Declan McKenna – Zeros

Album Zeros
Label Columbia
Musikrichtung Britpop, Glam Rock
Redaktion
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Stimme einer Generation, Wunderkind oder nicht weniger als die Reinkarnation von Bowie höchstselbst: Etiketten gibt es viele, mit denen Declan McKenna bedacht wurde, seit er sich im stolzen Alter von 16 auf „Brazil“ im Alleingang mit der FIFA angelegt und alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Ein paar Jahre, ein vielbeachtetes Debütalbum und eine globale Pandemie später erblickt nun das mehrfach verschobene „Zeros“ das Licht der Welt und das will hoch hinaus – so richtig hoch.

Schon zu Zeiten des Erstlings “What Do You Think About The Car?”, auf dem britpoppiger Indie durch eine wohldosierte Schippe Pomp und beinahe altersweise Singer-Songwriter-Gesten aufgebrochen wurde, hatte sich die Band für ihre Live-Shows ein Glam-Rock-Image mit viel Glitter und Schminke zugelegt. „Zeros“ löst das Versprechen nun auch musikalisch ein und wirkt in etwa so, als hätte ein blutjunger Billy Bragg „Ziggy Stardust“ getextet.

Declan McKenna und seine Mitstreiter sezieren die augenscheinlich recht kaputte britische Gegenwartsgesellschaft konsequent aus der Perspektive der Generation Z und mit Hilfe von ein paar Jahrzehnten vorangegangener Musikgeschichte. Die Wahl der Waffen, Retro-Sounds aus Papis Plattensammlung, ist dabei genauso anachronistisch wie logisch.

Idealtypisch schöne Social-Media-Gestalten kriegen ebenso ihr Fett weg („Beautiful Faces“) wie religiöse Fanatiker („You Better Believe!!!“) und Verschwörungstheoretiker („Twice Your Size“) oder, geschenkt, Klimawandel-Leugner („Sagittarius A*“ – warum nicht einfach in den Weltraum flüchten, sobald die Erde vor die Hunde gegangen ist?). Dazwischen tritt immer wieder ein gewisser Daniel auf, ein entfremdeter Außenseiter, der angesichts des gesellschaftlichen Drucks und festgefahrener (Männlichkeits-)Konzepte zu zerbrechen und zur Gefahr für sich selbst und andere zu werden droht.

Unterhalb dieses oft bitteren Storytellings singen die Synthies, jaulen die Gitarren und tanzt das Piano, alle aufeinandergetürmt wie bei Queen zu ihren besten Zeiten. Der meterdicke, theatralische Sound-Teppich lässt zwischendurch dennoch genug Luft zum Atmen für beispielsweise die Country-Gitarre aus „Emily“ (immerhin wurde das Album in Nashville aufgenommen) oder hin und wieder zu Wort kommende Background-Sängerinnen.

Und überhaupt: Gekonnt alte Legenden zitieren ist das eine, Songs schreiben können das andere. In erster Linie liegt hier der Hase im Pfeffer: Nach Harmonien wie in „The Key to Life on Earth”, einem an der Perfektion kratzenden Popsong, der das jugendliche Leben in der britischen Pampa und den unvermeidbaren Eintritt ins Hamsterrad betrachtet (“Iron your suit and tie forever till you die”), lechzen andere Indie-Bands ihr Leben lang. Declan McKenna schüttelt die locker aus dem Ärmel – so auch in „Be An Astronaut“, der schwelgerischen Piano-Pop in ein episches Rock’n Roll-Finale samt ledernem Solo von Gitarristin Isabel münden lässt. Nummern wie diese schweben mindestens zwei Meter über dem Boden der Tatsachen. Bei dieser Souveränität ist sogar ein freidrehendes Elektrogewitter wie „Rapture“ mit Vocoder-Effekten und „Lalala“-Part erlaubt, das bei unzähligen anderen Künstlern in pure Peinlichkeit abdriften würde.

„What do you think about the rocket I built?“: Auf der britischen Queerness-Skala von 0 bis Elton John tendiert „Zeros“ Richtung Ende, und in Sachen Größenwahn kann der erst 21-jährige McKenna es gut und gerne mit den Gallagher-Brüdern aufnehmen. Die zehn Songs sind sicherlich überfrachtet und beizeiten hyperaktiv, zeugen aber von den großen Ambitionen ihres Schöpfers, und der lässt vermutlich erst locker, wenn er den perfekten Song zu Papier gebracht hat. Aber auch auf dem Weg dahin überzeugt „Zeros“ auf ganzer Linie, traut sich so einiges und wird seinen eigenen Ansprüchen gerecht. Understatement war gestern, die Zukunft gehört den Kids.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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