Lady Gaga – Chromatica

Album Chromatica
Band Lady Gaga
Musikrichtung Electropop, Synthie Pop
Redaktion
Lesermeinung
2.5

„Welcome to Chromatica. Now dance motherf*ckers“: Diese Instagram-Ankündigung zu Lady Gagas sechstem Album spricht eine deutliche Sprache. Der Vorgänger „Joanne“ war durch die Bank großartig, aber wie das eben mit Pop-Gesetz Nr. 1, der ständigen Neuerfindung, so ist, sind Stahlsaiten und Cowboystiefel mittlerweile schon längst wieder zurück in den Requisiten-Schrank gewandert. „Back to the roots“ heißt bei den meisten hier diskutierten Bands „Auf sie mit Gebrüll“; bei Gaga, und das ist wirklich eine Weile her: „Just Dance!“ „Chromatica“ lässt die Gliedmaßen zappeln und hat Josh Homme und Bradley Cooper gegen Elton John und alle möglichen europäischen Elektro-Produzenten eingetauscht. Es ist ein großes, buntes, schön rundes Stück Plastik.

Frau Germanotta ist in den meisten Dingen, die sie tut – unpopular opinion: mit der Ausnahme Schauspielern –, besser als der Durchschnitt. Heißt: Sie kann singen und an Songs tüfteln, die nicht zwangsläufig von findigen Marketing-Spezialisten nach der neuesten Analyse des Spotify-Nutzerverhaltens in verwertbares Autotune gepresst werden müssen, während andere den Pressetext mit „authentisch“ und „große Künstlerin“ basteln, um erfolgreich zu sein. Gaga nimmt ihr Publikum ernst. Und sie weiß auch, dass dieses schon mit einem die letzten Jahrzehnte zitierenden House- und Techno-Fundament, kräftigen Vocals und Dauerbrenner-Themen à la Empowerment, Emanzipation und „den Schmerz einfach wegtanzen“ zufrieden gestellt werden kann. Don’t be a drag, just be a queen. Und ganz so viele Tonspuren wie früher braucht’s dafür auch nicht mehr.

Auf „Chromatica“ gibt es viele okaye bis gute Songs. Oft sind das einfach nette Melodien auf Billig-Beat („Fun Tonight“, „1000 Doves“). Läuft eigentlich, gäbe es da nur nicht die langweiligen Melodien auf Billig-Beat („911“, „Plastic Doll“). Hätte es dieses Jahr einen Eurovision Song Contest gegeben, mit der ein oder anderen Nummer hätte Gaga für Länder wie Litauen oder die Ukraine antreten können, von denen die meisten Amerikaner wohl gar nicht genau wissen, wo sie überhaupt liegen.

Der happy Neunziger-Pop von „Stupid Love“ zum Beispiel ist ja ganz nett, als Comeback-Single aber auch ein bisschen wenig – und das quietschende Vocal-Sample vom Dorfkirmes-Autoscooter definitiv Geschmackssache. „Rain on Me“ mit Ariana Grande ist da gehaltvoller: simpler, aber effektiver Pop mit House-Einschlag, und für die Zielgruppe sowieso a match made in heaven.

„The scars on my mind are on replay“: Oft setzt Gaga sich mit ihrer mentalen Gesundheit auseinander, der der Fame, der Stress, toxische Beziehungspartner („Fun Tonight“), die Paparazzi („Babylon“) und die ganze Welt an den Kragen wollen. Die meisten Songs kommen trotz dieser gewissen textlichen Schwere ohne unnötigen Schnickschnack und so manche Verrenkung aus, die es auf „Artpop“ des Selbstzwecks willens noch zur Genüge gegeben hätte.

In den nach dem Album benannten Interludes gibt es pseudo-epische Filmmusik, die direkt aus Disney-Zeichentrickfilmen entsprungen scheint. Im starken „Sour Candy“ kollaboriert Gaga mit den K-Pop-Sternchen BLACKPINK und alle wurschteln sich durch verschiedene Stimmeffekte. „When I was young I felt immortal“: Einer der größeren Coups des Albums ist die ungewohnte Bariton-Gesangseinlage von niemand Geringerem als Rocketman Elton John in „Sine From Above“, und nicht nur die LGBT-Community weint vor Freude.

„Chromatica“ kann man für Dance-Pop als bodenständig und entschlackt verstehen, der Pomp vergangener Tage ist passé. Und nach der fünftausendsten Wiederholung von „Shallow“ hatte Frau Germanotta auch keine Lust mehr auf Balladen. Nur vereinzelt serviert sie noch künstlich überhöhte Spitzen, etwa das unsinnige Drum-and-Bass-Outro in „Sine From Above“.

Aber trotz aller Künstlichkeit und Kostümwechsel: Gaga ist kein Bowie und kein Michael Jackson – irgendetwas fehlt. Vielleicht die Brillanz? Wäre Gaga eine Punk-Band, „Chromatica“ wäre – dem übertrieben knalligen und bedeutungsschwangeren Artwork zum Trotz – die Rückkehr zum Garagen-Sound der Anfangstage, der Teenage Angst und den drei Akkorden. Aber im Mainstream-Pop? Musik, zu der man je nach Gusto tanzen und denken kann, ist cool, sonst bräuchte es zum Beispiel Daft Punk nicht. Und Gaga? Der Name ihrer allerersten Single verrät es bereits.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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