Milk Teeth – Vile Child

Album Vile Child
Band Milk Teeth
Musikrichtung Grunge, Emo
Redaktion
Lesermeinung
5

„I see further than this town’s four walls.“

Unbeständig, ungeschliffen und unprätentios fiel der Grunge Anfang der 90er über die Rockwelt her und riss den technischen Metal der 80er mit zwei Akkorden in Stücke. Was für ein Auftakt! Ganz so simpel war es vielleicht nicht – aber sogar der Musikjournalist Sam Dunn fragt sich in seiner großartigen „Metal Evolution“-Dokureihe, warum diese weinerlichen Flannel-Zottel seine solo-affinen Headbanger so durcheinander gebracht haben. Wie alle großen Geschichten wurde die Durchschlagskraft des Seattle-Sounds immer weiter mythisch umwoben und hat so ausgeschmückt längst seinen Platz in der Musikgeschichte gefunden. Dabei sollte einst doch alles einfach ranzig, fettig und rotzig sein: aus dem Herz in den Mund. Und jetzt? Jetzt muss man in jeder Dorfdisco umringt von Dorfdisco-Gängern „Smells Like Teen Spirit“ über sich ergehen lassen, und Wischiwaschi-Bands wie Creed oder Nickelback dürfen sich Post-Grunge schimpfen.

„Happiness lies in the dosage.“

Die Revolution hat ihre Kinder zum Glück aber nicht ganz gefressen: Angeknabbert vom neoliberalen Leben reißen die Kids, die damals zu spät dran waren, jetzt verzerrte Flanger-Klänge aus den Boxen und damit die schnöde Fassade ein: Citizen, Superheaven, Turnover, und eben auch Milk Teeth. Und da steht es dann, das dreckige, trotzige Kind von damals: „Vile Child“.

Milk Teeth sind aus dem englischen Bristol und klingen nicht nach Insel – aber auch nicht nur nach Seattle. Klar, die geflangerten Gitarren atmen Cobain und Co., die Drums schlagen im Rythmus eines jungen Dave Grohl, und der Bass knurrt dumpf wie im Soundgarten. Aber die Melodien spielen auch mit Mid-90s Emo ala Jimmy Eat World oder Weezer und der lethargische Gesang von Becky Blomfield liegt müde über dem energischem Klangbild wie bei Garbage.

„All of the words that you said left a hole in the back of my head.“

Das alles ist nicht oberflächliche Nachmache, sondern tiefe Verbeugung. Milk Teeth überspringen mal schnell mindestens 20 Jahre musikalische Evolution und klingen deshalb aber irgendwie erfrischend modern: Endlich mal kein Mädel, das klingen will wie Hayley Williams. Endlich mal wieder schwurbelige Riffs und endlich mal wieder ein frisches Gewand für die Teenage Angst. Milk Teeth schlagen die Zeit tot und die alten Emo-Herzen höher: Der langweilige Alltag und langwierige Beziehungsdramen werden von dem britischen Trio mit Hang zum Pathos kurzweilig vorgetragen.

Das Quartett erfindet auf seinem Langspieldebüt die Formel der beiden EPs nicht neu, aber es verfeinert sie. „Vile Child“ ist deshalb nicht unbedingt eine Überraschung, aber eine angenehme Steigerung. Die Melodien sitzen etwas besser, die Musik drückt etwas mehr. Die frühen Hardcore-Ausflüge von „Smiling Politely“ erlaubt sich das Trio nur noch in „Get A Clue“: Dort darf Oli Holbrook rumschreiend mal allein ans Mikro. Der Song zeigt auch, dass es die richtige Entscheidung war, die Mikrofon-Front auf weite Strecken Bassistin Becky Blomfield zu überlassen: Das sphärische „Sunbaby“ funktioniert auch, doch besonders Songs wie der Opener „Brickwork“, das flirrende „Brain Food“, das stampfende „Burger Drop“ werden von mal zu mal besser. Genauso wie die schwerfällige Neuauflage von „Swear Jar“ und das akustische „Kabuki“ verfolgen sie einen mit den schwindeligen Melodien in Becky Blomfields Stimme.

„And I’m wasting [time] on daytime TV, ‚cause no one in this town will hire me.“

„Wäre Grunge nicht an der Nordwestküste des Pazifiks, sondern in der Mitte Englands entstanden, würde er wohl so klingen wie Kagoule.“ Das wurde an dieser Stelle vor ein paar Monaten über Kagoule aus Nottingham geschrieben – und muss hiermit korrigiert werden: Er würde wahrscheinlich so klingen wie Milk Teeth. Auf dass Grunge nicht nur ein ewiger MTV-ReRun bleiben muss. Auf „Vile Child“!

Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
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Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
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