Cultdreams – Things That Hurt

Band Cultdreams
Musikrichtung Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

Auf die gefeierte Debüt-EP „SAD“ folgte das noch heiterer gefeierte Debüt-Album „Seafoam“. Geht es nach der britischen Musikpresse, legten Cultdreams (damals noch unter dem Bandnamen Kamikaze Girls) einen Traumstart hin. Gelobt wurden vor allem die Texte des Duos über Depressionen und PTBS, sowie sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit in der Gesellschaft. Jetzt steht ihr zweites Album „We Never Rest“ in den Plattenläden – und natürlich stellt sich die Frage, ob die Briten ihre Erfolgsgeschichte fortschreiben können.

Aber gehen wir nochmal einen Schritt zurück: Auf die Veröffentlichung von „Seafoam“ folgte erstmal eine ausgedehnte Tour durch Großbritannien, den Rest Europas, durch die USA und Kanada. Dazu kamen Supportauftritte für Bands wie Enter Shikari, Pianos Become The Teeth, Foxing oder The World Is A Beautiful Place. Der eng gestrickte Zeitplan hinterließ seine Spuren: „Ich vergesse manchmal, wie viel wir zwischen „SAD“ und „Seafoam“ getourt sind“, sagt Sängerin Lucinda Livingstone. Dazu kam ihr letztjähriger Einstieg bei der befreundeten Band Nervus, mit denen sich Cultdreams ein Label teilen. Es war also gar nicht so klar, ob Cultdreams in ihrem Leben noch so viel Platz finden würde.

Und da wäre ja noch die räumliche Trennung zu ihrem Bandkollegen und Schlagzeuger Conor Dawson, der mittlerweile in Belgien lebt. Den Großteil der letzten zwei Jahre in verschiedenen Ländern zu verbringen, hat die Produktivität beeinträchtigt, wie Livingstone erklärt: „Bei „SAD“ und „Seafoam“ haben wir die meiste Zeit zusammen in einem Raum gejammt. Ich habe anschließend alleine Texte geschrieben und die Ideen strukturiert, doch bei dieser Platte war es genau das Gegenteil.“ Wurden die ersten Demos noch per E-Mail ausgetauscht, war das Duo Anfang 2019 dann endlich bereit, zusammen mit Produzent und Freund Bob Cooper ins Studio zu gehen – im Gegensatz zum Debüt ganz ohne Zeitdruck.

Das hört man den Songs an. „We Never Rest“ lässt tief durchatmen, die Songs nehmen sich Zeit, bauen sich langsam auf, geben dem sphärischen Sound genug Raum, um zu wirken. Dazu kommen weitere Experimente, die die Band jetzt endlich in Angriff nehmen konnte: Livingstone hatte endlich die Möglichkeit, den Song „Don’t Let Them Tell You Another“ mit einem ihrer besten Freunde – dem Jazzmusiker Dan Barker-Bey, mit dem sie 6 Jahre lang zusammenlebte – aufzunehmen. Und es gibt noch weitere Gäste: Auf der Lead-Single „We Never Rest“ singen Katie Dvorak und David F. Bellow von The World Is A Beautiful Place mit.

Es ist ein Song der untersucht, wie sich Menschen an eine anstrengende Gesellschaft anpassen sollen. „Von den Menschen wird immer erwartet, dass sie einen festen Arbeitsplatz haben, so viel Geld wie möglich verdienen und einen sogenannten „traditionellen heteronormativen Lebensstil“ führen“, erklärt Livingstone. „Ich persönlich lebe in einer Blase – die Menschen um mich herum kümmert es nicht, wie ich lebe, mit wem ich lebe, wie viel Geld ich verdiene oder nicht verdiene, wie ich aussehe oder wie ich meine Zeit verbring. Es ist so einfach, sich an diese sichere Blase zu gewöhnen, doch wenn man erst einmal draußen ist, ist das alles nicht mehr so.“

Dennoch scheuen Cultdreams auf „We Never Rest“ den Schritt nach Draußen nicht. Das Album ist für die Band Wachstum und Veränderung in einem. „Es geht um Trauer und Verlust“, sagt die Sängerin, „denn wir leben in einem Land, das sich in Aufruhr befindet, was mit dem derzeitigen politischen Klima in Großbritannien zusammenhängt. Es gibt so viele Dinge, die uns immer und immer wieder entmutigen; es sind so viele Minderheiten und verschiedene Kulturen betroffen. Ich weiß nicht mehr, wo mein Platz in dem Ganzen ist – es fällt einem so schwer eine große Veränderungen herbeizurufen oder zu versuchen irgendwie zu helfen, weil es immer wieder den Anschein hat, als könnten wir doch nie genug tun.“

„Things That Hurt” steckt voller ergreifender und persönlicher Geschichten (wie in „Flowers On Their Graves“ und „Rest & Reflection“). Beide Songs handeln von Trauer, späten Einsichten und ungelösten Emotionen – und stehen nur als Beispiel für dieses hervorragende Album. Und genau diese Gefühle geben den Ton an – transportiert durch wahnsinnig stimmungsvolle Songs. Cultdreams sind die Band, die man sich auf einem Festival als Geheimtipp im Sonnenuntergang vor den Headlinern anschaut und Freunden auch noch nach Jahren von der Gänsehaut erzählt, die einem in dem Moment ergriffen hat. Die Erfolgsgeschichte der Band geht weiter. Wer jetzt immer noch nicht reinhört, ist selbst schuld.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben Joanna Newsom - Y's | Propagandhi - Today's Empires, Tomorow's Ashes | At The Drive-IN - Relationship of Command
Die besten Konzerterlebnisse Iggy Pop | ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead | NOFX | Escapado | Propagandhi

Hinterlasse einen Kommentar