Cobra Starship – Night Shades

Album Night Shades
Musikrichtung Pop, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
2

Cobra-Captain Gabe Saporta hat einmal gesagt, er wolle der „Justin Timberlake des Punkrock“ werden. Und er war auf gutem Weg: COBRA STARSHIP fusionierten ihren Punkrock-Background (Saporta beispielsweise war Frontmann von MIDTOWN) mit trashigen Pop-Elementen und veröffentlichen mit „While the City sleeps, we rule the Streets“ und „Viva la Cobra“ zwei überdrehte, spaßige Party-Platten irgendwo zwischen Pop-Punk und Eurodance. Durch Touren mit FALL OUT BOY, den GYM CLASS HEROES, ALL TIME LOW oder METRO STATION machen sich COBRA STARSHIP in den USA schnell einen Namen. Nicht allzu ernst unterwegs, ist sich das Quintett von Anfang an für nichts zu schade. Sie covern Katy Perry, liefern „Bring It“ für den Soundtrack der B-Movie-Hommage „Snakes On A Plane“ und treten stets in neonfarbener 80s-Garderobe auf, inklusive Hi-Tops und einer Menge Bling-Bling. Erfreulich dabei: Dass immer eine ironische Distanz blieb, so funktionierte die Discoparty mit Gitarren erstaunlich unpeinlich. Doch auch Ironie hat ihre Grenzen – und an die stoßen COBRA STARSHIP auf ihrem Neuling „Night Shades“ auffallend oft. Das Album ist charttauglich, eingängig und zuckersüß. Beinhaltet die standardmäßigen Features mit Popsternchen, liefert die bewährte Mischung von Clubhits und Schmachtsongs. Das perfekte Pop-Album. Gabe Saporta hat wohl irgendwo auf dem Weg den Punkrock vergessen.

Kann man COBRA STARSHIP das zum Vorwurf machen? Letztendlich greifen sie eben nach dem Strohhalm, den ihnen die amerikanische Popwelt hinhält. Mit dem Vorgänger „Hot Mess“ sichern sie sich durch das Feature mit Gossip-Girl Leighton Meester auf „Good Girls Gone Bad“ einige Aufmerksamkeit im Mainstream. Die Wandlung zur Charttauglichkeit wird auf „Night Shades“ jetzt konsequent fortgeführt. Die Gitarren sind so gut wie verschwunden, der Drumsound digitalisiert, und auch eine Prise Auto-Tune umweht hin und wieder den Gesang. Und schon spielt man dann auch mal im Vorprogramm von Justin Bieber (wie gesagt, für nichts zu schade…) Gerade Tracks wie „1Nite“ und „You Make Me Feel“ merkt man an, dass COBRA STARSHIP auf die möglichst breite Zielgruppe abzielen. Musikalisch servieren die Songs den üblichen Chartbrei, die Texte greifen funktionierende Inhalte auf. „I can feel this is one of them nights – so let’s keep it rocking to daylight“ . . . jaja, die übliche Hymne auf die einzig wahre Partynacht. Oder es geht mal wieder um die große Liebe – „You Make Me Feel“ singt Saporta als ebenso übliches Duett mit der Ami-Bekanntheit Sabi: Name-Dropping als Marketingmethode.

Diese extrem konventionellen Momente sind gleichzeitig auch die schwächsten des Albums. Der Rest klingt zwar ebenfalls kaum noch nach den alten COBRA STARSHIP – aber, zugegebenermaßen, trotzdem gar nicht so schlecht: „Night Shades“ ist schlichtweg gut gemachter Pop, und eigentlich kann das kein Vorwurf sein. Vor allem, wenn viele der Songs gleichzeitig auch als Parodie auf das Genre funktionieren. „Middle Finger“ mit Rap-Shootingstar MAC MILLER bewegt sich mit Zeilen wie „Throw your cups in the air, we so fly, Middle Finger up in the Sky, up all night“ herrlich unter Nullniveau und legt nahe, dass jeder beschissene Songtext funktioniert, solange er nur auf die richtige Gesangsmelodie gepackt wird. „Fool like Me“ zwinkert schon auch mit den Augen, wenn 60s-Sound inklusive Hammond-Orgel und Frauenchören auf Refrainzeilen wie „And when your mum sees me calling on your telephone, that bitch hangs up on me“ treffen. Die Spitze des Eisbergs ist sicher „Anything for Love“ – dieser Hauch Vintage mit kitschigen Klaviermelodien und Vocal-Einwürfen kann einfach nicht ernst gemeint sein. Letztendlich blitzt sie dann also doch wieder durch, die Ironie – wenn auch unter vielen Ebenen aus Popgestein begraben.

Alles ganz nett also. Mit der beste Song ist „Disaster Boy“, ein zuckersüßes Dancepop-Liedchen, das Saporta und Keyboarderin Vicky im Duett singen und dabei auch beweisen, dass sie eigentlich gar keine Musiker von außen brauchen – weil sie’s besser können. Dass Saporta seine Stimme mit Hilfe von Auto-Tune und anderen technischen Spielereien auf anderen Tracks dennoch in den aktuell gängigen Sound presst, ist schade. Aber eben logische Konsequenz im Gesamtbild von „Night Shades“.

Denn COBRA STARSHIP machen jetzt Pop, und können das auch besser als die Meisten dort. Irgendwie bleibt aber trotzdem die Frage, ob das reicht, um interessant zu bleiben – oder doch schon zu viel Eigenständigkeit abgibt, um nicht im Mainstream-Morast zu versinken.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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