City and Colour – The Hurry And The Harm

Musikrichtung Folk, Rock, Akustik
Redaktion
Lesermeinung
5

Als einem härterer Musik zugewandten Webzine ist es fast unmöglich, eine Platte von und mit Dallas Green ohne eine weitere wehmütige Referenz zu den aufgelösten Alexisonfire zu besprechen. Oder als Hörer härterer Musik diese Platte ohne sentimentale Anwandlungen anzugehen. Oder inzwischen vielleicht sogar den ‚alten‘ City and Colour hinterherzutrauern, als die einfach nur aus Dallas Green und seiner Akustikgitarre bestanden. Versuchen wir’s trotzdem mal.

Denn was bleibt, wenn Dallas Green Musik macht, das ist die Stimme. Diese Stimme sorgte bereits inmitten rauen Gebells und krachender Gitarren für fast zen-artige Momente („Dog’s Blood“, anyone?). Und sie steigerte selbst einfachste Akustikgeplänkel zum Erlebnis. Beides macht Dallas Green inzwischen nicht mehr – Alexisonfire hatten vor zwei Jahren ihr Ende bekannt gegeben, und City and Colour ist mit dem dritten Album „Little Hell“ zum fünfköpfigen Ensemble gewachsen. Damit ist Dallas Green zwar sicher kein schlechtes Album , nur eben ein unerwartetes – und so ist das jetzt auch mit „The Hurry and The Harm“ . Zeit also, sich umzugewöhnen.

Dass ausschließlich Dallas‘ streng gescheiteltes Antlitz das Cover ziert, soll also nicht den Eindruck erwecken, er spiele wieder ganz allein. Eigentlich ist das einfach etwas unfair gegenüber der restlichen Band, die auf dem Neuling so präsent ist wie auch auf der letzten Platte. City and Colour bewegen sich melancholisch-melodiös zwischen Folk und Rock, manchmal zurückhaltender („Ladies and Gentlemen, „The Golden State“), teilweise erstaunlich beschwingt („The lonely Life“, „Commentators“). Und mit „Take Care“ kommt man auch in den Genuss eines lupenreinen Akustiksongs. Große Überraschungen enthält „The Hurry and The Harm“ nicht unbedingt – die Platte ist als Ganzes angenehm zu hören, hält aber gerade im mittleren Drittel nicht die Spannung hoch. Auch die rockige Single „Thirst“ fällt in diese schwächere Passage – wie 2011 der Vorbote „Fragile Bird“, der mit dem Rest von „Little Hell“ nicht mithalten konnte.

Durchgängig aufregend ist „The Hurry and The Harm“ also nicht. Aber damit sind wir wieder bei dieser Stimme, den der hört man einfach gerne zu, wenn sie von Leben und Leiden erzählt. Und man verzeiht ihr Platitüden wie „When I was young […] I thought that I could rule the world. Then I grew up and I found out life was hard, harder than stone.“ Da hatte der gute Dallas schonmal mehr Lebensweisheit zu bieten. Den eigenen Anspruch formuliert er in „Commentators“ aber dahingehend ganz treffend: „I don’t wanna be revolutionary. I’m just lookin for the sweetest melody.“ Mehr will Dallas Green also gar nicht mehr. Und was wollen wir? Vielleicht doch nicht nur das. So ganz lässt sich die Vergangenheit eben nicht vergessen.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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