Kid Dad – In A Box

Album In A Box
Band Kid Dad
Musikrichtung Alternative, Emo, Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

Kid Dad sehen zwar aus, als seien sie erst frisch geschlüpft, aber eigentlich sind sie schon ganz schön herumgekommen. Das gelegentliche Hereintröpfeln neuer Singles während ständigem Touren mit relativ bekannten Acts – auch ohne ganze Platte – erinnerte schon fast an britische Zustände und deren meist flott wieder ausrangierte Hype-Trains. Bei Van Holzen war das vor ein paar Jahren ähnlich, nur klingen die wesentlich mehr nach deutscher Provinz. Kid Dad hingehen sind fest verwurzelt in einem 90er-infizierten Depri-Gitarrenrock, den man mit verbundenen Augen eher auf der Insel oder in den Staaten verorten würde. Nicht nur der charakteristische, androgyn-näselnde Gesang zwischen Aydo Abay und frühem Brian Molko schreit geradezu nach Vergleichen mit deren jeweiligen Bands und Artverwandten.

Für ihr erstes volles Album haben die Paderborner sich massig Zeit gelassen, und den Perfektionismus hört man den Kompositionen auf „In A Box“ an. Gestreifte Wollpullover und die früher noch anzutreffende kindliche Cobain-Verehrung gegen satten Hall auf den Gitarren, den kompromisslosen Emo-Rundumschlag und eine gewisse epische Breite in den Songs einzutauschen war die richtige Idee. Die klassische Laut-Leise-Dynamik und die Powerchord-Soundwalzen in den Refrains sind immer noch da, nur sind es nun eben auch kleine Details und Schnörkel wie wimmelnde Gitarren-Licks und samtweiche Outros, die Kid Dads angsty Alternative-Nummern ihren jeweiligen Wiedererkennungswert verleihen.

Breitbeiniger Fast-Bombast wie in „A Prison Unseen“ wechselt sich mit garagigeren Grunge-Verneigungen („Happy“) und melancholischen Indie-Nummern („Window“, „Limbo“) ab, die durch die Bank weg angenehm nach dem Ende des letzten Jahrtausends klingen, ohne dabei zu sehr gestellt rüberzukommen. Die Band hat für das recht knackig geratene „In A Box“ in puncto Abwechslungsreichtum, Spannung und Dynamik definitiv ihre Hausaufgaben gemacht.

Die Lyrics der Jungs bieten dabei mitunter Angriffsfläche. So ein bisschen reiten Kid Dad nämlich schon herum auf angesagten Sadboy-Tropes, suhlen sich in Schwermut und Einsamkeit, und schießen dabei mitunter übers Ziel hinaus („No one’s alone like me until I die“). Wenigstens haben sie sich mittlerweile von jugendlichem Nonsens à la „I added acid to my lunch / ‘cause I wanted to have fun” und dergleichen entfernt.

Wirklich gesünder unterwegs sind die Vier jedoch nicht. Liebeskummer und Weltschmerz führen die jungen Musiker in unsichtbare Gefängnisse, in die Vorhölle und wieder zurück; dabei wünschen sie sich mal in Flammen zu stehen, mal einfach allein zu sein. Meistens ist alles ganz schön schlimm! Das riecht hin und wieder ein bisschen nach Kalkül anstatt nach ehrlichem Mut zur Schwäche, und eine breiter gefächerte Themenpalette würde weder Unterhaltsamkeit noch Authentizität Abbruch tun. Wenn bei aller Introvertiertheit jedoch Hits wie die mitreißende Stop-and-go-Hymne “Naked Creatures” entstehen, ist das Lamentieren auf hohem Niveau.

Wünschen kann man Kid Dad, dass sie sich auf ihren kommenden Werken noch ein Stück weiter aus der musikalischen Komfortzone herauswagen und auch ungewöhnlichere Nummern wie „Your Alien“ weiter ausdifferenzieren. „In A Box“ aber ist zunächst das erste große Ausrufezeichen einer vielversprechenden Newcomer-Band – selbst, wenn sich hier nur die Blutjungen und Unverstandenen angesprochen fühlen. Wer weiß, am Ende sind Kid Dad vielleicht die Speerspitze eines neuen deutschen Emo-Revivals der Generation Z, und dieses findet seinen Anfang dann ausgerechnet in Paderborn.

„How happy are you now?” Grundsätzlich wenig bis gar nicht, bei solch wunderbarer Rockmusik aus deutschen Landen aber kann sich niemand beklagen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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