Cold War Kids – Dear Miss Lonelyhearts

Musikrichtung Indie, Blues, Pop
Redaktion
Lesermeinung
5

Sie waren Helden. Für einige wenige zumindest, denn ihre vertrackten Frühwerke wurden zwar von der hartgesottenen Indiegemeinde begierig aufgesogen, dem Rest der Welt blieb die Band aber verborgen. Mit “Mine Is Yours” sollte sich der Spieß dann drehen, doch auch das an sich gute Indiepopalbum heimste nicht den ersehnten Erfolg ein und so blieb die letzte Schlagzeile Jonnie Russell überlassen – um sich zum Ex-Gitarristen zu erklären.

Das hätte es gewesen sein können, aber stattdessen stehen sie wieder hier. Ohne große Töne, dafür mit Modest Mouse-Veteran Dann Gallucci und dem Brückenschlag zwischen alten und neuen Cold War Kids: “Dear Miss Lonelyhearts”. Die Popsongs sind geblieben, der Blues war nie weg, aber Willet und Co erlauben sich wieder aus der Reihe zu tanzen nachdem die wohlkalkulierte Nummer nicht gezündet hat.
Schon “Miracle Mile” ist zwar weitaus reifer als “Something Is Not Right With Me”, aber hat die gleiche Nervosität in sich und wartet vor allem mit einer frühlingshaften Freude auf, die für das ganze Album reicht. Reichen muss zumindest der Schwung, dieser bleibt nämlich auf der Strecke, stattdessen präsentiert man lieber wieder die große, bunte Bandbreite – von Elektropop bis Blues mit Gospelbegleitung. Das nimmt dem Album zwar jeglichen Fluss, bezeugt aber umso mehr das künstlerische Talent der Band. Im unausgewogenen Vergleich am besten weg kommen die minimalistischen Synthiestücke “Lost That Easy”/“Loner Phase”, die, gänzlich ohne fette Produktion, dem Markenzeichen der Band eine optimale Bühne bieten: Nathan Willets Organ. Das wirkt bekanntermaßen gleich noch viel besser, wenn die Songs abstrakter werden. Verschnörkelte Ausbrüche, Taktwechsel, Saxophone, man spürt förmlich wie wohl sich die Band ohne definierte Grenzen fühlt und wie gut Willet den Leidenden geben kann. Was er im selig ruhigen “Tuxedos” bietet, dürfte diesbezüglich sein Meisterstück sein: “when will I find, when will I find someone to take? or did I find and not realize, I was the fake.”

Laut Willet war “Mine Is Yours” also ein Fehlgriff. Trotzdem hat diese späte Einsicht die Band nicht darum gebracht im Nachfolger ihr neu gewonnenes Gespür für gute Popsongs unterzubringen – und sie hat gut daran getan! Leicht zugänglich ist “Dear Miss Lonelyhearts” dadurch noch lange nicht geraten, aber es zeugt von Mut den scheinbaren Fehltritt weiterzugehen und bereichert das Album ungemein.

Vom großen Wurf hatte ja eigentlich eh nie einer gesprochen.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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