Adele – 25

Album 25
Band Adele
Musikrichtung Pop, Blues
Redaktion
Lesermeinung
4

Ja, sie habe ein Ego. Sogar ein sehr großes und das müsse gefüttert werden, gestand Adele Laurie Blue Adkins jüngst im Zeit-Magazin. Nun ist Miss Adkins momentan rein zufällig die erfolgreichste Künstlerin des Planeten. Ein Minderwertigkeitskomplex dürfte also eher nicht drohen. Alleine ihr Zweitwerk „21“ verkaufte sich über dreißig Millionen Mal – wohlgemerkt in einer Zeit, wo jeder Bericht über die Musikindustrie einem verkappten Nachruf gleicht. Sechs Grammys gab’s obendrauf. Längst könnte die Britin ihr eigenes Guinness Buch verlegen. Dass es ein solches (noch) nicht gibt, liegt an Adele höchstselbst. Denn alles was im Hause Adele passiert, entscheidet – genau – sie. Selbstverständlich.

Da kann es auch mal vorkommen, dass sie mit einem eigentlich fertigen Album spontan doch nicht zufrieden ist und die Songs gegen ältere Aufnahmen tauscht (so geschehen bei „21“). Star-Produzent Rick Rubin soll – gelinde gesagt – überrascht gewesen sein. Für Adele war es das Normalste auf der Welt. Schließlich geht es am Ende ja um sie. Erscheint es ihr notwendig, versetzt sie eben auch einen Phil Collins.

Die Marke Adele, das ist die prominenteste Ich-AG der Welt.

Zu „25“ gab es lange Zeit trotzdem bloß halbgare Gerüchte. Vor allem weil sie nach „21“ einfach von der Bildfläche verschwunden war und nur für „Skyfall“ kurz auftauchte. Dummerweise musste sie für den Song dann noch fix einen Oscar abholen. Nach dieser leidigen Geschichte aber war sie wieder weg. Versunken in einem Leben, wie es Abermillionen grammylose Menschen auch führen. Keine Facebook-Grüße an ihre Fans, kein Instagram-Post von den ersten Schritten ihres Sohnes. Soziale Netzwerke seien einfach nichts für sie. Nicht einmal die Passwörter ihrer Accounts kenne sie. Dass es mit „25“ ernst würde, konnte so außer den Beteiligten allenfalls die Belegschaft eines Plattenladens in Notting Hill ahnen, als die gefragtesten Produzenten begannen, in Scharen durch die Gassen der Nachbarschaft gen Studio zu tingeln. Ob Bruno Mars, Brian Burton alias Danger Mouse oder Pop-König Max Martin, alle wollten sie mitverantwortlich sein für das garantiert erfolgreichste Album des Jahres und sei es nur für einen Song.

„Make-Up-Album“ nennt die Umworbene ihr neues Werk. „Break Up“, das war „21“. Keine mächtigen Trennungs-Dramen mehr also. Immerhin ist die heute 27-Jährige heute auch glücklich mit Mann und Sohn. Dafür hat sie jetzt ihre verlorene Jugend ins Visier genommen. Ohne Drama geht es eben nicht. Doch ausgerechnet ihre brachial alles entmachtende Erhabenheit hat auf dem Weg an Strahlkraft verloren. „25“ ist so der permanente Kampf gegen eine neue Biederkeit.

„hello from the other side, I must’ve called a thousand times, to tell you I’m sorry for everything that I’ve done, but when I call you never seem to be home“
Ihre Rückkehr auf den drei Jahre lang verwaisten Pop-Thron aber gelingt noch triumphal. „Hello“ hat die tränenreiche Urgewalt vergangener Großwerke. Da stört das leidlich kreative Dramaturgie-Korsett kaum. Der Sturz von hier zu „Sending My Love (To Your New Lover)“ aber ist bezeichnend: Der aufgedreht-quietschende Pop-Song vergeht sich in einem kindischen Sing-Sang und plötzlich klingt die große Adele wie eine ihrer gesichtslosen Plastik-Pop-Kolleginnen. Leichtfertig verschenkte Schönheit ist auch der Versuch mit „Water Under The Bridge“ eine breitschultrige Pathos-Rock-Nummer für die Kathedrale namens Wembley zu schreiben. Dabei hätte das kinderleicht funktionieren können – sie hätte nur alles geben müssen.

Doch auf „25“ bricht Miss Adkins nur noch selten aus. Unter dieser neuen Zurückhaltung leidet auch die Ballade „Love In The Dark“, eigentlich das Terrain für einen sicheren Hit. Dass „25“ voll plakativer Coming of Age-Phrasen ist, macht das Ganze nicht besser. Natürlich, der Verlust der sorglosen Jugend ist mit 27 noch frisch, aber bei Adele klingt das gleich, als sei dem Leben nun jegliche Leichtigkeit entflohen. “I try to think of things to say, like a joke or a memory, but they don’t recognize me now, I miss it when life was a party to be thrown but that was a million years ago”

Adele schert sich hörbar nicht um einen klaren Stil – einzige Konstante ist ihre Stimme. Und bei allen Flachheiten auf „25“: Die ist nach wie vor ein unvergleichlich-mächtiges Fanal, wenn sie denn entfesselt wird. Zum Glück passiert das nicht nur im Opener. „All I Ask“ beweist besser spät als nie: Eine Adele braucht bloß ein Klavier und alle Freiheiten, um alles & jeden in den Schatten zu stellen. Keine große Produktion, keine redundanten Pop-Strukturen. Hier klingt die Meisterin der herzzerreißenden Ballade tatsächlich wie die gereifte Frau, die sie ist. Whitney Houston hätte sich verbeugt. „Remedy“ und „Sweetest Devotion“ sind Schwestern im Geiste, nur das Brachiale geht ihnen ab. Die Hommage an „ihren“ „River Lea“ ist dagegen der einzige konsequente Ausflug in neue (und nicht ausgetretene zuckersüße) Gefilde. Dieser Mut steht ihr gut, ebenso wie der Blues. Könnte Lana Del Rey nicht nur schön-schnoddrig vor sich hin säuseln, so würde sie wohl klingen.

Mit den monumentalen „Set Fire To The Rain“ oder „Rolling Rolling In The Deep” hatte sie dem flüchtigen Mainstream-Pop etwas opereske Ewigkeit eingehaucht. Jetzt zelebriert Adele die Beliebigkeit. Verstehen muss man das nicht. „25“ gerät nur wegen ihrer Stimme nicht zum Reinfall – und vor allem, weil sie sich auf halber Strecke eines Besseren besinnt. Doch für eine Künstlerin dieses Formats kann das nicht der Anspruch sein. Niemals. Immerhin, verantwortlich ist für die Ernüchterung nur eine – sie selbst.