Envy – The Fallen Crimson

Band Envy
Musikrichtung Post-Rock, Screamo, Post-Hardcore
Redaktion
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Es gibt Bands, die einen unantastbaren Legendenstatus innehaben in dem, was man Szene nennt. Oft wissen nur Auserwählte um die Qualität, während viele andere mit der Musik nichts anfangen können. Japans Post-Hardcore-Architekten Envy sind eine dieser Bands. Die in den letzten Jahren auf europäischem Festland recht seltenen Envy-Konzerte sind wahlweise Gottesdienste oder schwarze Messen, je nach Sichtweise – auf jeden Fall äußerst kathartisch und scheinbar nicht von dieser Welt. Nach dem munteren Personal-Chaos mit einem Sänger auf Abwegen und einer Neuaufstellung um 50 Prozent tischt die Band im neuen Jahrzehnt ihre achte Platte auf. Und eines ist sicher: Envy wollen es noch einmal wissen.

Die Gitarren können nach wie vor shoegazigen Dreampop genauso wie flotte Thrash-Riffs, oft fusioniert beides zu einem schon beinahe Alternative-artigen Soundgewand. Etwa im Opener „Statement of Freedom“, der schon sämtliche Trademarks vereint, vor allem die verschiedenen Vocal-Styles von Tetsuya Fukagawa, der wie ein Cerberus mit drei Köpfen mühelos zwischen spitzem Geschrei, Spoken Word und Growls wechseln kann. So auch in „A Faint New World“, während die Schlagzeugspuren so richtig knüppeln. Dazu spielt die Band in dem mehrteiligen Song schiefe Licks und experimentiert mit harten, stumpfen Breaks, die so tatsächlich auch im intelligenteren Crossover der frühen Zweitausender vorstellbar wären (man denke hier an die Deftones). Wahnsinnsnummer, und ein cooles Musikvideo gibt es obendrauf.

Im Ausreißer „Rhythm“ lassen Envy die gesamten Vocals von Gastsängerin Achiko übernehmen und den sphärischen Dreampop erst gen Ende hin explodieren. Sie liebäugeln gar ein bisschen mit Symphonic Metal – aber auf die Art, wie ihn auch die Landsleute von Mono verstehen. „Fingerprint Mark“ wechselt in drei Minuten vom fast klassischen Hardcore-Kinnhaken mit Shouts zu Post-Rock mit Sprechpassagen und wieder zurück. Die ungewöhnliche Gitarrenfigur von „Marginalized Thread“ und die verzerrte Roboterstimme in „Dawn and Gaze“ sind Fans schon seit der 2018er-Single „Alnair in August“ bekannt, und auch im Albumkontext haben beide Songs nichts von ihrer Stärke eingebüßt. Ausfälle gibt es auf „The Fallen Crimson“ keine.

„Hikari“ in der Mitte der Platte ist zur Hälfte Zwischenspiel und zur Hälfte Song und teilt „The Fallen Crimson“ in zwei. „Eternal Memories and Reincarnation“ ist dann reiner, anschmiegsamer Post-Rock, der ein warmes Gefühl vermittelt, ohne dass Envy einen wieder unwirsch wachrütteln würden. Generell ist der Abwechslungsreichtum der größte Trumpf des Albums: Die Band beherrscht die Klaviatur sämtlicher Genres im Schlaf und bringt sie ohne Probleme unter einen Hut. Yin und Yang, hart und weich – das mag ein überstrapaziertes Konzept sein, aber die Japaner nutzen auf „The Fallen Crimson“ genau das.

Envy brechen ihren Nischen-Sound auf und gestalten ihn noch zugänglicher, symphonischer und wärmer als auf vorangegangen Alben („Swaying Leaves and Scattering Breath“, „Marginalized Thread“). Es wird nicht bloß konsequent die Apokalypse beschworen, stattdessen in den ersten zarten Sonnenstrahlen des Tages ein Spaziergang unternommen: „A Step In The Morning Glow“ entfaltet sich langsam und schichtet die Gitarrentürme hinter den Spoken Words immer höher bis zur furiosen Klimax. Ein epischeres Finale kann man sich kaum wünschen oder ausdenken und fühlt sich nicht das erste Mal an Filmmusik erinnert. Auch auf Albumlänge: Soundscapes zum darin Versinken, Gänsehaut, dann Stille. Die Japaner läuten ihren zweiten Frühling ein und sind kreativ wie nie.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Kyoto
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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