Hesitation Wounds – Chicanery

Album Chicanery
Label Deathwish
Musikrichtung Hardcore Punk
Redaktion
Lesermeinung
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Mit Touché Amoré mag es Jeremy Bolm mittlerweile ausladender: Erhabene Post-Rock-Ausflüge geben sich mit mal mehr, mal weniger rasanten Parts die Klinke in die Hand. Melodischer und ja, auch, zugänglicher als zu den Anfangszeiten, aber nicht minder mitreißend. Das alte Rezept – kurz, knackig und betont brachial – beherrscht der 36 Jahre alte Tausendsassa freilich nach wie vor bestens. Schließlich hat er sich schon 2016 mit Stephen LaCour (ehemals Trap Them), Neeraj Kane (The Hope Conspiracy) und Thomas Cantwell (Gouge Away) zusammengetan, um sein Faible für bitterböse Brecher weiter auszuleben.

Das neueste Werk der vermeintlichen Hardcore-Supergroup belebt nun auch eine fast vergessen geglaubte TA-Tradition wieder: 7 Songs auf 12 Minuten – „Chicanery“ als Album anzupreisen, mutet da schon fast grotesk an. Musikalisch dagegen lässt sich wenig bemängeln. Das Quartett prügelt sich mit gnadenloser Konsequenz durch sein zweites „Album“ und kommt dabei so düster daher, wie es das Cover vermuten lässt.

Den besten Mix aus Brutalität, flirrenden Melodien und aberwitzigem Tempo bietet dabei der Paradesong „Hellevangelist“, der im Stil einer überdrehten Alarmanlage daherkommt, während Bolm sich den Song-Titel zu Herzen nimmt:

„Use their grief, use their shame, use their struggles, use their pain: you can sell salvation, you can sell it cheap, make seven figures, when you prey on sheep“

„Charlatan Fuck“ dagegen ist einfach nur derb – vom stoisch dahin marschierenden Schlagzeug bis hin zu den erbarmungslosen Riffs. Bolms Diagnose über den momentanen Zustand der amerikanischen Gesellschaft fällt entsprechend unschmeichelhaft aus: „A nation drinks from the stream of shit , proudly they cheer as they fall for it, a con artist dictator that loves a slogan, America – from damaged to broken“

In dieselbe Kerbe schlagen auch die nochmal rasanteren „Virtue“ und „Paragons Of Virtue“. Letzteres kann obendrein noch eine irrsinig wild-gallopierende Double Bass-Drum aufweisen. Dagegen wirkt „At Our Best When We’re Asleep“ fast wie eine Atempause – ist es aber natürlich nicht. „Ruhiger“ wird es tatsächlich erst zum Schluss mit „Ends (Pt. 3) – und hier klingen Hesitation Wounds dann doch einmal sehr nach Bolms Hauptband. So schließt sich der Kreis.

Wenn gerade mal wieder all der aufgestaute Ärger über was oder wen auch immer raus muss, bitte schön, greift ruhig zu dieser Platte. Jeremy Bolm scheint es bisweilen auch danach zu sein. Er beherrscht die Rolle des krawalligen Berserkers jedenfalls nach wie vor grandios – und Gründe, sie aufzugeben, sieht er in seinem Heimatland aktuell offensichtlich keine.

„I’m crossing my name off, I’m turning around, I’m disconnected, but glory bound“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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