Circa Survive – Descensus

Album Descensus
Musikrichtung Alternative, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
5

Ab mit dem Mascara, raus aus den Ultraskinny-Jeans, die Schleifen weg vom Pony, abmelden bei Myspace – auch Emos können erwachsen werden. Keine Ahnung, ob Anthony Green oder einer seiner Bandkollegen mal Schleifen im Haar hatten, aber auf jeden Fall waren sie alle, inzwischen fast vor Urzeiten, in Projekte involviert, die Richtung Post-Hardcore und Screamo gingen.

Mit Circa Survive gingen die Fünf aus Philadelphia nach der Emo-Welle neue Wege – oder besser: schwebten in neue Dimensionen. Ausladende Riffs und träge Beats schossen die Liebesleiden des Anthony Green ins All. Platten wie „Blue Sky Noise“ und vor allem „Violent Waves“ waberten durch schwerelose Sphären. Sie machten Circa Survive zu einer der interessantesten Alternative-Acts der letzten Jahre – nicht nur, oder wahrscheinlich gerade nicht, in Haarschleifen-Kreisen.

Ein Album wie „Descensus“ entsteht mehr als zehn Jahren nach der Emo-Welle; also natürlich unter ganz anderen Prämissen. Aber das frühe Schaffen der Mitglieder schwingt irgendwie immer noch mit. Die musikalische Affinität für ausschweifende Dramatik und der Hang zur großen Geste erinnern an die überzeichnete Melodramatik der zahlreichen Bands, die das Leiden damals zur neuen Leidenschaft erhoben. Am deutlichsten wird das bei Anthony Greens markanter Stimme. Die ist eben immer noch sehr hoch, leicht kreischig, leicht leidend. Gerade von Green scheint es abzuhängen, ob Circa Survive bei einem Anklang findet oder nicht. Ein klares Alleinstellungsmerkmal polarisiert eben.

Beides soll absolut kein Vorwurf sein: Diese Affinitäten klingen bei Circa Survive gereift und erwachsen. Wie schon seine Vorgänger ist „Descensus“ eine bewusst mächtige, große und auch großartige Platte. „Schema“ steigt zuerst relativ hart ein: Schlagzeug und Bass drücken in Stakkatos. Doch sobald Green und die Gitarren starten und erhaben über dem Ganzen schweben, hebt man bereits mit ab. „Phantom“ oder „Child Of The Desert“ sind so Tracks, die routiniert die Stärken der Band ausspielen: Atmosphärische Arrangements und eine subtile Mystik erzeugen eine griffige und einnehmende Erlebnisse. „Nesting Dolls“ ist textlich eine lupenreine Ballade auf gebrochene Herzen. Doch die musikalische Untermalung tritt gerade nur so viel in den Hintergrund, um einen gleichmäßig schwingenden Klangteppich auszubreiten, der Greens Gesang wunderbar melancholisch transportiert. Hier schaffen Circa Survive es, oft gehörte Zeilen wie „I dont want to feel like this ever again“ mit neuer Emotionalität zu füllen.

Generell scheint es, als könnten Circa Survive einfach nicht mehr viel falsch machen. „Descensus“ fühlt sich nicht unbedingt anders als seine Vorgänger an, aber teilt mit ihnen die hohe Qualität. Circa Survive bleiben atmosphärisch, einnehmend und leicht abgefahren. Das Quintett bringt gekonnt Prog, Alternative und eben auch Emo zusammen. Die Ultraskinny-Jeans, sie ist fast schon wieder spürbar bei all den Gänsehautmomenten auf dieser Platte.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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