Code Orange – Underneath

Album Underneath
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6.25

Hassattacken, komplette Verwirrung und nicht enden wollende Machtspielchen mit dem Hörer sind Spezialitäten der US-Amerikaner um Code Orange. Aus den Rahmen der Türen, die sie auf „Forever“ eingerannt haben, sind längst die Scharniere ausgebrochen. Code Orange haben nichts an Wut und Brutalität verloren – was sie den Hörer auch liebend gerne spüren lassen. Und dennoch ist etwas neu auf „Underneath“: Die Herren haben ihre Liebe zu Computern entdeckt.

Der Opener „Swallowing the Rabbit Whole“ ist die musikgewordene Inkarnation von Frankensteins Monster. Man zerlege vier Lieder in ihre Einzelteile und nehme die stärksten Stücke von jedem einzelnen. An den Nähten unterbricht das Zusammenspiel zwar von Zeit zu Zeit durch kleine Aussetzer. Alles andere ist eine tödlich genau funktionierende Kreatur, die ihre Vorzüge genau auszuspielen weiß. Zwischen all den Störgeräuschen, den Momenten, die unser gewöhntes Hörverhalten auf die Probe stellen, und den unterschwelligen Horrormomenten durch eingespielte Samples, brillieren bei Code Orange die kraftvollen Rhythmen, die mitreißen, wie ein Fleischerhaken am Förderband, der mit voller Wucht auf nacktes Fleisch trifft.

Mit dem Hörer zu spielen, scheint eine Leidenschaft des Fünfers aus Pittsburgh zu sein, oder ist das einfach nur der unbedingte Wille, Grenzen auszuloten und gewohnte Schemen auszutricksen. Woher sonst rühren die zahllosen krassen Breaks, die Tempowechsel, der schiere Wahnsinn, der sie immer wieder rasend zu vereinnahmen scheint und im nächsten Moment wieder ziehen lässt.

 

Zusätzlich garnieren sie diesen Veitstanz mit computergenerierten Splittergranaten, Schrapnellen aus dem Computer und napalmspeienden Gitarrenpassagen. Synthesizern und Effekten wird auf „Underneath“ viel mehr Platz eingeräumt. Was auf dem Vorgänger noch schmückendes Beiwerk war, wartet jetzt in den dunklen Ecken der Platte, um gnadenlos nach vorne zu preschen, wenn niemand damit rechnet.

Das Überraschungsmoment klingt nach dem Rezept, das bereits für den Vorgänger „Forever“ zu einem hochexplosiven Gemisch aus fiesen Lärmattacken und betörenden Sirenen angerührt wurde. Und tatsächlich dominiert auch „Underneath“ eine Mischung aus einem Drittel Heizöl und zwei Dritteln Benzin. Nur wo auf „Forever“ noch Blut und Feuer dominierten, herrscht jetzt monochrome Dunkelheit in sterilem Ambiente. Der Rest ist bloße Energie aus rohem Metal, bei dem sich die Combo bereits auf „Forever“ bedient hatte.

Code Orange zeigen erneut, wie unberechenbar Metal heute klingen kann. Nach dem Genuss von „Underneath“ heißt es für Genrekollegen auf jeden Fall erstmal setzen. In 2020 wird’s mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr unverschämter.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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