Ceremony – The L-shaped Man

Band Ceremony
Musikrichtung Alternative, Punk
Redaktion
Lesermeinung
5

Wie ein drohender Bahnstreik lässt sich die musikalische Evolution eines Künstlers kaum aufhalten – allem Hoffen und Bangen zum Trotz. Die US-Band Ceremony macht hier keine Ausnahme. Mit ihrem letzten Album „Zoo“ zeigten sie uns bereits, wohin die Reise geht. Jetzt – drei Jahre später – haben wir den Salat: Ceremony im Jahr 2015, das ist Joy Division statt Hardcore. Mit Ansage und konsequenter denn je. Wer nun hofft, ein wenig Geschrei oder der ein oder andere krachende Riff müsse doch dabei sein, der möge besser in „Rohnert Park“-Zeiten schwelgen. „The L-Shaped Man“ ist weder Hardcore noch Punk, sondern eine reine Ode an die Traurigkeit.

Vielleicht lässt sich dieser Wandel mit der textlichen Entwicklung erklären. Denn die ist durchaus beachtlich. Das Gefühl, was auf diesem fünften Ceremony-Album den Ton angibt, ist das der nach unten gezogenen Mundwinkel. Im Lied „Exit Fears“ resigniert Sänger Ross Fararr: “Nothing ever feels right, you have to tell yourself that you tried.” Aber Moment mal: Wohin ist denn all der Hass? So sind die Kalifornier ja bekannt für einen US-Patriotismus, den man gelinde gesagt als zurückhaltend bezeichnen kann. Gern schwang man lauthals die Keule gegen das kaputte System und war nach eigenen Worten „sick of living in america“. Nun aber scheint es so, als sei das Politische wieder privat.

Dennoch steckt in „The L-shaped Man“ noch immer die DNA von Ceremony. Hypnotisierend und bedrohlich fallen Gitarren, Bass und Farrars Gesang den Hörer an. Eine gesunde Portion Monotonie, die in Eskalation gipfelte, zeichnete die Band in ihren drei ersten Alben aus. Diese Monotonie ist geblieben, nur eskaliert wird nicht mehr. Gleichzeitig klingt die Stimme von Farrar nun deutlich sanfter, markiger – und gesünder. Das gewohnte Gekrächze gibt es nur noch in einem Song („The Root Of The World“). Liegt das an der Altersmüdigkeit? Oder an der in aberhunderten Konzerten gescholtenen Stimme? Immerhin gibt es das Quintett um Ceremony bereits seit einer Dekade.

Titel wie „Your Life in France“ und „ The Bridge“ zeigen exemplarisch, wonach die neue Ceremony-Attitüde klingt: Vielseitig gestrickte Melodien, die einerseits in den Bann ziehen und andererseits nach einigen Minuten zu nerven beginnen. „The L-shaped Man“ ist eine kleine Provokation. Denn das Album fordert von den Ceremony-Anhängern, sich an ihm zu reiben. Mancher Fan der ersten Stunde wird sich da enttäuscht abwenden, andere finden womöglich sogar erstmals wirklich Gefallen an der Band. Zugestehen sollte man Ceremony in jedem Fall den Willen zur Weiterentwicklung.

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