Lightning Dust – Spectre

Album Spectre
Musikrichtung Ambient, Folk, Indie-Rock
Redaktion
Lesermeinung
8

 „Words by Webber, song bones by Webber, song flesh by Wells“ – besser kann man ein Faible für existentiellen Purismus kaum ausdrücken, als es Amber Webber und Joshua Wells im Booklet ihres neuen Werks tun. Obendrein haben sich die beiden in der Vergangenheit als passionierte Wanderer zwischen diversen Welten hervorgetan. Mit der Band Black Mountain trieben sich die Kanadier im Prog- und Stoner-Rock herum, während sie sich mit Lightning Dust erst folkigen Klängen und später dem Synthie-Pop verschrieben.

Der große Durchbruch blieb dem Duo bislang verwehrt, markante Spuren haben sie seit 2007 gleichwohl hinterlassen. Auf das wunderbare Kleinod „Antonia Jane“ etwa stieß vor gut neun Jahren auch Gaslight Anthem-Frontmann Brian Fallon. Später landete es sogar auf einer B-Seiten-Sammlung der aktuell pausierenden Erfolgsband aus New Jersey.

Lightning Dust blieben derweil unter dem Teppich – vielleicht auch weil die beiden lange nicht voll auf eine Karte setzen wollten. Jetzt soll das anders werden: Seit 2016 ist Lightning Dust Vollzeitjob. Freilich hat es nochmal drei Jahre gedauert, bis der Nachfolger von „Fantasy“ (2013) unter die Leute gebracht werden kann.

Diesem könnte man nun – durchaus zurecht – attestieren, ein perfektes Album für die dunkle Jahreszeit zu sein. Wunderbar melancholisch-schwärmende Melodien zu gemächlichen Retro-Synthies, eine düstere, verführende Stimmung, die immer wieder hoffnungsvollem Aufbruch den Weg bereitet und über allem: die famose Amber Webber. Scheint alles dabei zu sein für einen Abend vor dem prasselnden Kamin, nachdem man dem wirbelnden Herbststurm entkommen und in die heimelige Altbauwohnung geflüchtet ist. So schön, so klischeehaft –  doch das vergiftete Argument „Herbstplatte“ hat „Spectre“ nicht verdient. Dafür ist es zu vielschichtig und vor allem: zu gut.

Opener „Devoted To“ ist der erste und mit der beste Beweis für die Qualitäten dieses Duos. Was als unheimlich heranwaberndes Synthie-Etwas mit schiefen Tönen und grollenden Bass beginnt, entpuppt sich wenig später als grooviger Song mit Post-Rock-Anleihen. Und Webber macht mit einem Verweis auf die verheerenden Waldbrände rund um Vancouver 2018 gleich einmal deutlich, dass sie nicht für romantisches Gesäusel angetreten ist:

„Even with all the beauty pillaged, cut through my hair to see, even with all the kindness wrung out, there’s fire in the trees and now I’ll find my way back in, even if I never sleep, I will find my way back in“

Die Symbiose aus altem Folk-Gewand, Synthie-Sucht und rockigen Ausflügen funktioniert prächtig. „Run Away“ etwa kommt als herrlich-treibender Indie-/Folk-Pop daher, ganz so als habe man den Titel als Appell zu verstehen, was wohl auch nicht ganz abwegig ist: Laut Webber ist der Song inspiriert von der Entscheidung einiger Bekannter, ihre aufreibenden Jobs zu kündigen – auf die Freude folge da bisweilen Angst vor der zunächst ungewissen Zukunft.

 

Die geheimnisvoll anmutende Piano-Ballade „Inglorius Flou“ sitzt ebenfalls tadellos. Webber hat ein erstaunliches Talent dafür, in einem Vers ganz nah zu wirken und im nächsten scheinbar wieder weit weg zu weilen. Ihr ausgeprägter Hang zu einer stattlichen Portion Hall auf der Stimme kommt da natürlich gerade recht. Diese dramaschwangere Aura umgibt auch das perfekt inszenierte „Joana“; alleine Wells pointiertes Schlagzeugspiel und die mächtig hallende Gitarrnriffs für sich sorgen schon für großes Kino. Das Ergebnis ist ein erhabenes Finale allererster Güte.

An Gefühl mangelt es auf „Spectre“ wahrlich nicht. Im harmonischen Seelenwärmer„When It Rains“ serviert Webber obendrein noch ein paar Lebensweisheiten: „It’s time we celebrate our weakness, it helps us question what it is we want to life for“ – das ist natürlich immer noch furchtbar kitschig, aber in der Form weitaus besser verdaulich als in irgendeinem TED-Talk.

Wem der plakative Moodboard-Pathos doch etwas bitter aufstößt, der wird mit dem munter-tänzelnden „A Pretty Picture“ entschädigt und ist spätestens nach „33am / 100 Degrees“ vollends versöhnt. Bedrohlich und verführerisch zugleich bahnt sich der Schlussakt von „Spectre“ seinen Weg, bis zu einem Gitarrenpart, der den Foals-Vergleich nicht zu scheuen braucht.

Mag sein, dass Black Mountain-Jünger es anders sehen: Aber nach langem Zögern alles auf die Karte Lightning Dust zu setzen, hat sich für Amber Webber und Joshua Wells ausgezahlt – zumindest, wenn man es bloß von der musikalischen Warte aus betrachtet: „Spectre“ ist weitaus interessanter als die üblichen folkig angehauchten Indie/Ambient-Alben, die viel zu oft zwar eine wohlig-warme Atmosphäre bieten, gewagtere Manöver aber meiden. Wenn es also unbedingt eine „Herbstplatte“ sein muss, dann empfiehlt sich diese. Freude bereitet sie allerdings das ganze Jahr über.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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