Citizen – Everybody Is Going To Heaven

Band Citizen
Musikrichtung Emo, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
7

„Press your fingers on it, igniting what you are … Rest your body in it, set fire to your thoughts. Let your arms down. Throw your soul out. There is no control.“

Das eigene Ich erkunden, das innere Verlangen entzünden. Die Seele offenlegen, das Herzblut zum Wallen bringen. Und dann loslassen, die Kontrolle verlieren. Die hypnotischen Zeilen des Openers „Cement“ lassen sich bestens sowohl auf den Entstehungs- als auch den Erfahrungsprozess von „Everybody Is Going To Heaven“ anwenden. Denn dieses Album muss zu seiner vollen Entfaltung frei von Erwartungen erlebt werden.

Was die Entstehung angeht, wollten Citizen beim Nachfolger ihres gefeierten Debüts („Youth“) nichts dem Zufall überlassen. Zusammen mit Produzent Will Yip haben die Fünf hart daran gearbeitet, ihre Ambitionen und Visionen in einen festen Griff zu kriegen, sie zu umfassen und bis ins Detail zu formen. Citizen haben hart angepackt und das Endergebnis erst auf die Leute losgelassen, als sie selbst schon längst losgelassen hatten. Im Interview erzählt Gitarrist Nick Hamm: „Das erste Mal in unserer Bandgeschichte sind wir mit etwas so zufrieden, dass es eigentlich keinen Raum mehr für Verunsicherung gibt.“

Die Vorab-Premieren von „Cement“ und „Stain“ riefen sowohl Stürme der Begeisterung als auch der Entrüstung hervor. Für manche waren die Songs eine kreative Offenbarung, für manche nur uninspierter Krach. Manche hörten einen klaren Industrial-Einfluss, andere fühlten sich an in den 80er verwurzelten Darkpop erinnert. Viele zogen einen nicht ganz unberechtigten Vergleich zu Brand New. Citizen ist letztendlich alles davon Recht – für sie ging der Plan auf: „Wir wollten einfach kein Album schreiben, auf dass es nur ‚Naja‘-Reaktionen geben würde“, sagt Hamm. Deshalb behalten Citizen die Oberhand, trotz gegensätzlichster Reaktionen. Was immer man von den ersten beiden Songs gehalten hat, eines haben Citizen schon vor Album-Release geschaffen: Wirkung.

Und auch auf Gesamtlänge hält die Wirkung an. Der Wirbel war berechtigt. Ein staubtrockenes Schlagzeug und ein kratzig fauchender Bass eröffnen das Album und von da an lässt es einen zehn Songs lang nicht mehr los. Fiebrig warme Gitarrenklänge entfalten seltsame, entrückte Melodien. Hypnotische Rythmen treiben Schweissperlen und Gänsehaut gleichzeitig auf die Haut. Die Stimmung in „Cement“ oder „Dive Into My Sun“ schwankt zwischen drückend, düster, schwebend und rastlos. „Heaviside“ oder das absolut großartige „Yellow Love“ sind tief in ihren Gedanken versunken, „Stain“ oder „My Favorite Color“ brechen stampfend und rasend aus sich heraus. Und unter der Oberfläche brodelt es, gedeiht und verdirbt: Mat Kerekes Texte haben nur noch wenig mit den von jugendlichen Alltagssorgen durchzogenen Zeilen auf „Youth“ zu tun. Stattdessen entwerfen rätselhafte Satzfetzen in verzerrten Farben unheilvolle Szenen um dunkle Orte, unbekannte Ziele und unstillbares Verlangen.

Citizen klingen kaum noch wie ihr altes Selbst. Manche werden die Eingängigkeit von „Youth“ vermissen. Aber genau wie man nicht ewig Achtzehn bleiben kann, muss es auch für eine junge Band weiter gehen und mit „Everybody Is Going To Heaven“ haben Citizen einen Riesenschritt in ihrer Entwicklung getan. Die Strukturen, die Melodien, die Texte – alles ist so gut gereift, so schnell erwachsen geworden, so schnell über sich heraus gewachsen. Klar wird der Kurswechsel nicht jedem zusagen, aber so oder so haben sich Citizen mit ihrem Zweitling in ganz neue Sphären begeben. „Youth“ war ein rundes und weiterhin wertvolles Debüt, aber es kann auf keiner Ebene mithalten mit „Everybody Is Going To Heaven“. Und somit gelten genau wie für den diesen enormen Entwicklungsprozess die eingangs zitierten Zeilen auch für den eigenen Erfahrungsprozess:

„Throw your soul out. There is no control. I’ll give you myself any day.“

Lasst eure Erwartungen hinter euch, lasst euch fallen und überwältigen von „Everybody Is Going To Heaven“ und all seiner Vertracktheit, Dunkelheit, Schönheit und Vollständigkeit. Wenn ihr loslassen könnt, war Versinken selten schöner.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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