Hinds – Leave Me Alone

Band Hinds
Musikrichtung Indie, Lo-Fi
Redaktion
Lesermeinung
6

Sie mache einfach worauf sie auch immer Lust habe und das werde sie gewiss nicht bereuen. Was eine gewisse Carlotta Cosials bei DIY so erzählt, liest sich wie der abgedroschen-plakative Großsprech den teilzeitrebellische 15-Jährige oder heitere Studenten auf ausgiebigem Selbstfindungs-/Urlaubstrip Tag für Tag von sich geben. Der feine Unterschied: Cosials redet nicht bloß groß. Sie macht tatsächlich – und das mit Erfolg!

2011 zur Musikerin berufen gefühlt, gründete sie mit Freundin Ana Garcia Perrote Deers (zu deutsch: Rehe) und begann mit ihrer Gitarre vor sich hin zu werkeln. Die Demo der beiden nahm 2012 dann gleich mal das Lokalblättchen The Guardian zum Anlass, das Duo zur Band der Woche zu küren. Es gibt Schlimmeres. Mittlerweile haben die beiden zwei Mitstreiterinnen gefunden (Ade Martin am Bass und Amber Grimbergen für’s Schlagzeug), sich in Hinds (ja, wirklich, Hirschkühe) umbenennen müssen und als erste spanische Band überhaupt mal eben beim Glastonbury gespielt.

Kein schlechter Werdegang, geht immerhin die Weisheit um: „Spanish bands stay in Spain“ – gefühlt tausendfach hätten sie das zu hören bekommen. Trotzdem blieb ihnen dieses Schicksal erspart. Das liegt wohl (auch) daran, dass ihre Musik maximal unspanisch ist. Ihre Einflüsse seien eben hauptsächlich amerikanische Bands, so Martin. Da war es auch nie eine Option auf Spanisch zu singen. Passenderweise erinnern sie äußerlich dann auch stark an die Kolleginnen von Warpaint. Nur deren hypnotischer Post-Punk wäre Hinds wohl zu lasch: Quasi in die Madrider Garage-Rock-Szene hineingeboren, hat man mit merklichem Strokes-Faible kaum eine Wahl. Also leben sie genau das aus.

Ihr Cover-Foto für’s Debütalbum sagt da schon viel: Das Bild könnte ohne weiteres aus einer ranzigen Photo-Box stammen, leidlich ausgenüchtert aufgenommen nach einer exzessiven Party-Nacht. Für viele ist es eine hohe Kunst so auszusehen – Hinds tun’s einfach, zu jeder Tageszeit. Und wie der Deckel aussieht, klingt das Werk: „Leave Me Alone“ sei auch eine Art vertonter Mittelfinger, sagt Costials, adressiert an all jene, die ihnen erklären wollen, wie die Dinge zu laufen haben – munteres Indie-Rock-Chaos eben, rotzfrech und ruppig.

HINDS – GARDEN from Pedro Martín-Calero Medrano on Vimeo.

“how many secrets you have that keep you smiling that way? you better start to behave.”
Sie – und nur sie – sind die Chefs im Ring. Dass das auch ja keiner missversteht, dafür sorgen die Madrileninnen schon im Opener. Ein kesser Mix aus Singen, Quietschen, Keifen grüßt in „Garden“ und drumherum krächzen die Gitarren. Rassige Riffs, ohne jede Schnörkel, dafür aber mit ordentlichem Retro-Charme. Die 60er scheinen nicht bloß einmal durch auf dieser Platte. Auf „Easy“ gibt’s dann mal eine munter-treibende Melodie, unbekümmert und, natürlich, herrlich schief. Selbst eine Zeile wie „you’re the love of my life“ schludern Cosials und Perrote hin, als riefen sie gerade noch dem Auserwählten durch die längst ins Schloss gefallene Wohungstür zu, er möge doch noch frisches Bier mitbringen. Charmant bis ins letzte eben. Schöner kann Indie-Rock nicht nach zugemüllter Wellblech-Garage klingen.

Cortials & Co verschwenden keine Sekunde an pseudo-intellektuelle Ausflüge. Zielsicher spielen sie sich von einem lässig-impulsiven Rocker in den nächsten. Willkürliche Brüche werden da gerne mal mitgenommen. Ein Gespür für das gewisse Quäntchen Pop-Appeal haben sie trotzdem. „San Diego“ etwa ist eine sonnig-ausgelassene Rock-Schmonzette auf die Hind’sche Art, Strand-Feeling inklusive („you couldnt stay here one more night, so take me to the beach alright”). Es lebe die juvenile Sorglosigkeit. Die Realität der spanischen Jugend sieht freilich anders aus. Fast jeder zweite der 15-24-Jährigen ist ohne Arbeit. Aber vielleicht ist gerade da eine pralle Portion musikalischer Laissez-faire einfach notwendig, ja so sogar sehnlich erwünscht. Und die bieten Hinds dann auch mal mit Ohrwurmpotential: Der ausgefuchste Retro-Rocker „Castigadas En El Granero“ hat sogar so etwas wie Struktur. Auch die Königinnen des Chaos brauchen wohl einmal eine Pause. Der Hörer dankt.

Ein ganzer Song zum gemächlichen Pulsschlag abmildern („Solar Gap“) wäre dann aber wirklich nicht nötig gewesen. So viel Ruhe vertragen die Hinds nicht. Und noch weniger steht sie ihnen. Zum Glück wissen das die Damen selbst am besten und fahren nur noch bei „And I Will Send Your Flowers Back“ auf Sicht. Zumal da schon wieder das wohl schiefste Duo Spaniens zu erleben ist.

„Leave Me Alone“ ist ziemlich anstrengend. Eigenwillige Riffs, nicht zaghaft, sondern möglichst brachial gespielt. Dazu der gerne auch mal pampige Gesang von Cosials und Perrote. Ja, das kann nerven. Besonders wenn die beiden sich eine viel zu lange Weile an einem Badabadababda-Duett amüsieren („Warts“). Vielleicht muss es das aber auch einfach. Denn dieses Quartett tut gut daran, ganz nonchalant dem Credo ihrer Frontfrau zu folgen. Das ist ohne Frage abgedroschen, Hinds aber sind es nicht – im Gegenteil. Ihre Geschichte hat gerade erst begonnen. Und langweilig dürfte die so schnell nicht werden.
„I could be your baby, but I’ll be your man!“

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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