Many Voices Speak – Tank Town

Album Tank Town
Musikrichtung (Dream) Pop, Indie, Ambient
Redaktion
Lesermeinung
8

„Outside the city lights…“

Die Weite der Wälder, die sich wogende Wassermassen der Weltmeere, die Lichter von Los Angeles – manche Musik schafft es, ihre Hörer an mitunter weit entfernte und durch die Klänge doch immer klar gezeichnete Orte zu versetzen. „Tank Town“ ist eine dieser Kopfkino-Platten, die zusätzlich zu den Emotionen, die sie auslösen, dem geistigen Auge auch immer Entdeckungsreisen anbieten. Die Cineastik von Many Voices Speak erkannten auch die Macher der Serie Riverdale und des Films All the Boys I’ve loved before, und Mards Präsenz in diesen Netflix-Produktionen ließ sie auf all den richtigen Radaren aufleuchten: Spotify, Stereogum, Noisey.

Für Matilda Mard war eine kleine schwedische Industriestadt weit abseits ihrer Heimat Stockholm die tatsächliche Kulisse des Songwritings – die imaginäre Kulisse der Songs, die dort entstanden sind, können sich ihre Zuhörer erschaffen: der titelgebende Opener klingt nach einer Nachtfahrt über eine dunkle Landstraße inmitten weiter Felder, „Bony Shelter“ fühlt sich nach einem Abend im schwülen Sommer an, „Chances“ rollt nachdenklich dahin wie eine Busfahrt durch eine Stadt, die nie schläft.

„I thought I saw you…so many times“

Wo auch immer es im Kopf beim Hören hingeht, man hat weitschweifende, langsam schwenkende Bilder vor sich, Zeitraffer und Zeitlupen gleichermaßen. Mards vorsichtige Arrangements entschleunigen die vierzig Minuten Spielzeit ihres Debütalbums spürbar, das Hier und Jetzt rückt in den Hintergrund: Ihre Texte hängen nachdenklich in vergangenen Momenten fest, reflektieren und rearrangieren. Mards Songs durchzieht eine immense Nostalgie, und ihre warmen, sanft pulsierenden Kompositionen schaffen es, trotz elektronischer Instrumente ein eigentlich sehr klassisch klingendes Klangbild zu schaffen. Immer wieder dominant: einsame, angenehm analog hallende E-Gitarren, die sich warm über die sanft treibenden Synth-Flächen legen – das wirkt besonders stark in reduzierten Stücken wie „Bad Woman“.

Mards Musik hat etwas sehr Zeitloses – auf ihrer EP „Away For All Time“ gelang es ihr deshalb auch, den schon oft gesungenen Klassiker „Blue Moon“ gleichzeitig traditionsbewusst und trotzdem hochmodern klingen zu lassen. Ihre meist zurückhaltende, aber kraftvolle Stimme erinnert in „Had It“ an Romy Madley Croft von The XX oder besonders in „Your Town“ an Elena Tonra von Daughter, im treibenderen „Chances“ auch an die Wild Ones aus Portland. Anders als zumindest die ersten beiden ist Mard größtenteils allein für die Musik verantwortlich, die ihre Texte trägt: ein schwedisches Solo mit großer Sogkraft.

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
Die besten Konzerterlebnisse Bier in der Hand, Gänse auf der Haut

Hinterlasse einen Kommentar