Coldplay – Everyday Life

Band Coldplay
Label Parlophone
Musikrichtung Pop Rock, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
8

Chris Martin ist so etwas wie der Messias des Stadion-Rocks. Mit seiner Musik bringt er Nationen zusammen, lindert Leid, ja kurzum: Er macht die Musik zur Religion. Zumindest ist das der Eindruck, den er beim ersten Hören des neuen Coldplay-Albums „Everyday Life“ hinterlässt.

Es ist das bislang politischste Album der britischen Band. Es geht nicht um Selbstmitleid, Liebeskummer oder eine Feel-Good-Atmosphäre á la „Head full of Dreams“. Dieses Mal wollen Coldplay die substantiellen Fragen der Gesellschaft ansprechen. Und das nicht nur textlich, sondern vor allem über die Musik. Was sich auf den vergangenen Alben bereits angedeutet hatte, führen die Briten nun auf 18 Tracks fort. Verschiedenste kulturelle Einflüsse werden miteinander vermischt, sinnbildlich für Zusammenhalt in der Gesellschaft. Orientalische Klänge, Gospel, Pop, Weltmusik, Folk, Chormusik und Klassik finden sich auf der Platte wieder. Gerade mit den kirchenmusikalischen Einflüssen verfestigt sich das Bild des Heilsbringers.

Es hat etwas fast Meditatives, wenn „BrokEn“ mit seinem Call-and-Response-Gesang erklingt. Und mit dem Chorstück „When I need a Friend“ fühlt sich der Hörer fast schon in eine katholische Messe versetzt. Das sind allerdings auch genau die Momente, in denen man mit der neuen Attitüde der Band fremdelt. Es ist ein bisschen zu viel des Guten. Ein Beispiel dafür ist auch „Arabesque“, auf dem nicht nur Martin, sondern auch der belgische Sänger Stromae zu hören ist – quasi Völkerverständigung in einem Track. Eine utopisch-paradiesische Welt, in der alle Menschen gleichermaßen zu Wort kommen.

Dass aber auch in der Utopie nicht nur alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, zeigt der Song „Orphans“. Hier erzählt Martin die Geschichte von syrischen Waisen und Bomben auf Damaskus. Tatsächlich ist das auch einer der wenigen Momente, in denen Coldplay Probleme direkt benennen. So ganz verabschieden können sich die Briten nämlich nicht von ihrem Feel-Good-Pop mit dem typischen Oh-Oh-Ausrufen „I could be you, you could be me / Two raindrops in the same sea“, singt Martin etwa auf „Arabesque“. Ein ebenfalls typischer Coldplay-Song ist „Church“. Zwar verarbeiten die Musiker auch hier wieder arabische Einflüsse, würzen das Ganze mit einem Klagegesang, aber es bleibt ein hoffnungslos optimistischer, dahinplätschernder Track.

Mit „Everyday Life“ haben Coldplay versucht, sich und den Stadion-Rock neu zu erfinden. Das mag auf dem ersten Blick auch gelungen sein. Doch ihre naive Weltansicht schmälert die Wirkung ihres neuen Albums. Ja, es ist nett anzuhören. Viel bleibt aber leider nicht hängen – mal abgesehen von den ausgefeilten Melodien und teilweise ausufernden Kompositionen. Das können die Briten deutlich besser.

Autor Denise Frommeyer
Wohnort Mainz
Beruf Online-Redakteurin
Dabei seit November 2014
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