet ihr einfach Bock auf was anderes?

Als Wandel würde ich das Ganze vielleicht nicht bezeichnen, eher als konstante Entwicklung. In der Tat kann man „You+Me“ musikalisch aber irgendwo zwischen „Old Hearts…“ und „Elements“ einordnen. Das Ganze hat wohl damit zu tun, dass wir uns nicht nur als Musiker, sondern auch als Menschen weiterentwickelt haben. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass unsere Geschmäcker, was Musik angeht, kaum unterschiedlicher sein könnten. Daniel hört viel Pop-Musik, Felix hört wahnsinnig viel Rap wie z.B. Wu-Tang Clan und Ghostface-Killah, und mich sieht man relativ häufig mit irgendwelchen Black Metal- oder 80‘s Pop-T-Shirts. Wir sind nicht mit der Prämisse an das Songwriting gegangen, dass wir wie „xy“ oder „so oder so“ klingen möchten. Es wurde viel gejammt und geschaut, was geil für uns klingt. Dennoch wollten wir Lasting Traces bleiben und keine neue Band erschaffen.

Um was dreht sich „You+Me“? Gibt es ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Songs zieht, oder kann man mehr jeden Song für sich sehen?

„You+Me“ ist kein Konzept-Album im herkömmlichen Sinne. Alle Songs erzählen eine eigene kleine Geschichte und funktionieren unabhängig voneinander. Dennoch muss man vielleicht erwähnen, dass „You+Me“ ein Album über Selbstreflexion hinsichtlich der Beziehungen zu den verschiedenen Menschen in unseren Leben ist. Partner, Freunde, Eltern, Kollegen, etc… Menschen, die wir entweder mehr und weniger mögen. Die ganzen Aspekte des Zusammenseins mit unterschiedlichen Individuen finden wir einfach super spannend, weil sie eine so große Bandbreite an Gefühlen abgedecken. Der Titel ist demnach eher ein Spiegelbild von uns selbst und wie wir uns durch diese Menschen verändert haben.

„You+Me“ ist ja euer zweites Album und, wenn ich mich nicht verzählt habe, eure sechste Veröffentlichung überhaupt. Nach dem ihr so schon viele Songs geschrieben und so viel Stoff verarbeitet habt, fällt euch da das Songwriting noch leicht, oder stoßt ihr auch an eure Grenzen und sagt „Boah ne, jetzt hab ich überhaupt keine Ideen mehr! Der Drops ist gelutscht!“? Musstet ihr euch zwingend im Proberaum einsperren oder war alles eher entspannt beim Schreiben von „You+Me“?

Da es im Nachhinein immer leichter aussieht als es in Wirklichkeit gewesen ist, würde ich jetzt mal behaupten, dass es nicht wirklich entspannt war. Als wir angefangen haben Songs für „You+Me“ zu schreiben waren wir ziemlich weit in Mittel- und Süddeutschland verteilt. Das Ganze hatte zur Folge, dass wir maximal alle zwei bis drei Wochen zusammen proben konnten und Strecken von 400 bis 500 Kilometer für eine Probe zurücklegen mussten. Das hat den ganzen Songwriting-Prozess extrem in die Länge gezogen. Im Studio war die Situtation dann allerdings komplett anders, wir haben fast vier Wochen jeden Tag miteinander verbracht und haben uns gegenseiteig motiviert. Viele der Songs wurden auch erst dort „fertig“ geschrieben.

Eure Platten kamen bis jetzt ja alle über Demons Run Amok Records raus, das ist ja praktisch so ein Hardcore-Label wie es im Buche steht, die alle Hand an Tough Guy-Zeug oder klassischen Kram wie den Cro-Mags oder Morning Again im Katalog haben. Wie seid ihr als doch sehr melodische und im vergleich softe Band da reingerutscht?

Ich kenne Marcel von DRA mittlerweile schon einige Jahre. Im Badischen ist die Welt etwas überschaubarer. Er hatte uns bereits von Anfang an Anfang verfolgt und war dann interessiert auch unser erstes Album rauszubringen. Auch wenn auf DRA musikalisch meist eher klassische Hardcore-Alben rauskommen, hat er sich nie gescheut auch etwas anderes zu machen und neue Wege zu gehen. Bei den neuen Songs waren wir schon etwas skeptisch, ob ihm der Stil taugt, aber er war ebenfalls sofort interessiert und neugierig die bewährten Pfade mal zu verlassen. Das Schöne ist, dass er uns viele Freiheiten lässt und einfach ein entspannter und cooler Typ ist, der wirklich für Hardcore und Musik im Allgemeinen brennt.

Ich finde es immer super interessant zu wissen, was so bei Bands im Tourbus läuft. Wenn ich mit meinen Jungs auf der Straße bin, ist da eigentlich alles dabei: Von Eurodance über Scooter bis zur Neuen Deutschen Welle oder Public Enemy. Was läuft bei euch so, wenn ihr unterwegs seid? Habt ihr ein paar All-Time-Favorites, die nie fehlen dürfen?

Also mit Neuer Deutschen Welle und Schlager bist du bei mir genau richtig, je stumpfer desto besser. Es kommt aber auch immer darauf an, wer der DJ im Van ist. Bei Daniel läuft meist eher poppiger Rock mit zuckersüßem Gesang, MC Felix schwört auf HipHop. Bei mir ist zwischen Badesalz, Black Metal und Schlager alles möglich. Bon Jovi geht eigentlich immer!

Euch gibt es ja nun auch schon eine ganze Weile. Ich erinnere mich noch, dass ich 2009 immer eure „Portraits“ EP gehört hab. Das ist ja auch schon ewig her! Andere Bands, die früher immer mit euch unterwegs waren, wie Together oder Way Down, sind ja aufgelöst oder komplett von der Bildfläche verschwunden. Wie lange wollt ihr das Schiff, was ja bestimmt mit der neuen Platte im Gepäck nicht auf falschen Kurs ist, noch am Laufen halten? Ich meine, man wird ja nicht jünger und andere Prioritäten im Leben dadurch nicht weniger.

Das ist richtig, in der Zeit, in der wir aktiv sind, wurden schon einige Bands zu Grabe getragen. Eine Band ist ja eigentlich auch nur ein zeitlich befristetes, vergängliches Vergnügen. Von dem her haben wir schon relativ lange durchgehalten. Fünf Leute dauerhaft unter einen Hut zu kriegen, ist sehr, sehr schwer. Wie lange es uns noch gibt, weiß niemand. Bis zum letzten Line-Up Wechsel war die Band meist über 3-4 Städte verteilt, mittlerweile wohnen aber vier von fünf in Mainz. Das gibt uns schon etwas mehr Struktur und macht einiges einfacher. Auf jeden Fall fühlt sich das Bandgebilde gerade sehr positiv und belebend an. Mit dem neuen Album vor der Brust ist zudem sehr viel Laune und Motivation da um sich auf die Zukunft zu freuen.

2012 wart ihr als eine der wenigen deutschen Hardcore-Bands auf Tour in Asien. Wie war das für euch? Wenn ihr die Shows hier in Europa mit denen dort vergleicht, was gibt es für Unterschiede? Ich meine, da gibt es bestimmt so Einige!

Das ist auch schon wieder drei Jahre her, wo rennt die Zeit hin, ey?! Es ist schwierig konkrete Vergleiche anzustellen, weil es einfach andere Kulturen sind, andere Menschen, andere Voraussetzungen. Mir ist aufgefallen, wie warmherzig und dankbar die Menschen dort sind. Wir wurden teilweise wie Könige empfangen und behandelt, was für uns als kleine Band aus Europa schon sehr strange war. Dort finden nicht jedes Wochenende diverse Konzerte mit ausländischen Bands statt, weswegen die Kids natürlich ganz scharf drauf sind, Shows zu besuchen. Hierzulande ist mittlerweile ein viel größeres Sättigungsgefühl erreicht, weswegen gerade kleinere Bands zu kämpfen haben. Es war einfach eine großartige Erfahrung für uns und wir hoffen auf eine Wiederholung in Zukunft.
Ihr habt sicherlich schon viele lustige und auch ärgerliche Sachen auf Tour erlebt. Was ist euch da im Gedächtnis hängengeblieben? Gibt es Erlebnisse, die euch bis heute begleiten?

Natürlich gibt’s auch da die typischen Erlebnisse und ein paar Highlights. Den kaputten Van kennt ja jeder. Diskussionen mit der russischen Polizei, so wie die Nacht auf einer indonesischen Polizeiwache totzuschlagen gehört eher zu den unschönen Erinnerungen. Eine Sache die uns positiv in Erinnerung geblieben ist (wir können allerdings nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob sich besagtes wirklich so zugetragen hat): Als wir von der indonesischen Polizei die ganze Nacht festgehalten wurden und es danach aussah, als würden wir den Flieger am nächsten Tag verpassen, hat unserer Fahrer den Kapitän des Fliegers angerufen und Bescheid gegeben, dass wir eventuell 10 Minuten später am Flughafen sind und dass die Maschine noch warten soll. Wir haben die Maschine dann tatsächlich noch erwischt. Like a Boss!

Ihr als doch schon recht alte Hasen in der Szene könnt bestimmt den Massen an jungen Bands, die in der letzten Zeit aus dem Nichts kommen, ein paar Tipps geben. Wenn man als junge Band gerade durchstartet, die ersten Gigs plant und das erste Demotape im Gepäck hat, was sollte man beherzigen?

Tipps zu geben ist schwierig, schließlich haben wir die Weisheit auch nicht gerade mit Löffeln gefressen. Viel live spielen, präsent sein, sich zeigen, mit Leuten quatschen und gute Arbeit abliefern und etwas Glück gehört natürlich auch dazu. Dann kommt man vermutlich am Ehesten vorwärts.

Was habt ihr für Pläne für den Rest des Jahres?

Der Plan ist, bis Ende des Jahres so viele Shows wie möglich zu spielen, sodass unsere neuen Songs von möglichst vielen Leuten gehört werden und wir dadurch unseren Hörerkreis erweitern können. Ihr könnt euch gern bei uns melden, wenn wir auch eure Stadt „verzaubern“ sollen. Die aktuellen Tourdates gibt‘s auf den bewährten Plattformen. Über das kommende Jahr haben wir natürlich auch schon gesprochen, genaue Pläne gibt es aber bis dato noch nicht. Das einzige was wir wissen ist, dass wir vielen touren wollen.

Danke für das Interview! Wenn ihr noch irgendetwas los werden wolltet, könnt ihr das gerne an dieser Stelle tun.

Ebenfalls vielen Dank für das Interview und checkt „You+Me“ aus. Still loving life!

Autor Patrick Siegmann
Wohnort Göttingen
Beruf Doktorand
Dabei seit September 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Koordination Reviews, News, Facebook
Top-Alben Viel zu viele. "Songs To Scream At The Sun" von Have Heart ist aber definitiv eines von den Alben, die mich am meisten geprägt haben.
Die besten Konzerterlebnisse Auf jeden Fall vorne mit dabei: Have Heart, Shipwreck AD, Rise And Fall und AYS in der Roten Flora in Hamburg, Juli 2009

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