Matt Berninger – Serpentine Prison

Musikrichtung Indie Pop, Singer-Songwriter
Redaktion
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Matt Berninger hat den Blues. Der vielleicht beliebteste Bariton im ganzen Indie-Rock-Zirkus kapselt sich von seiner Band ab und veröffentlicht – sein Stelldichein mit EL VY von 2015 einmal außen vor gelassen – die erste Platte im Alleingang. „In seinem eigenen Müll graben“, wolle der beinahe 50-Jährige, dessen introvertierte, aber nie so ganz zu seiner eigenen Person zu gehören scheinenden Texte zwischen kryptischem Storytelling und lyrischem Ich eines der wesentlichen Markenzeichen von The National sind.

War auch deren letztes Monumentalwerk „I Am Easy to Find“ von vorne bis hinten vollgepackt mit Liebesliedern – in denen, und das war der Clou, auch die weibliche Seite in Gestalt zahlreicher Gastsängerinnen zur Sprache kommen durfte –, knüpft „Serpentine Prison“ nun nahtlos daran an. Ganz allein wäre aber auch ein Matt Berninger aufgeschmissen, der kann nämlich laut eigener Aussage selbst kein Instrument spielen – nicht einmal ein Tamburin. Und so hat er erneut eine illustre Schar von Kollaborateuren rund um Produzenten-Legende Booker T. Jones um sich versammelt, und auch Bandkollege Bryan Devendorf hat seine hochbegabten Finger im Spiel, während der abtrünnige Aaron Dessner bekanntermaßen lieber mit Taylor Swift angebandelt hat.

„Please come back, baby, make me feel better”, fleht Berninger schon im Opener “My Eyes Are T-Shirts”, und diese Sehnsucht zieht sich durch alle zehn Songs. Man beginnt schnell Carin Besser, oder wer auch immer diesmal stellvertretend das Objekt der Begierde ist, zu vermissen, ohne sie persönlich zu kennen. „It’s so hard to be loved so little” lamentiert Matt weiter im angejazzten “Loved So Little”, oder er wartet in “Distant Axis“ zu schwermütiger Akustikgitarre vergeblich auf seine Angebetete.

Ohne die jüngeren Elektro-Spielereien und die vertrackte Percussion seiner Hauptband wühlt Team Berninger für „Serpentine Prison“ in der Americana-Mottenkiste und greift auch gerne auf Pedal Steel, Orgel und Mundharmonika zurück. In „Collar Of Your Shirt” – Shirts scheinen neben Anzügen eine neue Obsession zu sein – variiert er tatsächlich seinen Gesang, experimenteller wird’s jedoch nicht. Der reduzierte musikalische Rahmen bietet Raum für einen Sänger in seinem Element, und mehr will „Serpentine Prison“ auch gar nicht – vergleichen mit so manch verkrampftem Solo-Ausflug anderer bekannter Band-Frontmenschen bleibt Berninger angenehm bescheiden, und das ohne in trägem Dad-Rock zu landen, wie man nicht ganz zu Unrecht hätte befürchten können.

Songs wie der äußerst eingängige Schmachtfetzen „One More Second“ oder der schon lange zuvor veröffentlichte Titeltrack punkten mit hochgradig simplen, aber prägnanten Melodien, die für ihren treffsicheren Einsatz in A24-Indie-Dramen höchstwahrscheinlich Oscars gewinnen würden.

In “Take Me Out Of Town” und „All For Nothing“ tröpfelt das Piano zunächst wie noch in “Light Years”, bevor Orgel und Bläser beiden Songs einen feierlichen Anstrich verpassen, der Lust macht, doch noch einmal „High Violet“ aufzulegen. Und mit Gail Ann Dorsey tritt dann bald auch am Mikro eine alte Bekannte auf: Auf dem unbeschwert swingenden “Silver Springs” spielen sich beide bei flackerndem Kerzenschein die Bälle zu, als wären sie noch immer „easy to find“.

Vielleicht gibt es musikalisch weniger Weltbewegendes zu entdecken und zu entschlüsseln als bei der Hauptband, ein starkes und kuschlig-herbstliches Songwriter-Album aber bleibt „Serpentine Prison“ allemal. Zwar zeigt Berninger hier nicht die Eier, Nazis zu verkloppen, wie dereinst in „Not In Kansas“, und er reimt auch nur einmal „electrician“ auf „nationalism“. Abseits der Politik aber und maximal befindlichkeitsfixiert präsentiert er sich als anschmiegsamer Elitepartner, der nach dem gemeinsamen Besuch einer Kunst-Vernissage zum Hören seiner Platte in die Brooklyner Altbauwohnung einlädt und Unmengen an Rotwein dazu direkt selbst mitbringt.

„Always in love with someone / If it ain’t me – come on.”