Bon Iver – i,i

Album i,i
Band Bon Iver
Label Jagjaguwar
Musikrichtung Ambient, Indie, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
3.6666666666667

Justin Vernon ist ein musikalisches Ausnahmetalent, so weit, so bekannt. Doch aus dem gefeierten, sentimentalen Folk-Barden, der manchem als Role-Model für den vermeintlich „modernen Mann“ diente, ist spätestens mit „22, A Million“ ein kaum durchschaubarer Tüftler geworden. Und dieser liebt offenbar nichts mehr, als dem geneigten Hörer immer neue Rätsel aufzugeben, willkürlich Finten zu schlagen und sich am Ende in seiner vermeintlichen Genialität zu sonnen – was er natürlich niemals zugeben würde.

Kaum zu bestreiten ist allerdings: Seine sich selbst auferlegte Mission, Musik in winzigste Einzelteile zu zerlegen und nach Gutdünken einen Song daraus zu basteln, war ganz schön anstrengend. Umso angenehmer, dass auf „i,i“ hier und da die vertrauten warmen Melodien zurückkehren.

Diese wunderbar-pomplosen Pathos-Perlen, die ihn groß gemacht und seinen Ruf als ausgewiesen ergreifend leidenden Schmerzensmann vom Dienst geprägt haben. Fast nebenbei avancierte er bis in die Fernsehprogramm-Zeitschriften zum so gar nicht geheimen Geheimtipp für – je nach Lebenslage – romantische oder einsam-melancholische Kaminabende.

Für derlei Anlässe bietet sich auch „Hey Ma“, der offenkundige Hit“, von „i,i“, an. In sakraler Klarheit schwebt Vernons verstelle Stimme über andächtig-wabernden Synthies, fast so als, wären die guten alten puristischen Zeiten nie dem kreativen Chaos gewichen.

„Full time, you talk your money up, while it’s living in a coal mine, call time to call your Ma, hey Ma“

Auch auf „Salem“ wird ob des wunderbar entspannten Vibes niemand ernsthaft den beherzten Griff in die schier unerschöpfliche Elektro-Trickkiste vermissen. Einfach mal selig Dahinschwelgen ist manchmal eben doch wichtiger als Verwirrung beim Hörer stiften. Freilich machen auch Vernons Gänge tief in den Maschinenraum weiterhin Freude – sofern er sich in all seiner koketten Experimentierfreude nicht einmal mehr selbst verläuft. „Holyfields“ etwa tröpfelt in all seiner elektronischen Vielfalt clever-zurückhaltend vor sich hin und lebt prächtig vom Zusamenspiel mit Vernons wandlungsfähigen Bariton. Auf „Faith“ gibt er sich zunächst sogar mit einem fast rein akustischen Gewand zufrieden, bevor ein knarzender Synthie wohlgetimed, aber wenig zimperlich dazwischen grätscht – ein sehr willkommenes Tackling.

„It’s time to be brave, content to the phrases, that at dawn, we ain’t mazes, just some kind of pages“

Manchmal ist aber auch „i,i“ mehr Jam-Session als stringent komponiertes Album – mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen. Platz für wahnwitzig kunstfertige Ausflüge mit kühnen Kombinationen wie etwa in „iMi“ wird weiß Gott niemand schlecht reden, auch wenn das Ergebnis ein fordernder Hybrid aus smoothem Soul, verqueren Effektintermezzi und glasklaren Akustik-Parts ist. Musik darf, ja soll auch mal anstrengen, erst recht in einer Zeit von Spotify-optimierten Dreiminütern. Wobei dafür bitte nie Ambient-Perlen wie „Sh’Diah“ mit seinem famosen Saxophon-Solo hintenüber fallen.

„U (Man like)“kommt dagegen als ziemlich alltägliche Piano-Ballade daher, die auch nur deshalb auffällt, weil sich mit Jenn Wasner und Elsa Jensen gleich zwei Damen dazugesellen. Hat ja auch beim jüngsten The National-Werk exzellent funktioniert, mag sich Vernon gedacht haben. Meisterwerke wie „Oblivions“ oder „Hey Rosie“ spielen allerdings zwei Ligen höher.

„Well, I know that we set off for a common place and the lines have run too deep, how much caring is there of some american love, when there’s lovers sleeping in our streets?“

Justin Vernon und seine Mitstreiter sind am dann besten, wenn sie sich gegenseitig anstacheln, immer weiter das Besondere zu suchen, alle Register auszureizen und den Song so wachsen zu lassen, bis er in aller Pracht erblüht. Da reicht ihnen kaum wer das Wasser, wie „Naeem“ perfekt beweist. Vernon zeigt, was er mit seinem Bariton alles anstellen kann und warum es eigentlich eine Verschwendung ist, dieser Stimme eine Phalanx an Studiotechnik an die Hand zu geben. Wenn obendrein das Schlagzeug wie zum Marsch aufspielt, Saxophon und Piano mit einstimmen und das Mastermind sich im Sog des Songs verliert, ist die Welt in Ordnung.

Weniger ist manchmal eben wirklich mehr. Das weiß Vernon natürlich, sein Aufstieg basiert schließlich auf genau dieser Maxime. „22, A Million“ war die vertonte Antithese und vielleicht musste sie ja wirklich mal sein. Mit dem Trubel um seine Person wollte sich Vernon bekanntlich noch nie anfreunden, was er allerdings derart betont, dass dieser – oh Wunder – noch mal zunimmt. Dazu passt, dass er „22, A Million“ mit einer Kettensägenskuplur verglich, die Relativierung seiner viel gepriesenen Anfangswerke im Sinn. Ganz bescheiden eben. Offenbar reicht ihm eine solche aber, zumindest klingt „i,i“ nach einem gesunden Kompromiss.
Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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