Coldplay – Mylo Xyloto

Album Mylo Xyloto
Band Coldplay
Label Parlophone
Musikrichtung Pop, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
3

Jetzt ist es offiziell! Coldplay machen keinen Pop. Möchte man zumindest meinen, bei den Reaktionen die das Rihanna-Martin Duett hervorruft. Zugegeben, diese Nummer war wohl die größte Schnapsidee, die Chris Martin seit langem hatte, aber auf einer Gratwanderung zwischen Pop und, nennen wir es mal Rock, befinden sich die Briten nun wirklich nicht erst seit gestern und diese Einfallslosigkeit im Doppelpack hat jetzt scheinbar auch die allerletzten Träumer aus ihrem herrlich realitätsfremden popbefreiten Schlaf gerissen. „Mylo Xyloto“ reiht sich als fünftes Album in die vergoldete Reihe ein und fällt auch in der musikalischen Entwicklung, wie könnte es anders ein, nicht aus der Reihe. Angefangen hat die Reise bekanntlich mit gefühlvoll, melancholischem Britrock der ja so schrecklich unmännlich war; mittlerweile sind Coldplay längst eine der ganz wenigen Bands, die irgendwie jeder mindestens so’n bisschen cool findet.
Dabei haben sie eigentlich längst verloren; denn früher war ja alles besser und so oft man diese ätzende Phrase ertragen muss, hier trifft sie mal ins Schwarze. Doch sind Coldplay eben deshalb so besonders, weil sie ohne Frage längst mainstream sind und es trotzdem schaffen, dass ihre Musik immernoch Menschen berührt, denen bei fünf Minuten Radio hören in der Regel kotzübel wird.
Diese Eigenschaft haben sie, Gott sei Dank, anno 2011 immernoch nicht verloren. Keine allzu große Überraschung, ist „Mylo Xyloto“ im Prinzip die konsequente Weiterentwicklung von „Viva La Vida“. Noch mehr Bombast, noch mehr Euphorie und ja, noch mehr Pop. Die besagte Gratwanderung im kleinen eben.
Da gibt es natürlich den tiefen Sturz namens „Princess of China“, das nicht nur deshalb so daneben ist, weil ausgerechnet Rihanna hier ein paar Verse der belanglosesten Art zum besten geben darf, sondern auch weil Brian Eno einfach viel zu viel Spaß an Synthies hat und es ja völlig egal ist ob die knapp vier Minuten jetzt zum Album passen oder vielleicht lieber als Rihanna feat. Chris Martin auf einer anderen Platte ihre Zelte aufgeschlagen hätten. Wie schmal der Grat für die Engländer geworden ist zeigt sich aber am besten an den beiden Singles. „Paradies“ schreit letztlich zu laut nach Radio um vollends begeistern zu können, Single Nummer eins dagegen, macht fast alles richtig. Ein bisschen zu viel Weltschmerz hier, ein bisschen zu viel Kitsch da, ja, stimmt schon, aber Coldplay dürfen und durften das. Und „Every Teardrop Is A Waterfall“ hat sie einfach, diese Magie, die genau das Gefühl rüberbringt welches Tom Delonge, auf Angels & Airwaves angesprochen, wie folgt beschrieben hat: „Die Musik hört sich so an, als ob man den Tränen nahe sei, aber man stößt seine Faust in die Höhe und kann die Welt erobern.“ Genau diese Magie besaß ein „Clocks“ oder vielleicht am allermeisten „Fix You“, wenn es damals auch noch weitaus spartanischer zuging.
Nun wäre „Mylo Xyloto“ aber freilich ein lausiges Coldplayalbum würden nicht auch im ganz ruhigen Gewand, Martins Stimme und seine treuen Weggefährten, Klavier und Akkustikgitarre, ihren großen Auftritt haben. Ruhige Momente gibt es einige, mit „Us Against The World“ aber einen klaren Sieger, der einen schon leicht nostalgisch werden lässt. Verabreicht man sich dagegen einen Durchlauf „Don’t Let It Break Your Heart“, befördert einen die Pathosbombe schlechthin jedoch sofort wieder ins Hier und Jetzt.
Und in diesem geht das scheinbar unaufhaltsame Phänomen in Runde fünf. „Mylo Xyloto“ lässt Coldplay immernoch nicht völlig im Mainstreammatsch versinken, einmal weil man ihnen vieles verzeiht (wenn auch nicht Rihanna!), aber insbesondere weil kaum eine andere Band soviele verschiedene Menschen ehrlich begeistern kann.
Etwas Angst vor Teil sechs dieser Geschichte habe ich trotzdem und nicht nur weil Chris Martin vielleicht ja Justin Bieber über den Weg laufen könnte.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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