DIIV – Deceiver

Album Deceiver
Band DIIV
Musikrichtung Shoegaze, Indie, Punk
Redaktion
Lesermeinung
7

Zachary Cole Smith ist clean, seit über zwei einhalb Jahren schon. Die Heroin-Sucht trieb ihn an die äußersten Grenzen seiner Existenz, wie er in Interviews zugibt. So erzählte er dem Magazin SPIN bereits 2017: „I literally thought I was gonna die.“ So weit kam es glücklicherweise nicht, irgendwann der klare Cut inklusive Rehab und seit dem die Rehabilitation. Gut für den DIIV-Sänger ist das alle mal, die Frage wie es mit seiner Band weiter gehen sollte, stand natürlich trotzdem im Raum. Beinahe wäre das 2016 erschienene Album „Is The Is Are“ das letzte der Band geworden, weiß Smith. Doch es kam anders. Er zieht den Entzug dieses Mal entschlossen durch. DIIV, um die es lange Zeit ruhig geworden war, machten also doch weiter. Erst still und leise, dann mit der Ankündigung neuer Musik. „Deceiver“ ist das verflixte dritte Album. Eines, das lange auf der Kippe stand. Eines, das dafür um so besser wurde – und ein erstaunlich politisches.

Zwar sollte man bei solchen Interpretationen naturgemäß Vorsicht walten lassen, doch Smiths Abstinenz scheint fast greifbar, wenn „Deceiver“ über den Plattenteller kreiselt. Natürlich haben DIIV keine musikalische 180 Grad Wende hingelegt. Krachiger Indie-Rock trifft hier auf eine Menge Reverb, besinnt sich immer wieder gewisser Punk-Wurzeln und kommt am Ende gleichsam verträumt wie treibend daher. Trotzdem ist der nun ausschließlich musikalische Drogenrausch auf „Deceiver“ ein viel kontrollierterer als noch zuvor. DIIV sind um einiges prägnanter geworden, sowohl in ihren Songstrukturen, aber auch – und vor allem – inhaltlich.

Das zeigt beispielsweise das vorab veröffentlichte „Blankenship“ mehr als deutlich: „Armageddon is a product / And one we choose to buy / Dwell on that for a moment / With paradise on fire“ Mit der Klimakrise überall um uns herum entfalten diese Zeilen um so mehr ihre Wirkung. Auch ansonsten wirken Smiths Texte aufgeräumt, auch wenn sie wie auf „Horsehead“ den eigenen Werdegang thematisieren. Oder wenn es in „Skin Game“, das sich mit Smiths Rehab-Zeiten auseinandersetzt, heißt: „I can see you’ve had some struggles lately / Hey man, I’ve had mine too“. Verständnis, Reue, Aufarbeitung („For The Guilty“) stehen auf der einen Seite, Gesellschaftskritik auf der anderen. Zum musikalischen Highlight des Albums wird jedoch das vergleichsweise flehende und melancholische „Like Before You Were Born“.

Mit „Deceiver“ haben DIIV einen ganz heißen Anwärter auf das Album des Jahres aufs Parkett gezaubert. Es lässt sich konstatieren: Zachary Cole Smith ist clean – und die Band noch besser geworden. Da spricht man ganz neumodisch wohl von einer „Win-Win-Situation“.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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