Nathan Gray – Nthn Gry

Album Nthn Gry
Musikrichtung Post-Hardcore, Punk
Redaktion
Lesermeinung
7

Erst hieß es, sie kämen nur für das selbst organisierte Festival nach Deutschland. Kurze Zeit später folgte dann jedoch die Ankündigung eines neuen Albums und das gleich in Verbindung mit einer Tour, die die Band sogar für einige Shows in die hiesigen Gefilde führen wird. Und weil Freizeit und Privatleben ja bekanntermaßen als unglaublich überbewertet gelten, dachte sich der Frontmann von Boysetsfire doch zusätzlich noch ein bisschen mehr zu machen. Soll heißen: ein trotz Vokaleinbußung selbstbetiteltes Soloprojekt („Nthn Gry“) auf den Markt zu bringen. Hinter eben diesem Projekt steckt allerdings nicht nur Nathan Gray himself, denn unterstützend an der Seite steht Daniel E. Smith mit seiner Akustikgitarre.

Von dem Sound der beiden kann man sich bereits seit ein paar Monaten ein Bild machen, denn schon Mitte Januar erschien eine erste EP, allerdings nur in digitaler Form. Physisch gibt es sie erst jetzt – dafür aber mit doppelter Trackzahl. Die Anzahl aber ist das einzige, das mit dem Faktor Zwei multipliziert wurde. Tatsächlich kam nämlich anstatt vier neuen Liedern nur eines hinzu, die anderen drei basieren auf schon bekannten. Der Opener „Wolves“ findet sich beispielsweise als Remix von Daniel E. Smith an fünfter Stelle des Tonträgers wieder, „Tomorrow“ und „Baptismal Rites“ wurden ebenfalls neu aufgenommen. „Corson“ wurde dagegen nicht neu interpretiert, stattdessen hat es „Wayward Ghosts“ auf Platz Acht von „Nthn Gry“ geschafft.

Trotz der Dopplungen verliert die EP doch weder an Originalität, noch gewinnt sie an Langeweile – vielmehr wird sie interessanter! Die erste Version von „Wolves“ hätte zum Beispiel kaum dramatischer beginnen können, startet er schließlich mit einem Sampler aus dem Horrorfilm „Dreams In The Witch House“. Dazu kommen Synthesizer-Sounds und Grays abgedunkelte Stimme. Und wenn dann noch nach etwa zwei Minuten eine Frau im Hintergrund panisch zu schreien beginnt, hat sich sogar bei den abgebrühtesten Hörern eine leichte Gänsehaut gebildet. Bei der Remix-Version von Smith ändert sich daran nicht viel: Zum einen meldet sich die schreiende Frau schon ganz zu Beginn zu Wort und zum anderen wurde das Tempo ein wenig angezogen. Zur unheimlichen Grundstimmung passend ist aber auch der Remix noch immer langsam gehalten. Die beiden darauffolgenden Songs („Tomorrow“, „Baptismal Rites“) sind in ihrer Dramaturgie durch den Einsatz einer Orgel ihrem Vorgänger sehr ähnlich. Doch auch ihre Akustikversionen im zweiten Teil des Tonträgers konnten Nathan Gray und Daniel E. Smith so aufnehmen, dass man schon zum Zuhören gezwungen wird. Durch die fehlenden (oder weniger exzessiv genutzten) Filter auf der Stimme des Boysetsfire und I Am Heresy Frontmannes klingen sie sogar noch emotionaler, fast schon ehrlicher.

Im Gegensatz dazu wurde „Corson“ nur auf eine Art eingespielt. Dies ist aber keinesfalls schlimm, denn auch so, ganz ohne große Vergleichsmöglichkeiten, hat dieser Song das Potenzial, zum Liebling der EP zu werden. Er beginnt ganz ungewohnt mit Streichern, nach etwa zehn Sekunden kommen Smith mit seiner Akustikgitarre und Gray mit seiner Stimme – ganz unverzerrt – hinzu. Es entsteht eine Ballade, die sich nach und nach immer mehr zu einer Hymne entwickelt. Während „Wolves“ noch ein Gefühl des Unbehagens hervorgerufen hat, erwärmt „Corson“ einem nun die Seele. Animiert dazu, ganze Textpassagen in die Welt hinaus zu schreien: „To ourselves we are true / To the future we are certain / We bury death beyond these walls / Where the ghosts of past years/ Walk away and dissipate with every tear / To never haunt this room again / Invoke the tidal wave / Wash away the guilt… the pain / Exist in light reclaimed / We are vital“.

Bis vor Kurzem hätte es wohl keinen besseren Schluss für „Nthn Gry“ geben können, doch nun nimmt „Wayward Ghosts“ den Platz des Schlusslichts in Anspruch. Mit nur etwas über drei Minuten ist es zudem das mit Abstand kürzeste Lied der gesamten EP, die mit nur acht Songs immerhin 36 Minuten, also durchschnittliche Albumlänge, aufweisen kann. Als ebenso spektakulär wie „Corson“ kann man „Wayward Ghosts“ allerdings auf keinen Fall bezeichnen, er ist wirkt eher melancholisch. Minder hörenswert ist er dadurch aber nicht.

Auf „Nthn Gry“ bekommt man alles geboten: Horror, Gänsehaut, Atmosphäre, hymnische Balladen, akustische Neuinterpretationen. Was will man mehr?

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