Kim Gordon – No Home Record

Band Kim Gordon
Label Matador
Musikrichtung Noise Rock, Electro
Redaktion
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Das mehr oder weniger überraschende Ableben der New Yorker Experimental-Rocker Sonic Youth ist nun auch schon wieder fast ein Jahrzehnt her, aber an Kim Gordon erinnert man sich. Ob ihre Stimme, ihre Outfits, ihre überlebensgroße Coolness – die Frau ist Kult. Und hat ihr Pulver auch mit 66 noch nicht verschossen: Hey, kool thing, come here, sit down, ich habe neue Musik für dich.

Ihr Solodebüt heißt „No Home Record“, und der Name ist Programm: Gordon hat es sich nicht in der heimischen Garage gemütlich gemacht und mit Laptop und Achtspurrekorder schrammelige Demos aufgenommen, sondern stattdessen alles aufgefahren, was Lärm verheißt. Schräge Performance-Kunst für die Bohème oder songorientierte Popmusik mit Krach? Die Wahrheit liegt dazwischen.

„Sketch Artist“ macht mit schiefen Synthie-Violinen, hartem Elektrobeat und gestöhntem Sprechgesang den Auftakt, und die zweite Hypothese ist verworfen. Ein bisschen wie Portishead auf anderen, brutaleren Drogen. Zwischendurch ein kleines melancholisches Intermezzo, dann wieder Gewalt. Stark! Der grandios übersteuerte Blues-Rocker „AirBnB“ (ja, wirklich) macht da weiter, wo Sonic Youth einst aufgehört haben, groovt ziemlich und könnte auch Grunge sein, wenn er denn wollte und es das gäbe. Aber genug Gitarren.

In „Paprika Pony“ (Songtitel kann sie) gibt Kim wieder den verführerischen Sukkubus im Spoken-Word-Vortrag, bedient sich erneut synthetischer Sounds, vergisst – oder eher: ignoriert aber vollkommen absichtlich –  die Höhepunkte im Songwriting. „Don’t Play It“ weiß auch nicht wirklich, wo es hinwill, wenn denn überhaupt irgendwo hin, aber die Shouts sitzen, die Effektgeräte kennen keine Grenzen und alles ist ein bisschen beunruhigend. Außerdem Pluspunkt für „You can pee in the ocean, it’s free.“ „Murdered Out“ dazwischen bringt den verwaschenen, industriellen Noise zurück, gibt gepflegt aufs Maul und catcht den Hörer eher.

„Cookie Butter“ ist das Sorgenkind der Platte, ein abgemagertes Gerippe eines Songs mit den letzten Resten von Musik zwischen den Zähnen, aber Kim liebt es trotzdem. „Hungry Baby“ ist dann sexy Protopunk ganz im Vibe der Stooges oder Mudhoney, und eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Kim, Mark Arm und Iggy Pop ist ja sowieso nicht von der Hand zu weisen.  „Yeah, yeah, yeah, yeah!“ Im Anschluss entspannt „Earthquake“ den Hörer, bevor dieser vollkommen bekloppt wird; der Beinahe-Dreampop mäandert aber auch ein bisschen träge und ziellos durch die Gegend. Was früher „Kill Yr Idols“ war, heißt dann heute „Get Yr Life Back“, und als Schlussakkord beschwört Kim das Ende des Kapitalismus und es regnet dunkle Schokolade.

No Wave muss man mögen, sicherlich, „No Home Record“ aber ist ein absolut schlüssiges weiteres Puzzlestück im beachtlichen Lebenswerk der Künstlerin, besetzt zwischen aktuelleren Noise-Eskapaden (Body/Head) und so manch früherer Pop-Perle die klare Mitte. Klar schreit immer noch alles an Frau Gordon Neunziger, zu eng wird sie damit assoziiert, zu charakteristisch ihre nie alternde Stimme und ihre Art, zu singen. Aber ihr Debütalbum ist kein sentimentales Berufen auf alte Tugenden oder Aufwärmen alter Konzepte, sondern ein alleinstehendes, äußerst kreatives und auch nur manchmal dezent missverständliches Kunstwerk. Diese Kim Gordon sollte man im Auge behalten, die wird vielleicht noch ganz groß.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Kyoto
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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Die besten Konzerterlebnisse Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Foxing (Wiesbaden) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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