Brian Fallon – Local Honey

Album Local Honey
Musikrichtung Americana, Singer-Songwriter
Redaktion
Lesermeinung
6

„Ein Desaster“ – so umschreibt Brian Fallon seine frühen 30er. Während viele seiner Freunde sich in ihrem Leben mit Kindern und Haus einrichteten, habe er vor den Trümmern eben dessen gestanden. „Get Hurt“, das bislang letzte Gaslight Anthem-Album, stand nicht umsonst im Zeichen der Scheidung des Frontmanns. Heute, zwei halbgare fallonsche Solo-Album und laut eigener Aussage viele Therapie-Stunden später, ist die Welt des nunmehr 40-jährigen eine andere. 

„Though I don’t want you to grow up, ’cause I don’t want you to leave, when you’re ready to choose someone, make sure they love you, God, I pray they love you half as much as me“ 

Statt melancholieschwangerer Songs, um sich gedanklich in besseren Zeiten einzuigeln oder mit dem nächsten, herzerwärmenden Pathos-Rocker dem ganzen Ärger der modernen Welt einfach zu entkommen, wendet sich Fallon gleich zu Beginn von „Local Honey“ an seine beiden Kinder. „When You’re Ready“ ist eine ruhige, sehr direkte Ballade. Der bekanntlich äußerst versierte Geschichtenerzähler schreibt zum ersten Mal völlig ohne schützende Metaphern frei von der Seele weg.  Seit Beginn des Jahres habe er das Gefühl, endlich wieder auf dem richtigen Weg zu sein, so Fallen gegenüber dem Online-Portal „Flood Magazine“. Ein glücklicher Vater zweier Kinder, mit seinem geregeltem Alltag im heimischen New Jersey, fernab von den riesigen Bühnen dieser Welt. All das mag wie eine etwas zu gute Story klingen, aber sie überzeugt – und bildet das Fundament für Fallon bislang bestes Solo-Album. 

Der Weg dahin war weit – er begann damit, dass Fallon nach „Sleepwalkers“ (2018) beschloss, Gitarren-, Klavier- und auch Songwriting-Unterricht zu nehmen und endete, wenn man so will, bei Peter Katis. Der Grammy-prämierte Produzent ist unter anderem ein langjähriger Weggefährte der Indie-Heroen The National und alles andere als der Typ für Heartland-Rock im Fahrwasser Bruce Springsteens. Die zunächst ungewöhnliche erscheinende Zusammenarbeit hat hörbar gefruchtet. „Local Honey“ trifft ins Herz, ohne einmal mehr das alte Gaslight-Rezept der Highway-Hymnen aufzuwärmen und vergeblich der „59 Sound“-Magie hinterher zu hecheln.

Fallon besinnt sich seiner eigentlichen Wurzeln, den Kirchenliedern, die seine Mutter früher gesungen hat und den alten Helden um Bob Dylan. Puristisch geht es also zu, ohne Pomp. Gitarre, Klavier – die Lektionen waren offenbar gut investierte Zeit – und hier und da ein Schlagzeug oder eben der Drum-Computer. Katis’ Einfluss äußert sich nicht zuletzt in den subtilen, oft elektronischen Fragmenten, bestens hörbar auf dem glasklaren „Hard Feelings“, dem tatsächlich ein wenig The National-Flair anhängt. 

Aus „21“ dagegen wäre auf einem früheren Album sicher ein klassischer Rock-Song samt großem Finale geworden – und von diesem Schlage war er anfangs offenbar auch. Doch Katis habe ihm auf die Demo hin geantwortet, der Song gefalle ihm zwar so, aber er wisse nicht, wie er ihn produzieren solle, erzählt Fallon.  Schlussendlich nahmen sie ihn zwei Mal auf: einmal mit einem schreienden Fallon, einmal zurückgenommen und dem Ergebnis: „Er wirkt so viel stärker im ruhigen Gewand“. Diese Erfahrung habe ihm in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet. Und der Song selbst, inspiriert von diversen Therapie-Sitzungen und dem Umgang mit Abhängigkeiten, ob von Personen oder mit Blick auf Fallon nun überwundenes Laster Rauchen, ist eines der stärksten Werke der fallonschen Solo-Karriere.

„I’m just waiting, on the rapture, trying to minimize, the damage and hoping to keep my idle hands occupied“

Auf „I Don’t Mind“ grüßt zu Beginn mit dem Gitarren-Part von „She Loves You“ sehr deutlich die goldene Gaslight-Vergangenheit und Fallon brilliert einmal mehr in seiner Paraderolle: der des hoffnungslosen Romantikers. „And now the wind’s getting colder and the night’s getting cruel, but I don’t mind, I don’t mind if I’m with you I paid for my sins ‚til the blood filled the room, but I don’t feel any better now I don’t mind if I’m with you“ Ein wenig Lagerfeuer-Feeling kommt lediglich auf dem munter-melancholischen „Lonely For You Only“ auf. Für Folk ist ansonsten kaum Platz auf „Local Honey“, wohl aber für ein weitere Kostprobe klassischer Fallon-Lyrik: „Well, don’t lie to me, don’t lie to yourself, we were much too sentimental, baby, to make it in the modern world“ So ganz ohne Sehnsucht nach der vermeintlich guten, alten Zeit geht es dann eben doch nicht.

Übel nehmen wird es ihm kaum wer, zumal er mit „Vincent“ noch ein ganz anderes Kaliber in Petto hat. Eine fiktive Geschichte mit Gruß an Country-Ikone Dolly Parton, herrlich zurückhaltend arrangiert und über jeden Zweifel erhaben. Dieses Prädikat verdient auch „You Have Stolen My Heart“, allerdings weniger für vermeintliche textliche Brillanz, sondern für die Konsequenz und den Mut seines Verfassers. Neben Opener „When You’re Ready“ seine direkteste und für viele wohl ebenso kitschige Ballade. Ein Song, der sinnbildlich für den neuen Geist in Fallons Schaffen steht. 

„And I always wondered, if I knew you before, I feel like I had enough time on my hands, I know that you’re with me, still I have this fear, one day I’ll wake up, you’ll be a dream“

Knapp 30 Minuten und acht Lieder braucht der Gaslight Anthem-Chef, um endlich wieder das zu tun, was er immer am besten konnte. Fast alle seine Songs ließen sich zu den ursprünglichen Akustik-Versionen zurückverfolgen, so Fallon gegenüber der „Recording Academy“. Country- oder Folk-Songs zu schreiben sei schon früher sein Ansatz gewesen. Daraus hätten seine Mitstreiter die Werke gemacht, für die die Band bis heute gefeiert wird. Doch Fallons Versuch, den Sound auf seine Solosongs herüberzuretten, klang nie wirklich überzeugend. „Local Honey“ ist so nicht nur das Werk eines reiferen, selbstbewussteren Künstlers, sondern endlich auch ein wirkliches Brian Fallon-Album.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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