Florence + The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Musikrichtung Indie, Alternative, Baroque Pop
Redaktion
Lesermeinung
6

Karl Lagerfeld ließ sie für Chanel einmal einer Riesen-Muschel entspringen. Deutschlands Modezar hat einen gehörigen Narren gefressen an dieser Florence Welch. Die 28-jährige aus Londons Süden ist längst Stilikone und Grande Dame des Indie-Pop in Personalunion. Ihre Bühnenoutfits stammten nicht zufällig geraume Zeit aus dem Hause Gucci – eigens entworfen für die Königin, natürlich. Welch sieht aus wie eine Lady des britischen Adels. Sie kann auftreten wie eine. Doch strahlt ihre Eleganz nur Wärme aus. Da ist nicht die kleinste Spur von Standesdünkel, denn sie speist sich aus purer Zerbrechlichkeit. Welch wirkte nie als stünde sie über den Dingen. Im Gegenteil, die Dinge schienen sie in trauter Regelmäßigkeit heillos zu überfordern: Von Beziehungskrach, über deren brachiales Ende, bis hin zu Suizid – der Durchstich ihrer Werke könnte sich durchaus fröhlicher lesen. Doch die welch’sche Maschine braucht das Drama für den ganz großen Glanz.

Dabei sei sie eigentlich eine recht ruhige Person, sagt Miss Welch über sich selbst. Wäre da nur nicht dieser leidige Hang zum Chaos oder wie Welch es heute nennt: Selbstzerstörung. Der wahnwitzige Triumphzug mit „Lungs“ (2009) und „Ceremonials“ (2011) hinterließ Spuren. Jedwede Party-Einladung war bei der ausgewiesenen Tequila-Liebhaberin ohnehin immer an der richtigen Adresse – und die Schaffenspause ab 2013 letztlich vielleicht nur logisch. „How Big, How Blue, How Beautiful“ steht nun als Resultat der Entschlackungs-Kur im Raum. Das Motto: alle Schutzschilde fallen lassen. Kein herrschaftlicher Indie-Rock, kein Füllhorn an Metaphern und auch keine Gucci-Roben mehr. „How Big, How Blue, How Beautiful” ist mehr Florence Welch denn je. The Machine ist zum Maschinchen degradiert worden, die raffiniert-geschmückten Kleider sind einer neuen Schlichtheit gewichen, das große Drama aber bleibt. Es steckt nur in neuem Gewand.

Zu Beginn klingt das noch nach einem gesunden Kompromiss. „Ship To Wreck“ gibt den eingängigen Indie-Rocker, mit einer Welch (ihre vorgebliche Schüchternheit hatte sie in der Musik ja immer schon auf kleiner Flamme köcheln lassen), die unbarmherzig zurückblickt in ihr hinterlassenes (Liebes-)Chaos: “oh my love remind me, what was it that I did? Did I drink too much? Am I losing touch? Did I build this ship to wreck?” Zu “What Kind Of Man” wird aus der Geläuterten aber eine Furie. Ausnahmsweise noch einmal hörbar angestachelt von ihrem Haus- und Hof-Gitarristen Rob Ackroyd, macht die zierliche Britin mit der ihr eigenen Urgewalt reinen Tisch: “And with one kiss you inspired a fire of devotion, that lasted 20 years, what kind of man loves like this?”

Alles und jeden mit sich reißende Euphorie-Festspiele wie „Shake It Out“ oder „You’ve Got The Love“ es waren sind aber tatsächlich Geschichte. Mit dem Titel-Track fällt der Vorhang für die neue Klarheit. Intim ist die nicht. Ein komplettes Symphonie-Orchester macht ungern Kammermusik. Aber die vollendete opereske Theatralik mit zum Niederknien prachtvollen Bläsern steht Welshs Stimmgewalt auch einfach besser als die ominöse Akustikgitarre. Ohne größtmögliche Pathos-Geste funktioniert Florence + The Machine eben nicht. Die geballte Kraft klassischer Schönheit steht ihr folglich perfekt: „Queen Of Peace“ ist das Meisterstück. Ein erhabener Feldzug der Konzertmeisterin, getrieben von flirrenden Geigen und den Fanfaren ihrer neuen Mitstreiter: “like the stars chase the sun, over the glowing hill, I will conquer, blood is running deep, some things never sleep”

„How Big, How Blue, How Beatiful“ ist Welchs Katharsis. Wo “St. Jude” noch in seliger Klarheit sanft aber bestimmt Schlusstriche zieht (“and I’m learning, so I’m leaving and even though I’m grieving, I’m trying to find the meaning”), sind “Third Eye” und „Delilah“ bereits drei Schritte weiter: Tänzelnd leicht bricht der neue Optimismus aus Welsh heraus. Dass “Third Eye” wie ein leicht schüchternes “Dog Days Are Over” daherkommt, ist wohl kaum Zufall. Und einmal wieder im Tritt folgt mit „Mother“ ein furioser Abschluss wo auch The Machine noch einmal tüchtig in die Seiten greifen darf.

„I belong to the ground now, I want no more than this”
Florence Welch ist also zur Ruhe gekommen, ein wenig. Dass sie sich fortan nun nicht als Konsequenz mit Vorliebe im Schaukelstuhl räkelt, hat sie jüngst auf dem Coachella unfreiwillig deutlich gemacht. Ekstatisch wie eh und flog sie nach einer Stunde Spektakel erst mal von der Bühne und brach sich den Fuß. Kein Schaukelstuhl, aber immerhin ein Barhocker ist seitdem ihr kongenialer Partner auf der Bühne. An Durchschlagskraft hat sie hier freilich keinen Deut eingebüßt. Und so schließt sich dann auch der Kreis zur neuen Klarheit auf Platte. Karl Lagerfeld gefällt das. Er dürfte damit nicht allein sein.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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