Nails – Abandon All Life

Band Nails
Musikrichtung Metal, Powerviolence
Redaktion
Lesermeinung
6

Musikalische Authentizität hat viele Gesichter. Sei es nun die technisch einwandfreie Produktion, der „trve Lifestyle“ einer Band oder die emotionale Ansprache der Musik. Freilich sollte letzteres die wichtigste Maxime sein. Todd Jones und seine Nails verstehen etwas von dieser Authentizität, was sie mit „Abandon All Life“ einmal mehr unter Beweis stellen.

Die nervigen Dampfwalzen- oder Atombomben-Vergleiche, welche gerne bei allen Veröffentlichungen der Band zur Beschreibung des typischen Nails-Sounds genutzt werden, sind bei „Abandon All Life“ obsolet. Niemand hat ernsthaft angezweifelt, dass die Amerikaner für ihren dritten Longplayer auf Härte verzichten würden. Statt neue Superlative zu erfinden, sollte hier einerseits die Gesamtatmosphäre betrachtet, andererseits die Entwicklung der Band beobachtet werden. Gehen sie noch immer ihren Weg der puristischen Negativität? Finden sich überraschende Details oder gar Experimente auf dem Album? Ja und nein.

Der Opener „In Exodus“ und die nahtlos anschließenden 42- und 43-Sekünder „Tyrant“ beziehungsweise „Absolute Control“ geben bereits eine Geschwindigkeit vor, die in der Moshpit-Klientel als gemeingefährlich gilt. Anschließend betreten Nails erstmals Neuland: Das unerwartet doomige „Wide Open Wound“ verdeutlicht alles niederstampfend in angenehmer Härte, was Nails von der Menschheit halten, nämlich am liebsten Abstand. Dieser Eindruck wird durch die folgenden Tracks nur noch wiederholt und bestätigt. Eine kompakte Portion des derzeit dunkelsten Grind-Powerviolence-Geschwaders am Himmel.

Fakt ist: Nails schaffen es, über diese 10 Songs und 17 Minuten Spieldauer (davon gehen allein fünf Minuten an „Suum Cuique“) – trotz zugegebenermaßen ähnlicher Songstrukturen – kein Stück zu langweilen. Die vorhandene Monotonie ist zudem ein Stilmittel, das bewusst gewählt ist. Death-Metal-Riffs treffen auf das präzise, äußerst Blastbeat-affine, Schlagzeugspiel des Multitalents Taylor Young, Todd Jones‘ gewohnt beeindruckende Vocals spotten erst recht jeder Beschreibung. Genau hier spiegelt sich die Glaubwürdigkeit der Band, man kauft ihnen jedes Wort und jede Note ab. Dabei behalten sie ihren Stil bei, erfinden sich nicht neu und gehen auch keine Risiken ein.

Fakt ist außerdem: Nails verkörpern eines der härtesten musikalischen Extreme, ihre unfassbare Aggression würde in keinem anderen Genre diese Wirkung erzielen. Das im Vergleich zum Vorgänger „Unsilent Death“ deutlich crisper produzierte „Abandon All Life“ klingt an manchen Stellen nicht unerheblich nach den guten alten Nasum (beispielweise das 2004er Album „Shift“), nur wesentlich finsterer. Das Converge-Gehirn und Produktionsgenie Kurt Ballou hat dem Rohdiamanten „Abandon All Life“ zum Feinschliff verholfen. Neben Bands wie Trap Them, Oathbreaker und All Pigs Must Die reihen sich Nails in das Portfolio des Meisters ein, was von ihm durch einen weiteren Meilenstein des auditiven Nihilismus quittiert wird. Die Kalifornier bedanken sich. Wir uns auch.

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