Narrow Head – 12th House Rock

Musikrichtung Grunge, Alternative, Shoegaze
Redaktion
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Zeitreisen sind ja nicht erst seit Netflix‘ „Dark“ in Mode. Gerade im gitarrenorientierten Rock werden schon seit einer ganzen Weile gerne Bigmuff und Weltschmerz ausgegraben, um weiter am sogenannten „90s-Revival“ zu werkeln. Narrow Head aus dem sonnigen Texas setzen nicht einfach bloß auf Inspiration, sondern bauen den Sound, auf den sich ‘91 jeder einigen konnte, bis ins kleinste Detail nach. Auf ihrem Zweitwerk „12th House Rock“ gibt es die kurzen Noise-Brecher, die semi-akustische Interlude und massenweise träge Feedback-Monster, verschlurft und meistens ziemlich drauf. Alles Malen nach Zahlen, die berühmte Kopie einer Kopie einer Kopie? Oder doch: talent borrows, genius steals?

Dichte Gitarrenwände wie aus Watte und wummernder Bass bestimmen das Geschehen, das an den Genre-Klassikern geschulte Songwriting und die nöligen Vocals machen die gewollte Monotonie perfekt. Meistens ist die Band im Midtempo unterwegs, so richtig in den zähen, träumenden Shoegaze kippt sie nur manchmal („Nodding Off“). Die Produktion ist fett und klingt tatsächlich danach, als hätte Steve Albini die Band in seinem Wohnzimmer verkabelt – wenn schon, dann richtig! Für so viel Liebe zum Detail kann man Narrow Head eigentlich kaum böse sein, Handwerk und Stil aber übertönen oft Kreativität und Substanz.

Ab und an schälen sich aus dem Fuzz-Inferno die Ohrwürmer heraus („Ponderosa Sun Club“), aber der Hörer muss sie sich erarbeiten – oft genug geht man im Grunge-Sumpf auch einfach hilflos unter. Vor allem stimmlich erinnern Narrow Head interessanterweise eher an die Zombie-Grunger Silverchair zu „Frogstomp“-Zeiten als an die eigentlichen Pioniere dieses Sounds wie Nirvana oder die Pumpkins („Yer‘ Song“, „Hard To Swallow“), erreichen aber nie deren Qualität. Wie sehr sich „Night Tryst“ dann aber am „Gish“-Sound von 1991 anlehnt, ist schon beinahe frech, oder eben eine derart tiefe Verbeugung, dass die Stirn auf den Boden knallt.

Im gerade mal eineinhalbminütigen Titeltrack „12th House“ oder dem bizarren „Delano Door“ channeln Narrow Head ihre „In Utero“-Energien, Letzterer darf mit kleinem Emo-Refrain zwischendurch aufatmen. Die fast schon pop-punkende Dragonball-Referenz „Bulma“ gibt Punkte auf dem Popkultur-Konto, die Gute stellt sich neben die Videoauskopplung „Stuttering Stanley“ in die Reihe der gutmütigeren Songs.

Hauptdarsteller auf „12th House Rock“ sind die Sechssaiter – es ist beinahe erholsam, wenn diese, wie an einer Stelle in „Night Tryst“, zwischendurch mal Sendepause haben oder wie im Downer „Wastrel“ lediglich unverstärkt gezupft werden. Denn leider mangelt es diesem sperrigen Brett von Platte deutlich an Abwechslung, in ewig langen Nummern wie „Evangeline Dream“ wird das besonders extrem. Narrow Head ballern einem die volle Dröhnung Sound um die Ohren, aber wenig nennenswerte Kompositionen, in denen sie zeigen könnten, was sie vom Rest ähnlich fleißiger Grunge-Kopisten unterscheidet.

Klar, dass sich beim Anhören eines Copy-and-Paste-Werkes wie „12th House Rock“ kein Aha-Effekt einstellt, aber es bleiben brennende Fragen: Bis zu welchem Punkt darf ein derartiges Plagiat noch authentisch genannt werden, und welcher Hörerschaft möchte man eigentlich erklären, wie penibel genau man die Codes eines Musikstils von vor dreißig Jahren verstanden und verinnerlicht hat? Narrow Head sind ihren beeindruckend konkreten Ambitionen zum Trotz in etwa so authentisch wie ein auf Bangkok’s Khao San Road erworbener Doktortitel. Damit kann man zwar sicherlich eine Weile seinen Spaß haben, es darf nur niemand Fragen stellen.

Autor Ralf Hoff
Wohnort Frankfurt
Beruf Student
Dabei seit Oktober 2018
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