Every Time I Die – Low Teens

Album Low Teens
Label Epitaph
Musikrichtung Hardcore, Hardcore, Metalcore
Redaktion
Lesermeinung
7

„Though it may hunt us, and break our hearts – death cannot tear us apart.“

Eine einsame, trockene Abfolge von dissonanten Noten und dazu diese Kampfansage: Keith Buckley blickt dem Tod ins Gesicht und entgegnet ein Versprechen, an dem er fast zerbrochen wäre. Im Dezember 2015 muss der
Frontmann von Every Time I Die von der Tourbühne in seine Heimatstadt Buffalo rasen, wo seine schwangere Frau mit einer lebensbedrohlichen Komplikation ins Krankenhaus gebracht wurde. Angst, Unwissenheit und Ausweglosigkeit ist alles was er vor Augen, im Kopf, im Herzen hat. Frau und Kind überleben die Nacht schließlich unversehrt, doch ein solches Erlebnis geht an keinem spurlos vorbei. Die bodenlose Dunkelheit, die Buckley in diesen Stunden erlebte, kanalisierte er in den Texten zu „Low Teens“.

„Untimely ripped into this world. I was born again as a girl.“

Die Wetterberichte in den Staaten sprechen immer von Temperaturen in den „low seventies, high sixties“, et cetera – bezogen auf Fahrenheit wohlgemerkt, wo 32 der Nullpunkt sind. Alles in und unter den „Low Teens“: bitterkalt. Der Titel des Albums ist die Grundtemperatur, die die Songs durchzieht. Zwischen Tod, Machtlosigkeit, Wut, Schicksal und Hoffnungslosigkeit ist nicht viel Platz für Wärme. Buckley schreit seine Verzweiflung nicht offenkundig in verzweifelten Versen heraus wie andere Bands. Dafür aber schafft er ein unwegsames Labyrinth des Unwohlseins, in dem man sich mit jedem Durchlauf und jeder neuen bedeutungsschweren Zeile weiter verliert. Buckley schreit verstörender, singt betörender. Er bewegt sich nicht mehr in der sarkastisch-kryptischen Textwelt der Vorgänger. Diesmal ist alles bitterer Ernst ohne doppelten Boden, wenn auch eloquent umrankt. Und Buckleys Exorzismen sind nur die eine Erlebnis-Ebene.

„I can’t stand what I’ve become. I’m shivering to spite the sun. We come together and we’re overwhelmed by the loneliness.“

Keith Buckley hat seine bisher mit Abstand persönlichsten, und vielleicht besten, Texte geschrieben. Sein Bruder Jordan, Andy Williams, Stephen Micciche und Schlagzeug-Neuzugang Daniel Davison haben ihr definitiv ihr abwechslungsreichstes, vielleicht sogar bestes, Album geschrieben. „Fear and Trembling“ genauso wie das darauf folgende „Glitches“ sind absolut humorlose, schmucklose Bretter, die einen knüppelhart durch die ersten Minuten prügeln, bis „C ++“ das Steuer mit einem fast melodischen Einstieg erst herumreißt, nur um in einen ebenso knüppelharten Breakdown zu münden. Und plötzlich setzt mit „Two Summers“ ein lasziv tänzelnder Midtempo-Groller mit betörenden Gitarren und Gesängen ein. So geht es wild wechselnd weiter, und wieder einmal überfordern Every Time I Die mit ihrem völlig wahnwitzigen Ideenreichtum bei verdammt intuitivem Groove-Gespür zuerst einmal völlig. Stampfende Rythmen, leichtfüßige Riffs, zuckende Soli und schwindelig machende Bendings – das Klangbild explodiert in alle Richtungen und hinterlässt ein wildes Gemälde, dessen Strukturen, Details und Nuancen sich erst langsam erschließen. „Ex Lives“ wurde vor vier Jahren an dieser Stelle die perfekte 8 gegeben, noch im Freudentaumel der ersten Durchgänge. Wirklich verdient hat diese Bestzahl tatsächlich aber „Low Teens“, denn es wächst erst mit der Zeit, es wechselt Gestalten und zieht seinen giftigen Griff immer enger. Bis es am Ende kein Entkommen gibt.

„The glory I have witnessed was just a sleight of hand. These hearts cannot be salvaged, these bones cannot withstand. I have either been forgotten, or I was never seen. Now I’m in the negative space between.“

Mit Laufzeiten von über fünf Minuten begibt sich das Quintett erstmals auf geradezu episches Terrain, und klingt dabei emotional wie nie. Das finale „Map Change“ lässt die vorangegangenen 40 Minuten in einer seltsamen Ruhe verstummen. Die Erde selbst verschiebt sich, und im Angesicht des Untergangs reicht die Kraft diesmal nicht mehr für einen erneuten Kampf. Der tosende Sturm umgibt alles, bis sein Anfang und Ende nicht mehr auszumachen sind. „Chaos is drawn to silence like life is drawn to death. The dusk is so much clearer than the dawn had ever been.“ Am Ende von allem wartet vielleicht tröstende Erlösung, vielleicht nur endloser Schmerz. Die Ambivalenzen zwischen Ahnungslosigkeit und Gewissheit verschwimmen, und alles ist vergänglich. Das Licht schwindet, und man sinkt mit Keith Buckleys Stimme in die Dunkelheit.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
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