Interview mit Parkway Drive

Interview mit Parkway Drive

Im Juni besuchten wir einen gut gelaunten Winston McCall in Köln beim Pressetag, um über das neue Album „IRE“, Fallschirmspringen und die australische Musikszene zu sprechen. Auch die Reaktionen auf den doch ungewohnten Stil der ersten Single „Vice Grip“, die am selben Tag erschien, waren ein Thema.

Der Titel eures neuen Albums lautet „IRE“. Was hat es damit auf sich?

„Ire“ ist das englische Wort für Wut bzw. Zorn. Mir war das selber gar nicht so bewusst, dass es dieses Wort gibt. Viele Leute kennen diesen Begriff nicht, selbst wenn Englisch ihre Muttersprache ist. Wir wollten dem neuen Album einen ausdrucksstarken Titel geben, aber wir wollten es auch nicht einfach nur „Hate“ oder „Anger“ nennen. „Ire“ gefiel uns da besser, weil viele Leute die Bedeutung eben nicht direkt kennen und sich so gezwungenermaßen mit dem Titel beschäftigen und auseinandersetzen müssen. Er steht natürlich außerdem stellvertretend für das zentrale Thema der Platte: Die Wut auf die Zustände, in denen sich die Menschheit momentan befindet. Auch wenn es sich dabei nicht um ein Konzeptalbum handelt!

Kannst du uns mehr zu diesem Leitmotiv verraten?

Ich glaube im modernen Zeitalter verspürt jeder Mensch, der mit offenen Augen durchs Leben geht und sich um Dinge kümmert die auf der Welt vor sich gehen, diesen Zorn. Man kann eigentlich gar nicht anders als Wut zu empfinden, angesichts der Zustände in unserer Welt. Zumindest, wenn man Sympathie und Empathie empfindet. Ich glaube niemand, der sich unseren Planeten anschaut kann sagen: „Cool! Alles läuft bestens!“. In Wahrheit ist es frustrierend zu sehen, wie alles den Bach runtergeht. Es macht mich traurig tagtäglich von Massakern, Folterungen, Umweltzertsörung und so viel anderen schlimmen Sachen zu lesen. Man will nicht, dass alle diese Dinge passieren, aber sie passieren wirklich! Und sie passieren in einer Welt die so hoch entwickelt ist, wie nie zuvor. Jeder Fortschritt wird genutzt, um jemand anderem damit zu schaden: Hey, wir haben diese wundervolle Maschine erfunden – aber nun nutzen wir sie, um dich damit platt zu machen! Und dabei rede ich nicht mal über Waffen! Wir haben über das Internet Wege der Kommunikation gefunden, die uns weltweit verbinden. Und was passiert? Leute nutzen diese Technologie, um zu lästern und andere Leute bloßzustellen. Es ist traurig zu sehen, wie diese Entwicklung immer mehr voranschreitet. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem man nicht mehr anders kann, als wütend und frustriert zu sein. Auch Gleichgültigkeit hilft nicht mehr. Die Missstände sind nicht zu übersehen und du kannst nicht mehr sagen: Hey, dass wird schon irgendwie besser werden…. Es muss sich etwas ändern!

Ich gehe mal davon aus, dass die Texte ebenfalls in diese Richtung gehen?

Ja, definitiv! Es gibt zwei Ausnahmen. Ich glaube „Vice Grip“ war ein echter Schocker, grade als erste Single des Albums. Dieser und der letzte Song sind textlich positiver. Aber der Rest ist sehr düster und passt zum Titel. „Vice Grip“ wollten wir unbedingt als ersten Song veröffentlichen, weil man die „alten“ Parkway Drive noch raushört aber eben auch die neuen Elemente. Normalerweise mach man das nicht so. Die meisten Band und so haben wir es auch immer gemacht, bringen als ersten Track etwas heraus, was eine sichere Bank ist. Also etwas, dass nach den früheren Songs klingt. Die lieben die Leute schließlich schon, also lieben sie auch den neuen Song. Jedoch werden so auch alle Erwartungen bestärkt, das Album wird genauso klingen, wie alle seine Vorgänger. Wir wussten genau, bei „IRE“ werden die Leute nicht bekommen, was sie erwarten. Wenn jetzt also jemand sagt: Mir gefällt der Song nicht, ist das auch gut. Die Hauptsache ist, er oder sie fühlt überhaupt was. Ob positiv oder negativ ist dabei erstmal zweitrangig. Es ist wichtiger, dass sich die Leute den Song anhören und sich ein Urteil bilden, als dass der Song nicht angehört wird, weil die Leute denken, sie wüssten ja eh schon was sie erwartet.

Lass uns über die musikalische Entwicklung reden. „IRE“ klingt definitiv anders als eure Vorgänger-Alben. Die Single „Vice Grip“ hat schon einen gewissen Heavy Metal-Einschlag und ein paar andere der neuen Song gehen in eine ähnliche Richtung, oder findest du nicht?

(Lachend)Jeder der hier heute mit mir gesprochen hat, meinte genau das: „Vice Grip“ klingt nach 80s-Metal! und ich dachte: Echt?! Gut zu wissen! Aber es war anders. Wir haben uns nie bewusst dafür entschieden, so zu klingen wie eine andere Band oder ein bestimmter Stil. Nach den Aufnahmen zum letzten Album standen wir einfach da und dachten: Was nun? Wir merkten, dass wir als Musiker alles aus dieser Formel, nach der wir bisher Musik gemacht haben, rausgeholt haben. Wir wollten und konnten nicht nochmal so ein Album machen. Es machte uns keinen Spaß mehr. Ich liebe es unsere Songs live zu spielen und ich liebe jeden einzelnen Song den wir geschrieben haben, so wie er ist. Aber wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir etwas neues ausprobieren wollten, was uns auch selbst herausfordert! Wir wollten Musik schreiben, die wir selber lieben und wir lieben nicht unbedingt klassischen Metal. Keiner hat gesagt: Lass uns etwas in Richtung Metal machen! Es ging eher darum Neues auszuprobieren und die eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Die Änderung, die Menschen bemerken ist vermutlich, dass es weniger chaotisch zugeht. Wenn wir beispielweise einen Gitarren-Part geschrieben haben, wollten wir, dass auch nur dieser Part im Vordergrund steht. Die Drums sind also in diesem Teil des Songs sehr zurückgenommen, Vocals gibt es vielleicht gar keine an dieser Stelle. Das haben wir bisher noch nie so gemacht. Wir mussten lernen, aus weniger mehr zu machen und nicht wie bisher einen Song zu schreiben der heftigen Gitarrenpart, an noch heftigeren Drum-Part, an noch viel heftigeren Gesangspart reiht. Für diesen neuen Sound mussten wir auch echte Grundlagen-Kenntnisse erlernen, was teilweise echt schwer war. Man soll sich in einem Gesangs-Part etwa ganz auf diesen konzentrieren können, weil er hervorgehoben ist und man den Gesang versteht. Die Vocals haben jetzt etwas menschlicheres, als dieses „crazy Cookie-Monster-Satan“-Shouting (lachend). Ich wollte, dass diese Aggression und Wut in den Songs menschlich erscheint. Ich bekomme so oft zu hören: Winston ist so gut! Er klingt wie der Teufel höchstpersönlich! Ich hab noch nie mit dem Teufel gesprochen und wahrscheinlich würde ich auch kein verdammtes Wort von ihm verstehen. Also möchte ich wesentlich lieber, dass die Leute den Menschen Winston hören, auch wenn es natürlich immer noch sehr harte Vocal-Parts auf der Platte gibt.

Die Änderungen in eurem Stil kamen also wie von selbst und natürlich?

Ja, es war ein sehr natürlich Prozess. Wir wussten zwar, was wir erreichen wollten, aber haben es noch nie gemacht. Und zur gleichen Zeit mussten wir auch mit uns selbst kämpfen. Die letzten vier Alben haben die Band extrem nach oben gebracht, jeder liebt sie und alle feiern dich. Und du denkst, du weißt alles über Musik – weil du ein verdammter Idiot bist! (Lachend) Aber so ist es natürlich nicht und du musst ganz von vorne anfangen. Es gab sehr feste Songwriting-Prozesse für diese vier Alben, deswegen klingen sie eben auch so ähnlich. Und nun änderte sich eben alles! Ich habe über ein Jahr Gesangsunterricht genommen, um meine Stimme besser kontrollieren zu können. Manche dieser Songs wurden über 3 Jahre hinweg geschrieben. Teilweise sind diese Songs 15 mal überarbeitet worden. Wir wollten sehen, was alles aus diesen Songs rauszuholen ist. Es war echt viel Arbeit.

Wie schwer ist es denn, nach vier Alben den Fans immer noch etwas neues bieten zu können?

Eigentlich ist es überhaupt nicht schwer! Schwer ist es nur, wenn du den Leuten das gleiche, als etwas neues verkaufen willst. Das wollten wir nie. Wir haben nie für Fans geschrieben, sondern immer Musik für uns gemacht. Es war halt ein glücklicher Umstand, dass die Leute genau darauf gestanden haben, was uns natürlich sehr gefreut hat. Schwer waren an diesem Album nicht die musikalischen Aspekte. Es macht einen großen Unterschied, ob ein Song physisch schwer zu spielen ist, oder ob er schwer zu schreiben ist. Die Kreation von weniger harten Parts etwa, war für uns nicht einfach. Normalerweise haben wir uns versucht in Härte selbst zu übertreffen, hier war das Gegenteil gefordert.

Ihr seid inzwischen Headliner bei allen großen europäischen Festivals, habt bei der Warped-Tour oder auch in entlegenen Gegenden der Welt gespielt – gibt es neue Herausforderungen, die euch reizen?
Gute Frage! Wir sind vermutlich grade an der größten Herausforderung unserer Bandkarriere angelangt. Dieses Album wird niemand so erwarten! Es ist nicht die Herausforderung dieses Album zu verkaufen – wir verkaufen generell nichts! Die Herausforderung ist viel mehr persönlicher Natur, da wir uns mit diesem Album auf völlig neues Terrain begeben und sehr viel dafür investiert haben. Wenn es darum geht, verrückte Sachen zu machen sind wir ja sowieso immer dabei! Ihr habt ja eben das Musikvideo (Song: Vice Grip) gesehen. Ich hab tierische Höhenangst und bin vorher noch nie mit dem Fallschirm gesprungen! Alle von mussten es lernen, damit wir dieses Video drehen konnten! Insgesamt mussten wir neun Mal springen, alleine um die Lizenz zu bekommen. Und ich hatte eine Scheiß-Angst! Aber es geht ja auch in den Lyrics darum, sich selbst zu überwinden, wenn auch in anderer Hinsicht. Man kann nicht immer nur reden, nein, man muss halt auch selbst aktiv werden (lachend)!

Würdest du nochmal springen?

(Lachend) Jetzt ja! Insgesamt sind wir neunzehnmal gesprungen und es macht süchtig! Bis zum sechsten Sprung saß ich im Flieger und dachte: Du dummer Idiot – was tust du dir hier an?! Wenn dann die Tür aufgeht, bekommst du noch mehr Angst und krallst dich quasi wie eine Katze im Türrahmen fest. Aber sobald du in der Luft bist, macht es einfach nur Riesenspaß. Diese Angst vor dem Sprung zu überwinden ist eine krasse Erfahrung. Bis zum sechsten Sprung sprang man in Begleitung, beim sechsten dann ganz alleine. Dann musst du dich wirklich komplett selber überwinden. Ist das einmal geschafft, willst du immer wieder hoch! Die Tür geht auf und du denkst: Geil! Dieses Mal mach ich sieben Backflips! Du fliegst über eine Minute durch die Wolken und kommst dir vor wie Superman! Gut, bis mal was schief geht… aber dafür gibt es ja Vorkehrungen!

Die australische alternative Musikszene ist momentan riesig! Es gibt so viele gute Bands, die weltweit touren. Hast du dafür eine Erklärung?

Ich glaube, dass kommt dir nur so vor, weil die Aufmerksamkeit für die australische Szene grade immens ist. Diese Bands waren schon immer da und es hat immer schon richtig gute Bands in Australien gegeben. Klar, auch ich finde es großartig, aber wirklich überrascht bin ich nicht. Es freut mich riesig, dass Leute nun die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen! Wir touren jetzt seit neun Jahren durch Europa und bis vor einem Jahr wurde ich ständig auf die australische Szene angesprochen. Welche Bands gibt es bei euch? Wie ist die Szene? Und ich sagte: Ja, unsere Szene ist großartig, höre dir doch mal die und die Band an! Und niemand hatte einen blassen Schimmer. Und heute hört man von allen Seiten, wie fantastisch diese australische Szene ist! Das ist verrückt! In Australien selbst hat sich nicht viel geändert. Hardcore und Metal sind hier immer noch eine Underground-Geschichte. Klar, die Shows sind groß und gut besucht, aber es hat nicht mit einer Mainstream-Popularität zu tun! Parkway Drive laufen nicht im Radio oder sowas. Jetzt schauen aber Leute außerhalb von Australien genauer hin und sehen, wie viele gute Bands hier sind. Darüber freue ich mich sehr!

Autor Jannik Holdt
Wohnort Mönchengladbach
Beruf Student
Dabei seit 2008
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos, Präsentationen, Gewinnspiele
Top-Alben Have Heart - The Things We Carry / The Chariot - Long Live / Rise Against - Siren Song Of The Counter Culture / Another Breath - Mill City
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