Jungstötter – Love Is

Album Love Is
Musikrichtung Dark Pop, Singer-Songwriter
Redaktion
Lesermeinung
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Fabian Altstötter ist ein Vampir. Provinzdeutschlands jugendlich-ungestüme Indie-Hoffnung Sizarr wurde nach nur zwei Platten zu Grabe getragen und nun werden die Reste abgeschüttelt. Es folgt das Einpendeln im künstlerischen Alleingang. Stichwort Grab: Es wird düster, faszinierend morbide. Und nach Niedlichem wie „Would you ride my bycicle / Tell your friends I’m your friend“ („Mulo“) oder „Could you pick me up from school today / My mom will make some lunch for two“ („Baggage Man“) auch irgendwie erwachsen auf „Love is“. Oder eben „alt“ – wer will, kann hier Sinnsuche in der vielleicht ironisch grandiosen oder vermutlich einfach platt augenzwinkernden Auswahl des neuen Künstlernamens betreiben. Weniger Hipster, mehr Whiskey und Zigarre in der Keller-Lounge, auch wenn sich beides gar nicht ausschließen muss. Leiden dürfen weiterhin alle, es werden Songs um Wunden gewickelt. Mit ganz schön viel Stil.

Die Dancefloor-tauglichen Synthesizer wurden zusammen mit Sizarr irgendwo in der Pfalz im kalten Weinbergsboden verscharrt, der Wille zur Abgrenzung spiegelt sich direkt in der Instrumentierung wider. „There’s a silence in this room / It’s making everyone uncomfortable“: Zartes Piano, zurückgelehnte Percussion, folkig-verraucht und in gediegener Songwriter-Tradition. Reduziert und ursprünglich – anstatt Knallbonbons in die tanzende Menge zu schmeißen, spielt hier die organische Musik. Man stelle sich Altstötter dabei vor, wie er Kylie Minogue zusammen mit Nick Cave durch den Sumpf schleift („Black Hair“). Bei „In Too Deep“ wird das Ganze noch mit so arg verzerrter und schiefer Leadgitarre garniert, dass es eine wahre Freude ist.

Seine Stimme, seit jeher das von der breiten Masse lobgepriesene Alleinstellungsmerkmal, das das Wunderkind vom fleißigen Musterschüler trennt, ist die alte geblieben. In die angestaubte Produktion fügt sie sich aber vielleicht noch schlüssiger ein als in Sizarrs zappeligen Soundmix. Assoziationen an Tom Smith werden wach, vielleicht gar an den ollen Morrissey, wenn der sich mal wieder an Americana und Jazz abzuarbeiten versucht. Oder an Totengräber Mark Lanegan. „Wound Wrapped in Song“ ist dann sogar irgendwie sowas wie der Single-Hit. „It is night and it’s stretched like a bedsheet over the face of the day.“ Die Visitenkarte für den – sagen wir mal so – schwelgerischen Goth-Folk-Pop, den Altstötter jetzt kredenzt. „I Wonder Why“ swingt gar ein wenig, immer wieder blitzen natürlich die guten alten 80er durch, und „To Be Someone Else“ gibt den ausladenden letzten Akt. „All this time to understand the conditions of strangers / And now I’m one of them.“ Ob großer Romantiker oder schlicht einsamer Wolf, es regiert die Melancholie.

Also alles beim neuen Alten? „Systems“ pickt sich solange die Finger wund, bis dann doch sirenenartige Papillon-Synthies losbrechen, und auch beim Titeltrack grätscht zum Schluss ein kleines, noisiges Elektro-Gewitter zwischen den weiblichen Backgroundgesang und das Pathos. Vielleicht geht es demnächst dann nichtsdestotrotz wieder mit den Editors auf Tour, Atmosphäre und Intimität zuliebe bleibe es aber lieber bei den kleinen Kellerbühnen. Auf dass der elegante, todtraurige und doch erhabene Sog der Musik seine volle Wirkung entfaltet und außer einer Wand aus Zigarrenrauch kein Zentimeter mehr zwischen Künstler und Publikum passt.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Kyoto
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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