Have A Nice Life – Sea Of Worry

Album Sea Of Worry
Label The Flenser
Musikrichtung Shoegaze, Drone, (Post-)Punk
Redaktion
Lesermeinung
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Have A Nice Life sind ein Phänomen. Ihr 2008 erschienenes Debüt-Album „Deathconsciousness“ schlug bei seinem Erscheinen keine großen Wellen. Doch gilt es heute als eines der wichtigsten Alben experimenteller Musik des 21. Jahrhunderts. Denn Have A Nice Life treffen mit ihrer Musik einen Nerv: Den einer großen Internet Community. So wurde das Duo aus Conneticut eine der ersten Bands, deren Erfolg sich vor allem durch Untergrundforen, Mundpropaganda – und ja, Meme-Pages – erklären lässt. Dan Barett und Tim Macuga haben ein Mysterium geschaffen: Eine Band, deren eigener Online-Auftritt trefflich als rudimentär bezeichnet werden kann, deren wenigen Regungen aber von den Fans nahezu verehrend aufgesogen werden. Die musikalische Mischung aus Melancholie, Depression und Euphorie der beiden Experimental-Rocker trifft genau ins Schwarze bei einer Gemeinschaft, die sich im Internet zusammengefunden hat: Die der Einsamen, der Sonderlinge, der Traurigen. „Sea Of Worry“ ist das gerade einmal dritte Album in nahezu 20 Jahren Band-Geschichte – und genau so bahnbrechend wie seine Vorgänger.

Mit dem Titel-Track legen Have A Nice Life direkt einen Song vor, den wahrscheinlich nur die wenigsten von ihnen erwartet hatten. Denn „Sea Of Worry“ ist ein Hit, ein astreiner Post-Punk Smasher. Mit seinen nicht ganz fünf Minuten Spielzeit hält er sich sogar an gängige Rahmungen der Populärmusik. Versetzt mit „Wohoo“-Chören und anderen prägnanten Gesangspassagen gibt er sich dabei gleichermaßen überraschend wie überzeugend. Im weiteren Verlauf besinnen sich die beiden Ostküstler dann jedoch wieder mehr ihres Kerngeschäfts: Flirrende Soundwände kreieren, mit treibenden, wabernden Basslines, die die Songs immer wieder zu trance-artigen, ätherischen Gebeten werden lassen. Egal ob mit dem beinahe schon dreampopartigen „Science Beat“ oder dem extrem drone-lastigen „Lords of Tresserhorn“: Auch auf „Sea Of Worry“ kreieren Have A Nice Life wieder eine extrem vereinnahmende psychedelische Sogkraft. Doch sind sie dabei prägnanter geworden. Die einzelnen Strukturen der Songs verschwimmen nicht mehr zwangsläufig ineinander, sondern stehen nun auch gerne Seite an Seite. Der Fülle des Songbilds tut das keinen Abbruch, dafür wird der sowieso schon einnehmende Sound nochmals eine Nuance interessanter. Auch das lange, religiös anmutende Sample im dreizehn Minuten langen Schlusssong „Destinos“ passt sich da wunderbar ein und erweitert das Sounderlebnis um einen weiteren Aspekt.

2008, 2014, 2019 – vor Mitte der 2020er Jahre darf man sich wohl wenig Hoffnung auf den nächsten Streich von Barett und Macuga machen. Bis dahin wird sich auch wieder vorzüglich spekulieren lassen. Gibt es die Band überhaupt noch? Kündigen sie irgendwann mal wieder eine ihrer seltenen Live-Shows an? Am Ende wird auch dieser Umstand wieder für diese teils spleenige, vor allem aber magische Aura sorgen, die Have A Nice Life und ihre Musik umgibt. Sollte es dann wirklich erscheinen, wird auch Album vier wahrscheinlich wieder ein großer Wurf. Zunächst lässt sich auf „Sea Of Worry“ bis dahin aber ein Weiteres mal viel entdecken, in die Musik eintauchen und für knapp 45 Minuten verschwinden. Die Halbwertszeit dürfte dabei, wie auch bei den beiden Vorgängern, wieder ungemein groß sein.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
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