Be Well – The Weight And The Cost

Band Be Well
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
8

Ist das jetzt Hardcore, Emotional Hardcore oder schon Emocore? Egal, Genre-Spitzfindigkeiten einmal außer Acht gelassen, legen Be Well mit ihrem Debüt („The Weight and the Cost“) einen klaren Kandidaten für das Album des Jahres vor. Be Well, das sind Brian McTernan (Battery), Mike Schleibaum (Battery, Darkest Hour), Aaron Dalbec (Bane), Peter Tsouras und Shane Johnson (Fairweather). Diese Name-Dropping-Liste alleine lässt schon die Kinnlade herunterklappen. Die verschiedenen ehemaligen Projekte (minus Darkest Hour) zusammen genommen und gut durchgerührt, ergeben eine erste Idee, was den Hörer bei Be Well erwartet: Melodische Hardcore-Songs, fernab von Genre-Stereotypen mit einem nicht zu überhörenden Einfluss der alten D.C.-Emo Schule. 

Im vergangenen Jahr gab es schon eine 7″ mit zwei Songs, die sich auch auf dem Album wiederfinden. „Strength For Breath“ und „Frozen“ spannen dabei auch ganz gut den Rahmen auf, in dem sich „The Weight And The Cost“ bewegt. Während „Strength For Breath“ ein klassischer Hardcore-Song inklusive Breakdown ist, lässt es „Frozen“ deutlich langsamer angehen – samt größerem Anteil an gesungenen Vocals. Diese Stimmungen wechseln sich auf dem gesamten Album in einem organischen Fluss ab. Dabei gelingt es der Band mühelos, eingängige Songs zu liefern ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Auch beim zehnten Durchlauf entdeckt man noch Kleinigkeiten, die einem vorher nicht aufgefallen sind.

 

Richtig besonders wird die Platte aber, wenn man beginnt sich mit den Texten und deren Geschichte zu beschäftigen. Brian McTernan verarbeitet hier eine Zeit schwerer Depression auf sehr direkte und persönliche Weise. Der 2017 für die Battery Best-of Diskographie aufgenommene Song „My Last Breath“, in dem es um seinen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klink geht, kann hier als Vorläufer für Be Well gesehen werden. In sehr deutlichen Worten beschreiben die Texte das Gefühl, alleine in seinem Kopf mit dieser schweren Krankheit zu sein; wie es ist, nicht darüber sprechen zu können, was in einem vorgeht; wie dieses das Verhältnis zu den Menschen um einen herum beeinflusst; und auch, wie viel schwerer der Umgang mit eigenen Problemen ist, wenn man gleichzeitig die Verantwortung für eine Tochter hat:

I only know a few chords, and a lot of mixed metaphors. It’s hard to think I’m responsible for even myself, much less this girl“ („Confessional“)

Die Verarbeitung des eigenen Innenlebens in den Be Well-Songs stellte für Brian McTernan einen wesentlichen Teil auf dem Weg aus der akuten Krankheit dar. Dementsprechend geht es an vielen Stellen des Albums auch immer darum, Hoffnung zu vermitteln und den positiven Wunsch, wieder Sinn im Leben zu finden:

Morning light, make it right. Because I am desperate to feel alive“ („Morning Light“)

Trotz der inhaltlichen Schwere gelingt es „The Weight and the Cost“ mühelos, gleichzeitig auch unbeschwert zu klingen und damit noch einmal mehr einen positiven Ausblick zu erzeugen. Die Ohrwurmqualitäten der Songs, der inhaltliche Tiefgang, das hohe Level des Songwritings und der weite Blick über den musikalischen Tellerrand machen „The Weight And The Cost“ zu einem ganz besonderen Album des Jahres 2020. Klare Empfehlung für jeden, für den Hardcore mehr als Genre-Standards sein darf.