Free – s/t (Demo)

Album s/t (Demo)
Band Free
Label /
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6

Menschen zu verehren wie Götzen, sie anzukreischen, sobald man sie erblickt. Das ist eigentlich den Anhängern von Justin Bieber und Dagi Bee vorbehalten. Da gehört das ja zum Selbstverständnis. In anderen Kreisen wiederum gibt es nichts Irrwitzigeres, als vorzugeben, eine Band oder ein Künstler sei etwas überirdisch Größeres als man selbst. Etwa beim Hardcore-Punk, einer der scheinbar letzten Bastionen des Understatements. Bei den Konzerten in den Dorfclubs mit den knöchel- bis kniehohen Bühnen sind alle buchstäblich auf Augenhöhe, die Crowd, die Bands und die Leute an der Bar. Aber, wie auch unter den Justin Bieber-Fans, gibt es Ausnahmen. Dazu gehören Have Heart, wohlgemerkt ganz unfreiwillig.

Sieben Jahre lang wirbelte die Band aus Boston durch die Welt, sympathisch und auf Augenhöhe, wie all die anderen Musiker des Genres. Die fünf Jungs aber umgab so etwas wie eine Aura. Have Heart brachten nur zwei Alben heraus, aber bei ihren Shows unzählige Menschen zur Extase. Sie wollten Frontmann Pat Flynn nah sein während der Konzerte, krächzten jede Silbe der Lieder mit. Diese Nähe, diese Vergötterung sei Flynn irgendwann zu viel geworden, sagte einmal der frühere Sänger der Bostoner Hardcore-Band Test of Time. 2009 dann lösten sich Have Heart auf – auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Der Mitschnitt ihres letzten Konzertes, zu sehen bei Youtube, macht auch Außenstehenden klar, wie wichtig die Band für viele war. Für lange Zeit war es dann still, bis Flynn mit Have-Heart-Schlagzeuger Shawn Costa die Band Sweet Jesus gründete. Deren Debüt-Album bekam viel Lob, der alte Spirit steckt tatsächlich drin, und im Sommer tourte die Band sogar durch Europa.

Dass da noch mehr kommen würde, damit rechnete wohl kaum jemand. Bis zum gestrigen Tag. Flynn und Costa ist es offenbar gelungen, auch zwei weitere Ex-Bandkollegen zu begeistern für die Vier-Fünftel-Have-Heart-Reunion unter dem schlichten Namen Free. Die am Sonntagabend bei Bandcamp veröffentlichte Demo schlug ein wie ein Blitz, der im Netz ein Lauffeuer entfachte: Fast 9.000 Mal wurde die Nachricht darüber bei Alternative Press auf Twitter und Facebook geteilt — dabei hat die Band nicht einmal ein Facebook-Profil.

Beachtlich an den vier Liedern der Demo: Sie klingen in ihrer Ungeschliffenheit weniger nach den zwei Have-Heart-Alben, als nach der schon 2004 veröffentlichten EP “What Counts”. Und auch in den Texten sehnt sich Pat Flynn offenbar nach der guten alten Zeit zurück. Ach was, er ist ungeheuer sauer darüber, wie es heute ist. Die Szene habe sich selbst verraten, mit ihrem “mainstream fake hardcore”, den “tough guys” und deren “culture of violence and cool”. Auch um die Situation in seinem Heimat-Bundesstaat sorgt er sich: “Massachusetts, I thought you were a scene of open minds and open hearts?” Wie konnte das passieren? Und wie bekommen wir das wieder hin? Vielleicht braucht es bei so Vielem, was schief läuft, zumindest in der Musik manchmal doch jemanden, zu dem man aufblicken kann. Pat Flynn, gut, dass du wieder da bist.

Kommentare

  2 kommentare

  1. M

    Beste Nachricht seit langem!

  2. S

    HAVE HEART fand ich super, die Hysterie um sie hat sich mir aber überhaupt nicht erschlossen. Fand das live immer richtig unangenehm und etwas befremdlich. Genauso wenig kann ich nachvollziehen, dass dieses Demo hier 9 Punkte abräumt. Textlich super, aber fürs Musikalische ist diese Wertung völlig übertrieben und spiegelt genau die Hysterie, die Flynn vollkommen zu Recht unangenehm aufstößt.

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