Miles Away – Tide

Album Tide
Band Miles Away
Musikrichtung Hardcore
Redaktion
Lesermeinung
6

Die Sehnsucht nach der See ist mindestens so alt wie die Poesie selbst. Vielleicht sogar noch weitreichender. Mit seiner kathartischen und reinigenden Wirkung spielt der Ozean in der Dichtung gerne mit der Ambivalenz von Leben und Tod. Er ist Ausdruck endloser Einsamkeit und beklemmender Ungewissheit. Und er besitzt als Metapher sowohl in seinen ruhigen als auch den stürmischen Phasen eine nahezu umwerfende Durchschlagskraft.

Auch Hardcore hat, so sucht man denn an den richtigen Orten, schon immer seine ganze eigene Bindung zur offenen See. Diese ist seit jeher fest in der Musik und natürlich auch in den einschlägigen Tattoo-Motiven verankert – Pun intended.
Da ist es nun nicht sonderlich überraschend, dass gerade Miles Away mit „Tide“ ihr erstes Werk seit geschlagenen fünf Jahren vordergründig dem großen Teich widmen. Die Band aus Perth, der kleinsten und einsamsten der vier australischen Metropolregionen – und der einzigen im Westen des Landes – kennt die Küsten vor dem indischen Ozean wahrscheinlich wie ihre eigene Westentasche. Es erscheint also nur naheliegend, dass sich das Aussie-Quintett nun zu einer neuerlichen Ode an die See hinreißen lässt.

Die Verbundenheit von Nick Horsnell und seinen Mitstreitern zu der hauseigenen Szenerie scheint immer wieder durch den Klangteppich: Aufbrausend, stürmisch und durchdringend prischt „Tide“ voller Energie gerade aus, streut Melodie um Melodie ein und ballert trotzdem gewaltig nach vorne. Vor dem geistigen Auge sieht man den spleenigen Frontmann förmlich wettergegerbt an den Küsten Western Australias umherwandeln, die stürmische Gischt und die salzige Seeluft immer an seiner Seite. Vor allem bei „Terra Incognita“ entfaltet sich hier die volle Durchschlagskraft.
Das bereits zuvor ausgekoppelte „Let The Worlds Roll By“ wartet mit einer clean gesungenen Passage auf, die für Gänsehaut garantiert. Und mit „Grateful“ haben Miles Away ihre eigene Liebesbekundung an das band’sche Schaffen und die gemachten Erfahrungen geschrieben. Bei nunmehr dreizehn Jahren Bandgeschichte dürfte da eben auch Einiges hängengeblieben sein.

Natürlich bedienen sich Miles Away in der Tradition der Musikrichtung und auch der platteneigenen Thematik der ganzen Bandbreite an stürmisch aufreibenden Pathos. Doch das machen sie in nahezu perfekter Weise. „Tide“ ist ein Lichtblick in der Masse der melodischen Hardcore-Releases der letzten Jahre und zeigt eindrucksvoll, dass es Bands gibt, auf die man sich verlassen kann. Leidenschaftlich und doch aufgeräumt ist Miles Away mit „Tide“ ihr bisher bestes Album gelungen.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben American Football - American Football, Have A Nice Life - Deathconsciousness, Deafheaven - Sunbather, Duster - Stratosphere, Julien Baker - Turn Out The Lights
Die besten Konzerterlebnisse Iron Chic, Comadre, Julien Baker

Hinterlasse einen Kommentar