Hayley Williams – Petals For Armor

Musikrichtung Pop, Alternative
Redaktion
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Es ist nicht das erste Mal, dass Hayley Williams außer Haus unterwegs ist. Seit dem durchschlagenden Erfolg von „Airplanes“ ist jedoch schon eine ganze Dekade ins Land gezogen. Paramore wurden damals noch als Rockband mit Punk- und Emo-Touch wahrgenommen, bevor sie immer mehr in Richtung Mainstream-Pop abdriftete. In diesen Fahrwassern gab es zwar zwischendurch sogar einen Grammy für den besten Rocksong, gerade die letzte Platte „After Laughter“ aber verprellte Fans und Kritiker gleichermaßen.

Williams tauchte ab, bis sie im vergangenen Jahr überraschend einen Part als Gastsängerin auf dem dritten Album der Emo-Wiedergänger American Football übernahm. Fürs Credibility-Konto zweifelsohne ein kluger Schachzug und nur eine Vorahnung dessen, was folgen sollte. Mit angestrengt-erwachsenem Hochglanz-Pop möchte Hayley sich nun als Solo-Künstlerin etablieren, eine der eckigeren und kantigeren Art. Zumindest im Songwriting aber dann doch nicht ganz ohne die Unterstützung mancher Paramore-Jungs – und die können auch edgy.

„Petals For Armor“ ist ganze fünfzehn Songs stark. Im Streaming-Zeitalter hat die Künstlerin die ersten zwei Drittel fachgerecht als Vorab-EPs unters Volk gebracht und macht jetzt den Sack zu. Spoiler: „Simmer“, in dem Hayley schon nach allen Regeln der Kunst hauchen, stöhnen und sich an so etwas wie Beatboxing versuchen darf, wird sie im Folgenden nicht mehr toppen. Aber sie kommt nah dran. „Experimentell“ und „merkwürdig“ werden mitunter gerne verwechselt, davon kann auch „Petals For Armor“ ein Lied singen. Die meisten Nummern versuchen sich an sehr prominenter und vertrackter Percussion, markantem, zwischendurch gar funkigem Bass und verschiedenen Vocal-Styles einer Sängerin, die gerne zeigen möchte, was sie so alles auf dem Kasten hat.

Abgründigkeit steht ja spätestens seit Billie Eilish hoch im Kurs – von deren Kreativität ist eine Hayley Williams aber noch eine Ecke entfernt und befindet sich eher im Bereich obskurerer Madonna-B-Seiten, in denen die mal ein bisschen spookier werden durfte. „Creepin‘“ oder „Leave It Alone“ zum Beispiel sind keine schlechten Songs, aber auch keine hervorragenden. Und vieles ist auf „Petals for Armor“ dann doch konventioneller als zunächst angenommen: Ironischerweise sind das die stärkeren Songs.

Denn den verkopfteren Nummern fehlt oft einfach der entscheidende Funke: „Roses/Lotus/Violet/Iris“ featuret zwar Phoebe, Julien und Lucy von boygenius im Hintergrund, plätschert aber bloß dahin (und bedient sich noch dazu sehr offensichtlich an einer Gesangsspur aus Skating Polly’s „A Little Late“). „Sorry, I was in a depression, but I’m trying to come out of it now“, entschuldigt Hayley sich zu Beginn des beschwingten „Dead Horse“ am Telefon, bevor der Song zu lateinamerikanischen Rhythmen mit einem Ex-Lover abrechnet: die Emo-Variante von Las Ketchup. „Cinnamon“ setzt auf Background-Geschrei wie Melissa auf der Maur zu besten Zeiten.

Gerade gegen Ende des deutlich zu lang geratenen Gesamtwerks gibt es Füllmaterial („Taken“ oder das an Lady Gaga erinnernde „Sugar on the Rim“). „Why We Ever“ legt als fröhlicher Pop los und kippt in der zweiten Hälfte dann in himmelhochjauchzende Melancholie mit hartem Beat und tröpfelndem Piano – wirklich organisch wirkt der Übergang nicht, eher sehr gewollt. Stilvolle Achtziger-Verbeugungen wie den Synthiepop-Hit „Over Yet“ und das nicht minder spaßige, soulige „Pure Love“ beherrschen die Beteiligten definitiv besser. Oder die Fingerübung, in „Sudden Desire“ einfach nur eine coole Hook auf etwas brachialeren Elektropop zu setzen.

Es ist ein ständiges Auf und Ab: „Petals For Armor“ sind eher drei aufeinander gestapelte Mixtapes als ein schlüssiges Gesamtwerk, sorgen nichtsdestotrotz für frischen Wind. Am besten ist Williams, wenn sie ungezwungen Ohrwürmer trällern darf, die nicht mit der Brechstange in ein möglichst unkonventionelles Konzept gepresst wurden. Kulturpessimisten mögen hier die Zukunft des Veröffentlichungswesens oder des modernen Zitat-Pops erkennen, während ehemalige Paramore-Kids sich einfach freuen, dass sie mit Hayley mitaltern durften, und dann hoffentlich bald Radiohead hören. Eine gute Handvoll toller Nummern kann Frau Williams aus ihrem Debüt für die spätere Karriere definitiv mitnehmen, so verbissen ans Werk zu gehen hat sie gar nicht nötig.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Die besten Konzerterlebnisse Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Foxing (Darmstadt) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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