Grey Daze – Amends

Album Amends
Band Grey Daze
Label Universal
Musikrichtung Alternative
Redaktion
Lesermeinung
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Das Anhören von „Amends“ ist ein bisschen wie das Herumspielen mit einem Ouija-Brett, die Musik selbst Frankensteins Monster. Chester Bennington, der vielleicht erste Rockstar des 21. Jahrhunderts, ist schon 2017 von uns gegangen. Seine lebenslang unbekannte erste Band Grey Daze hat nun alte Gesangsspuren aus den finstersten Neunzigern recycelt und ihre ehemaligen Songs, teils gar neu konzipiert, drumherum mit modernen Mitteln eingespielt.

Dieser Plan wurde zwar schon zu Chesters Lebzeiten geschmiedet, allein aber die Tatsache, dass die Platte nun posthum und begleitet von einem gigantischen Werbe-Brimborium veröffentlicht wird, schmeckt dann doch ein bisschen bitter. Herausgekommen ist jedenfalls ein recht spezielles Hybrid, das zwei Dinge über die Band klarstellt: Erstens, ihr Sänger war super. Und zweitens: Für den ganz großen Erfolg ist allein das nicht genug.

Grey Daze und ihre elf Songs sind Kinder ihrer Zeit. Und das Genre-Einmaleins des Mid-90s-Post-Grunge ist in Stein gemeißelt, nicht erst seit Nickelback: cleane Gitarre in den Strophen, losbrezeln im Refrain, viel Leid und Schmerz in beidem. „Sometimes“ ist so eine Blaupause, hat aber Verve. „What’s In The Eye“ bleibt recht unspektakulär, legt aber auch das Gedankenexperiment nahe, wie es wohl geklungen hätte, wäre Bennington bei Alice in Chains eingestiegen. Die Songs sind enorm simpel gestrickt, mal balladesker, mal rockiger, bestehen aber fast immer aus einem recht dünnen instrumentalen Kleid für Chesters verzweifelt-aggressive Vocals, der auch schon damals so gesungen hat, als hinge sein Leben davon ab.

Eine vage Ahnung von Nu-Metal zieht sich durch die ganze Platte: So anders als Linkin Park etwa in der Mitte ihrer Schaffensphase klingen „Sickness“ oder „Just Like Heroin“ (mit endlich den Chester-typischen Screams) gar nicht. Auch “B12” nimmt ein bisschen den Crossover-Sound vorweg, mit dem Bennington später zum Weltstar werden sollte, bestimmt auch, weil man ihn wie auch andere Songs 2020-würdig mit elektronischen Spielereien aufpoliert hat. „She Shines“ hingegen klingt vollständig nach Korn – ob das etwas Gutes ist, muss jeder Hörer vermutlich für sich selbst entscheiden.

Natürlich ist „Amends“ bis auf wenige Ausnahmen derart nervenzerfetzend traurig, dass jeder Teenie-Band, die sich ein paar Jahre später „Emo“ geschimpft hat, die Schamesröte ins Gesicht treten dürfte. Mit Zeilen wie „I’m a whore and I‘m feeling sorry for myself”, den ersten des Albums, muss man umgehen können. Im „Soul Song“ darf dann auch Chesters Sohn Jaime ans Mikro, und die Tragödie ist perfekt. Dieses Album ist pure Nostalgie und Melancholie, deren Intensität im Quasi-Titeltrack „Morei Sky“ ihren Höhepunkt erreicht.

Ohne Chesters Stimme aber bliebe von den Kompositionen oft nicht mehr viel, und der antiquierte Sound allein ließe sich heutzutage bestimmt nicht mehr vermarkten. „Amends“ hat vor allem als pseudo-zeitgeschichtliches Dokument beziehungsweise Fan-Item seine Daseinsberechtigung. Für durchwegs herausragende Songs aber greife man dann doch lieber nach den ersten beiden Alben der Band danach: Linkin Park. Das dürfte bei Menschen, die jetzt so um die Dreißig sind, dann auch den wirklichen Nostalgieanfall auslösen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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