Hesitation Wounds – Awake For Everything

Label 6131 Records
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6

Jeremy Bolm hat mittlerweile die 30 geknackt. Ruhiger ist er nicht geworden. Touche Amore mögen das traditionelle Dauertouren (für jetzt) eingeschränkt haben. Der kleine Charmebolzen Bolm aber ist hyperaktiv wie eh und je: Sein Label „Secret Voice“ will gemanagt, die Hochzeit von TA-Kollege Nick Steinhardt gebührend gefeiert und das neue Touche Amore-Album eingetütet werden. Für einen Jeremy Bolm freilich alles kein Problem. Im Gegenteil, quasi nebenbei haben sich auch noch Hesitation Wounds ihr Debütalbum genehmigt!

Bolms illustre Kumpelbande mit Neeraj Kane (Hope Conspiracy), Stephen LaCour (Ex-Trap Them) und dem Sohn von Springsteen-Schlagzeuger Max Weinberg, Jay, der es etwas sanfter mag als sein Vater und sich folgerichtig bei Slipknot verdingt, existiert seit 2012. Die erste EP aus 2013 flog aber trotz der vier großen Namen (ja, klar, Supergroup, Olé) unter dem Radar. Shows gab es kaum. Viel zu beschäftigt waren die Herren mit ihren eigentlichen Bands.

Auch auf „Awake For Everything“ wird nun kaum eine Welt-Tournee warten. Wellen schlagen dürfte das Album trotzdem. Denn Jeremy Bolm kehrt zurück in die Zeiten, als bei Touche Amore noch kein unendlich-erhabener Post-Rock am Horizont schimmerte, sondern der blanke Hass regierte. In eine Zeit, als Bolm noch im gnadenlosen Rhythmus eines wohlbekannten toten Pferdes wütete. „Awake For Everything“, das ist 26 Minuten erbarmungslos-intensiver Hardcore-Punk – raffiniert, bisweilen metallisch und hochpolitisch!

Fast gnädig nimmt “Operatic” zu Beginn noch zehn Sekunden Anlauf, bis Weinberg Slipknot-erfahren zum brachialen Frontalangriff losprescht – und ihm seine Kollegen mit einem brutalen Riff-Gewitter bereitwillig folgen, während Bolm die Furie mimt. Einmal aufgewärmt jagen die werten Herren mit „Bleach“ gleich den nächsten Brecher hinterher, der Weinbergs Wirbeln aber einmal einfängt und wunderbar melodisch umgarnt, als schrieben wir noch 2009 und Touche Amore wären am Werk. Mit dieser sachten Retrospektive macht die rigorose Double-Bass in „Hands Up“ freilich im Handumdrehen kurzen Prozess.

Es ist wohl die größte Leistung auf dieser Platte, dass „Awake For Everything“ selbst zu solchen Momenten der puren Gewalt nie vollends abstumpft. Sogar in „Hands Up“ webt Kane noch herrlich flirrende Melodie-Momente ein, wenngleich die es extrem schwer haben. Dafür dürfen sie sich dann in „New Abuse“ genüsslich entfalten, während sich das schleppende „Away“ auf einmal an einer betörend-düsteren Atmosphäre ergötzt. Keine Frage: Das Quartett beherrscht den facettenreichen Flirt mit den Extremen. Selbst „All We Know“ geht in seinen pechschwarzen 54 Sekunden nicht in Weinbergs irrwitzigen Geknüppel unter.

Wer hier aber tatsächlich manchmal in den Hintergrund gerät, ist der Schreihals vom Dienst höchstselbst. Das ändert sich, wenn das Quartett vom noisig-angehauchten Weltuntergangs-Hardcore zu rassigem Hardcore-Punk umschwenkt – und Bolm die Standarte in die Hand nimmt! Schon „Guthrie“ prescht martialisch nach vorne, beseelt vom Widerstand gegen die neue national-autoritäre Bewegung, die sich hinter Donald Trumps Größenwahn zusammenrottet. („it’s all bullshit, we can see!“).

In dieser herrlich-halsbrecherischen Manier sind die alten Touche Amore sofort wieder präsent – und bleiben es sogar über die fast vier Minuten „Streamlined“. Vor sieben Jahren undenkbar, für Hesitation Wounds kein Problem. Das Meisterstück der Herren ist trotzdem knackig kurz: „Teeth“ vereint metallische Urgewalt, monumentale Melodien-Fetzen und Bolms unnachahmliches Talent zur absoluten Hingabe.

“I’m dying to see what’s next, for now I’ll just feel the effects!”
Nicht den kleinsten Schritt werde er zurückweichen, niemals. Sein Erfolgsgeheimnis hat Bolm 2013 in „To Write Content“ selbst aufgeschrieben und in die Welt geschrien. Genau dieser bedingungslose Geist pulsiert auch in „Awake For Everything“. Hesitation Wounds werden wohl trotzdem ein Liebhaber-Ding bleiben. Wahrscheinlich betrübt das die Herren auch kaum. Es warten noch genügend große Aufgaben für jeden der vier. Oder um es mit Jeremy Bolm zu sagen – always running, never looking back! Mit dieser Maxime ist er bislang blendend gefahren. Es gibt keinen Grund, warum sich das ändern sollte.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

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