Her’s – Invitation to Her’s

Band Her's
Label Heist or Hit
Musikrichtung (Dream) Pop, Indie
Redaktion
Lesermeinung
7.5

Ein großer Hase, eine verstorbene Katze mit Kapitänsstatus und knisternder Telefonsex – das sind nur drei der vielen seltsamen Zutaten, die zwei Typen aus England und Norwegen in den Topf auf ihrem Liverpooler Herd schmeißen, mit luftiger Gitarre umrühren und super-smoothem Bass verfeinern. Die Synth-Suppe brodelt und blubbert munter vor sich hin, schmeckt süßlich und liegt angenehm leicht im Magen. Aber aufgepasst, wenn Her’s euch den Löffel hinhalten – es könnten mehr drin sein als nur Gewürzkräuter und Waldpilze.

Das artsy-nerdy Duo ist ziemlich dicke seit ihren Uni-Tagen in Liverpool und statt zum Seminar ging es da wohl irgendwannn öfter an die Synth-Drums. Ihr über die letzten Jahre herangereifter Sound wirkt dabei keineswegs kalt oder mechanisch: Her’s kontrollieren ihre elektronischen Helfer und nicht andersrum; zumal Sänger Stephen Fitzpatrick eigentlich auch ein ziemlich versierter Drummer ist. Wenn die Beats eher simpel gehalten werden, dann also im Namen der Tanzbarkeit und nicht als Zeichen rudimentärer Fähigkeiten. Fitzpatrick und sein hühnenhafter Sidekick Audun Laading kriegen es dank quirligem Gitarrenspiel und knackigen Basslinien hin, einen schön warmen und weichen Klangteppich zu weben, der einen organisch umhüllt und auf die Tanzfläche trägt. Da halten sie sich bevorzugt auf, deshalb hat es beim eigentlichen Platten-„Debüt“ nur für eine Kollektion vorher veröffentlichter Singles gereicht. Her’s wollen doch nur spielen. Und das nicht nur in Liverpool oder London, sondern auch mal im fernen Austin, Texas – eine Einladung zum South by Southwest ist schon etwas wie ein kleiner Ritterschlag. Neben MacBook und diversen Saiteninstrumenten immer dabei: ein Superhelden-Umhang. Her’s sind auf eine gute Figur bedacht.

Nicht nur die Outfits, auch der Output des Duos ist auf „Invitation to Her’s“ relativ abstrus. Mit „Harvey“, dem drei Meter großen Hasen aus dem gleichnamigen 50er-Film, geht die trippige Traumreise los: genuschelte Zeilen in verschnupftem British English, leiernde Orgel, pitched voice, catchy chorus – eine schräge Ode an imaginäre, flauschige Freunde. Echten flauschigen Freunden widmet sich Fitzgerald im darauf folgenden „Mannie’s Smile“, in dem er zu treibendem Disco-Sound seine unsterbliche Freundschaft zu seinem verschwundenen Kater ergründet. Mit einer für seine schlaksige Figur erstaunlich tiefen Stimme betrauert Fitzgerald die Absenz seines Mannie, dem Kapitän der Streuner seiner Straße.

Nimmt man die „Invitation to Her’s“ an, steht einem eine schon ziemlich schräge Fahrt bevor, die ihren absurden Gipfel in der klang-klischeemäßig völlig überzogenen und dadurch durchaus unterhaltsamen 0190-Ballade „Love On The Line“ findet. Musikalisch sind die elf Songs dabei wie gesagt sehr gekonnt ausgemalt. „Blue Lips“ oder „Under Wraps“ überzeugen mit zurückgelehntem, aber nicht simplem Riffing in leicht angezerrtem, angenehm luftigen Sound. Mit „Breathing Easy“ schlagen Fitzgerald und Laading auch mal balladeske, zuruckhaltendere Töne an. Dort oder bei „She needs him“ klingen Her’s dann auch wieder eher wie auf ihrer Single-Sammlung „Songs of Her’s“: etwas dunkler, langsamer, mehr nach Post-Punk und The Smiths.

Diese Tendenzen spielen sie in ihrer neu gefundenen Verspieltheit jetzt – leider – ziemlich runter. Viele Reviews fühlen sich bei „Invitation to Her’s“ vor die Sitcoms und Rom-Coms der 90er versetzt. Das kommt auch hin – mindestens die Hälfte der Songs würde super zu einem in weichen Filtern gebadeten Einspieler mit reichlich Gesichter-Zooming im VHS-Format passen. Über eine ganze Dreiviertelstunde wirkt das allerdings eher anstrengend, auf mich zumindest: Bei einem Sitcom-Marathon würde ich wahrscheinlich auch spätestens nach zwei Folgen abschalten – zu viel des Guten und so weiter. Viele andere feiern’s – aber Her’s müssen aufpassen, dass ihre bunten Anlehnungen und Anspielungen nicht selbst zur ausgelutschten Parodie werden.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
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