EL VY – Return To The Moon

Band EL VY
Musikrichtung Indie, Funk, Alternative
Redaktion
Lesermeinung
5

Es sei dieser Spannungszustand zwischen zwei Erwachsenen, die sich ein kleines Stück Raum in ihrem Leben teilen, den er immer so gut einfange, sagt Karin Besser. Er, das ist Matt Berninger, ihr Ehemann, Role Model eines zerstreuten, weinbeseelten Harvard-Professors und Sänger von The National. Besser trifft ins Schwarze, denn genau das machen die US-Indie-Heroen – Erwachsenenmusik. Ihr Angetrauter durchstreift in seinen unnachahmlichen Weisen die Untiefen des Alltags, die großen kleinen Dramen, Freuden und Versuchungen. Kein noch so schöner romantischer Kitsch, keine Heile-Welt-Sehnsucht. Denn die hält Menschen nicht zusammen.

Doch gerade er, der die Psychologie des Miteinanders so brillant in Szene setzt, ist als Person oft nur skizzenhaft sichtbar. Wenn überhaupt. Dabei sei alles persönlich, was er schreibe so Berniger gegenüber dem Deutschlandradio. Nur autobiographisch eben selten und wenn dann, wohlbehütet in heillos-abstrakten Bildern. So gesehen ist „Return To The Moon“ ein doppeltes Debüt.

Den Nährboden bereitete ein reichlich misslungenes Konzert 2003 in Portland. The National waren wenn überhaupt ein Geheimtipp und auch die zweite Band des Abends, Menomena, steckte noch in Miniatur-Kinderschuhen. Dementsprechend war die Show „mostly empty“ wie Berninger heute erzählt. Vor allem aber war es das erste Treffen der beiden Männer, die sich heute hinter EL VY tummeln – der bereits genannte Weißweinfan und der heute Ex-Menomena-Mann, Brent Knopf. Irgendwann begannen die beiden wahllos Ideen-Fragmente auszutauschen. Und Berninger schrieb fremd. Auf Tour, im Flieger, in einem winzigen Zelt in seinem Garten. Der Ordner – „The Moon“ genannt – füllte & füllte sich, aber erst 2014 machte das Duo Ernst. Berninger war mittlerweile Frontmann eines der gefeiertsten Indie-Acts des Planeten und Knopf angesehener Art-Rock-Virtuose. „Return To The Moon“ ist nun die Zusammenführung beider Welten – und bisweilen eine erstaunlich intime Reise auf den Spuren des Matt Berninger. Vor allem aber klingt es nicht nach The National.

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Tausendsassa Brent Knopf hat sicherlich einiges übrig für die melancholisch-schweren Oden der Gebrüder Dessner. Viel lieber aber experimentiert er scheinbar vogelwild herum. Bester Beweis: Seine aktuelle Hauptbeschäftigung, Ramona Falls. Müßig zu erwähnen, dass er für „Return To The Moon“ seine überschäumende Schaffensfreude nicht gebremst hat – im Gegenteil. Gleich der Titeltrack glänzt mit ambitioniert-doppelbödigem 80s-Pop und einer Bassline zum Niederknien. In „Happiness, Missouri“ dagegen flirtet das Duo mit einem unleugbaren Post-Punk-Vibe.

EL VY sind zwei Freunde, die sich mit kindischer Freude und ohne jeglichen Druck austoben. Nirgends wird dies deutlicher als im schrägen „I’m The Man To Be“. Das Stück ist mit seinem breitbeinigen Hip-Hop-Flair eine herrliche Persiflage auf auf einen abgehalfterten Rockstar, der das Image des Promi-Vollproleten ein wenig zu ernst nimmt:

„Can’t reach a cotton ball to dry, the little teardrop underneath my right eye, I can use my Louis Vuitton tie. I’m peaceful cause my dick’s in sunlight, I’ll be the one in the lobby in the green colared fuck me-shirt”

Neben solcher Späße ist “Return To The Moon” aber eben auch Berningers erstes Mal als offensichtlich autobiographischer Songwriter. Im bedächtigen Synthie-Popper “Paul Is Alive” etwa lässt der 44-Jährige nicht nur seine Mutter Paul McCartney grüßen, sondern durchschweift auch seine Kindheit in Cincinnati, auf der Suche nach sich selbst. Er fand sich damals im lokalen Musikclub und im damals noch Smiths-Frontmann Morrisey einen fernen Bruder im Geiste. “nobody stays above, out in the waves of love, inside the Jockey Club – I’m even” In „Need A Friend“ sind die Anspielungen auf seine Jugend dann zwar nicht mehr derart offenherzig, aber zum beschwingten Alt-Rock mehr als stimmig („Everyone is now and then, I don’t need your love, I just need a friend“). Die elegant-rumpelnde Trauer-Ballade „Careless“ ist das ohnehin – solche Heimspiele gewinnt Berningers Bariton im Schlaf.

„But I’ve been wanting you so long, I really don’t know what to do, I don’t know what you want from me, it’s agony”

Das Highlight der Platte aber hätte “No Time To Crank The Sun” sein können, nein, müssen. Doch leider sind Konzertmeister Knopf ausgerechnet hier die Pferde durchgegangen. Die Live-Version in puristischem Piano-Arrangement ist überlebensgroß. Auf Platte aber wehrt sich Berningers Stimme förmlich gegen ihr mausgraues Bett aus skandalös-einfallslosem Schlagzeug und Allerwelts-Synthies. Auch „It’s A Game“ kommt erschreckend seicht daher. Im Gegenzug gelingt bei „Silent Ivy Hotel“ der Art-Pop Aufzug grandios: Eine schwummrige Ballade, im Geiste lehnt der am Whiskey-nippende Berninger mit nonchalant-lässiger Eleganz an der noblen Hotel-Bar und umgarnt vergeblich eine Fremde. „it’s a waste of love“ – großes Schauspiel.

Seine Nebenprojekt-erprobten Kollegen sollen sich ja Berninger zufolge ob seines Ausflugs Sorgen um den guten The National-Ruf gemacht haben. „Return To The Moon“ dürfte sie beruhigen. Das kongeniale Duo Berninger-Knopf harmoniert prächtig – auf ihre ganz eigene Art. Makellose Alben sind ohnehin The National vorbehalten. Der nächste Versuch ist bereits in Arbeit. An Matt Berninger, so viel steht fest, wird er nicht scheitern.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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