Jolly Goods – Slowlife

Album Slowlife
Musikrichtung Indie, (Dream) Pop
Redaktion
Lesermeinung
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Tanno Pippi und Angy Lord sind die Künstlernamen, Jolly Goods das nach ewiger Abwesenheit wieder aus der Versenkung erhobene Projekt. Von dem angegrungten Krach von vor zehn Jahren ist auf dem nunmehr dritten Album kaum noch etwas zu spüren, dafür kommen Keyboard, Akustische und Synthesizer verstärkt zum Einsatz, und der Bass spielt bei der ehemals basslosen Band eine tragende Rolle.

Als loses Konzept haben sich die Jolly Goods, ganz im Geiste des Albumtitels, die Entschleunigung des Alltags, das Zurückziehen ins Nichtstun, das ganz große Slackertum auserkoren. „Eating Fries“ als Vorabsingle ist da exemplarisch: Kein Bock auszugehen, erst recht nicht in Berlin, stattdessen maximale Gönnung in der heimischen Badewanne. „Slowlife“ als Ganzes bringt nun eine gewisse vielschichtige Musikalität mit sich – und ein Gespür für den einen oder anderen großen sowie kleinen Pop-Moment.

Das Album ist bis ins kleinste Detail in Eigenregie entstanden, aber trotzdem ungemein opulent in der Ausstattung, an der hörbar sehr konzentriert getüftelt wurde. Großteils sind die Schwestern in Tempo und Songwriting in gemäßigteren Gefilden unterwegs und nicht auf Krawall gebürstet. Mit kuschlig weichem Wohlfühl-Pop hat man es hier trotzdem kaum zu tun, zu eigen und zu verwinkelt kommt das musikalische Selbstverständnis der Jolly Goods daher. Der Gesang schraubt sich in höchste Höhen und erinnert immer mal wieder angenehm an Sleater-Kinney (auch inhaltlich), aber ohne geballte Fäuste. Und vor allem „Abwechslung“ wird auf Albumlänge großgeschrieben.

„Disintegration“ – Schönen Gruß, Mr. Smith? – handelt von Aliens und anderen Planeten, dazu glühen die Tasten. Das hallende und schwerfällige „The Moon“ ist schon beinahe Dreampop und entfaltet einen kräftigen Sog. Auch „Stay“ ist slow – möglicherweise ein bisschen zu slow. Ein wenig läuft man als Hörer Gefahr, selig zu entschlummern, aber beim genaueren Hinhören entfaltet sich ein doch packendes, melancholisches Liebeslied – das vielleicht beste des Albums – , das erst später zur Bridge ein bisschen anzieht. Einzig „University Hell“ setzt auf Tempo und Lautstärke und evoziert verschwommene Erinnerungen an Riot Grrrl und Punk, stilecht mit quietschendem Pseudo-Gitarrensolo obendrauf. „The Leaves“ dagegen ist Quasi-Folk, und zusätzlich zur Akustikgitarre geistert etwas anderes durch den Song – ist das etwa wirklich ein Theremin? „Heavy Feet“, zusammen mit „Elephants“ eher klassischerer Indie-Pop, hat gar eine Tuba. Hier sind Multi-Instrumentalisten am Werk.

Die Jolly Goods verweigern sich dem Leistungsdruck und dem Funktionierenmüssen. Dafür zelebrieren sie Self-Care mit ausgeschaltetem Smartphone in zehn detailverliebten Songs zwischen Pop, Indie und so viel Orchester, wie eine zweiköpfige Band im Lo-Fi-Kontext nur zustande bringen kann. Nicht immer zieht das den Hörer absolut in seinen Bann, man muss sich darauf einlassen wollen. Im schlimmsten Fall sind die „50 E-Mails“ dann am Ende halt geschrieben und „Slowlife“ ist ohne größeren Eindruck vorbeigerauscht – nicht jede Nummer ist ein sofort fassbarer Hit wie „The Misanthrope Years“. Diejenigen jedoch, die wie die Jolly Goods gerade Spaß an der neu entdeckten Langsamkeit gefunden haben, werden an der Platte die meiste Freude haben. Für Kreativität und Ambition dürfen aber auch alle anderen ein Ohr riskieren.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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