Frank Turner – No Man’s Land


Label Polydor
Musikrichtung
Redaktion
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Das Arbeitstier aus England hat wieder zugeschlagen. Trotz unermüdlichem Touren durch die Welt veröffentlicht Frank Turner nur ein Jahr nach „Be More Kind“ sein achtes Studioalbum. Für „No Man’s Land“ hat sich der Brite ein ganz besonders Konzept ausgedacht.

Den Namen „Rosetta Rose Tharpe“ schon mal gehört? Nein? So geht es wahrscheinlich den meisten. Frank Turner huldigt auf seinem Album 12 bemerkenswerte Frauen, die Turners Ansicht nach, einen größeren Platz im kollektiven Gedächtnis der Welt verdienen. So wird mit „Sister Rosetta“ jene Frau gehuldigt, die Legenden wie Elvis und Johnny Cash als wichtigen Einfluss nannten.

Als Autodidaktin hat sie vor allem vor dem zweiten Weltkrieg mit ihrem eigenständigen Mix aus Gospel-, Jazz- und Blues ihre Spuren hinterlassen. Rose Tharpe gilt als eine der ersten, die mit verzerrter Gitarre aufgetreten ist – auch deshalb ist sie für Turner und Co. die „Godmother of Rock and Roll“.

Doch es geht nicht nur um den Rock’n’Roll. Turner verarbeitet inspirierende Biographien, die zur weiterführenden Lektüre einladen. 
Die Musik erinnert zum großen Teil an die Anfänge von Turners Karriere. Der Sound ist folkig, teilweise im Retro-Sound, um auch akustisch in die jeweilige Zeit abtauchen zu können. Die Hörer sitzen am Lagerfeuer und Turner erzählt mit historischer Präzision beeindruckende Geschichten. Mitunter fehlt die Intensität und Schonungslosigkeit, die Turners Texte oftmals so stark macht. Eine Ausnahme bietet „Rosemary Jane“: der letzte Song, in dem Turner seiner Mutter seine Dankbarkeit und Bewunderung Ausdruck verleiht. Eine berührende Hommage, die im großen Finale inklusive Falsett-Gesang mündet.

Der eindrucksvollste Song setzt allerdings auf den neueren Frank Turner-Sound. „The Lioness“ erzählt mit E-statt Akustik-Gitarre und Indie/Punk-Sound die Geschichte der ägyptischen Frauenrechtlerin Huda Sha’arawi. Dabei ragt besonders der Refrain heraus, der die aufgebaute Spannung der Strophen herausragend aufbricht: Sha’arawis Ausbruch aus dem religiösen Patriachat musikalisch übersetzt.


Huda Sha’arawi was the Lioness‘ name, a heart well-fed, eyes a flame, a face uncovered showing what she overcame, huda is the Lioness, she won’t be tamed

, s
he isn’t gonna hide her face anymore, she isn’t gonna know her place anymore

Dass der Einfluss dieser Frauen für Experten unbestritten, aber für die meisten unsichtbar war und ist, hängt, so Frank Turners These, vor allem mit ihrem Geschlecht zusammen. Dass dieser Mann diesen Frauen eine Stimme gibt, wurde nicht von allen Seiten wohlwollend aufgenommen. Das englisches Musikmagazin NME wirft ihm beispielsweise Mansplaining vor – Turner gehe es am Ende nur um sich selbst, der sich durch dieses Konzept als vorbildlicher Feminist hervorheben wolle. Hätte Turner also lieber die Finger von dem Thema lassen sollen?

Mitnichten: Turner bewegt sich bei diesem Album aus seiner Komfortzone und begibt sich auf neues Terrain. Dadurch leistet „No Man’s Land“ einen Beitrag, das Schaffen dieser Frauen in die Welt zu tragen – mit den Mitteln, die ihm als männlicher Songwriter zur Verfügung stehen. Der große Wurf wie „England Keep My Bones“ ist „No Man’s Land“ nicht geworden. Dennoch lässt sich auf der Platte eine amtliche Portion starker Songs finden, die sich einen Platz auf Turners Setlisten der Zukunft sichern werden.

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
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